# taz.de -- Erziehungswissenschaftler über Autorität: „Autoritäres Verhalten ist immer ein Zeichen der Schwäche“
       
       > Autorität bedeutet nicht nur Unterdrückung, sagt Wissenschaftler Roland
       > Reichenbach. Warum Autorität notwendig ist – und was sie von Macht
       > unterscheidet.
       
 (IMG) Bild: Sehnsucht nach Autoritäten: Russische Veteranen verneigen sich vor Wladimir Putin
       
       taz: Herr Reichenbach, ist Autorität eigentlich nur schlecht? 
       
       Roland Reichenbach: Auf keinen Fall. Sie wird zwar mit Recht kritisiert,
       allerdings sollte man zwischen den verschiedenen Autoritätskonzepten
       unterscheiden. Es ist ein Phänomen im Leben der Menschen, das sowieso
       existiert. Egal, wie man darüber nachdenkt.
       
       taz: Ab wann ist Autorität legitim? 
       
       Reichenbach: Der Begriff Autoritas kommt ursprünglich aus der Antike und
       bezeichnete den Rat der Älteren. Dieser hatte zwar nicht die Macht, etwas
       umzusetzen, jedoch war er wie ein Berater. Jüngere sollten ihm zuhören und
       vor allem auf seine Erfahrung achten. Autorität ist die Anerkennung von
       Anderen, die mehr Wissen und Erfahrungen haben. Zunächst bezeichnet sie
       eine Beziehung, in der jemand den anderen akzeptiert und die Autorität in
       einem bestimmten Bereich legitimiert.
       
       taz: Ist Autorität etwas Notwendiges oder Problematisches? 
       
       Reichenbach: Es ist etwas Notwendiges, damit wir den Menschen, die
       glaubwürdig sein sollten, auch Vertrauen schenken können und deren
       Autorität „anerkennen“. Es wird dann problematisch, wenn die Anerkennung
       nicht mehr erhalten wird. Dann werden die Menschen in der Regel autoritär.
       Das autoritäre Verhalten ist immer ein Zeichen der Schwäche und ist
       deswegen problematisch. Wenn Eltern und Vorgesetzte autoritär werden,
       erkennen Kinder und Mitarbeitende sie nicht mehr als Führungsautorität an.
       
       taz: Warum neigen Menschen dazu, sich Autoritäten trotzdem zu unterwerfen,
       selbst wenn diese ihnen schaden? 
       
       Reichenbach: Leider ist der Unterschied zwischen geführt werden und
       verführt werden nicht ganz klar. Es scheint ein [1][großes Bedürfnis nach
       Autoritäten] zu geben, ansonsten wäre der vorherrschende starke
       Autoritarismus in dieser Welt kaum nachvollziehbar. In der Politik und in
       einer funktionierenden Demokratie ist Autorität auch gar nicht wegzudenken,
       denn die Begriffe bedingen sich. Das autoritäre Verhalten ist im Gegenzug
       undemokratisch. Denn wenn zum Beispiel die Regierung autoritär wird, dann
       hat sie Angst vor ihrem Volk und will die Anerkennung herstellen. Aber das
       funktioniert nicht, denn ein Teil dieser positiven Anerkennung der
       Autorität muss freiwillig sein.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Die Autorität meines Arztes akzeptiere ich, aber er kann mir nicht anderen
       Bereichen sagen, wie ich das Leben zu führen habe. Bei den Eltern ist das
       evolutionär bedingt, dass wir die Bereitschaft von Geburt an haben, uns
       führen zu lassen. Wir müssen den Erfahrenen vertrauen, anders können wir
       nicht überleben.
       
       taz: Also ist Autorität eine gesellschaftliche Organisationsform? 
       
       Reichenbach: Letztendlich schon, aber nicht geführt von einzelnen Personen,
       sondern von der Bürokratie und den Gesetzen selbst. Diesen
       [2][unpersönlichen Autoritäten unterwerfen] wir uns, ob wir wollen oder
       nicht. Jedoch können unpersönliche Autoritäten wie die der Wissenschaft,
       der Macht oder der Medien auch problematisch werden, da sie große Wirkung
       haben. Wir müssen diese Regelsysteme dulden und können sie nicht
       beeinflussen.
       
       taz: Wie unterscheiden Sie zwischen Autorität und Macht? 
       
       Reichenbach: Macht beschreibt ein asymmetrisches Verhalten, denn Menschen
       sind abhängig voneinander. [3][Man kann nicht genau sagen, wo die Macht
       liegt], denn letztlich sind auch Eltern abhängig vom Kind und Lehrende sind
       abhängig von ihren Schülern. Autorität ist das Mittel, das diese Asymmetrie
       legitim erscheinen lässt.
       
       taz: Welche Missverständnisse über den Begriff Autorität sind am meisten
       verbreitet?
       
       Reichenbach: Die [4][Autoritätskrise der modernen Welt] ist die, dass wir
       eine Gleichheit voraussetzen, die so nicht existiert. Wir kommen
       asymmetrisch auf die Welt und selbst wenn dein Arbeitgeber sagt „Wir haben
       das zusammen beschlossen“, dann ist dies unwahr. Man musste zustimmen, weil
       man Mitarbeitende ist. Autorität bestimmt, wer gehorchen muss.
       
       9 Feb 2026
       
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