# taz.de -- Historiker über die NSDAP in Palästina: „Parteimitgliedschaft als Versicherung“
> Die NSDAP gab es nicht nur in Deutschland. Ralf Balke wirft einen Blick
> auf die Selbstnazifizierung im „Heiligen Land“.
(IMG) Bild: Heim ins Reich: Begrüßung von Rückkehrern aus Palästina im Dezember 1942
taz: Herr Balke, Nazis in Palästina – was war da denn los?
Ralf Balke: Es handelt sich bei diesen Personen – ich nenne sie
Palästina-Deutsche – um [1][nichtjüdische deutsche Templer], die in den
späten 1860er Jahren nach Palästina ausgewandert sind.
taz: Deutsche Templer?
Balke: Das waren Angehörige der Tempelgesellschaft aus dem Schwabenland –
nicht zu verwechseln mit dem Templerorden der Kreuzritter. Es handelt sich
um eine christliche, pietistische Gruppe, die in Erwartung der Apokalypse
ein Refugium im für sie Heiligen Land suchte. Sie selbst betrachteten sich
als das neue auserwählte Volk, gründeten in Palästina mehrere Siedlungen.
Dort lebten sie über drei Generationen hinweg sehr abgeschottet von der
arabischen und der später zunehmend präsenteren jüdischen Bevölkerung.
taz: Und wurden zu NSDAP-Anhängern?
Balke: Ab ungefähr 1931 suchten Einzelne von ihnen Kontakte zur
Auslandsorganisation der NSDAP. Infolge der [2][Machtübertragung an Hitler
1933] wuchs die Anzahl der Parteimitglieder dann sprunghaft auf ungefähr 17
Prozent unter den Erwachsenen an. Bei anderen Auslandsdeutschen lag der
Durchschnittswert dagegen nur bei 5 Prozent.
taz: Wie wurde dieser Kontakt aufgebaut?
Balke: 1931 hat ein in Haifa ansässiger Architekt die NSDAP angeschrieben
und gefragt: „Wie kann man bei euch Mitglied werden?“ Man hatte von der
NSDAP über Medien erfahren, konnte den Stürmer abonnieren. Nach und nach
sind in allen deutschen Kolonien einzelne NSDAP-Ortsgruppen entstanden.
Unter den profiliertesten Parteimitgliedern kam es dann zu einem
Konkurrenzkampf, aus dem ein gewisser Cornelius Schwarz als Sieger
hervorgegangen ist. Dessen Sohn hatte bereits in Kairo eine
NSDAP-Landesgruppe aufgebaut und Kontakte zu Alfred und [3][Rudolf Heß].
taz: Wieso fühlten sich so viele Palästina-Deutsche von der NSDAP
angezogen?
Balke: Zum einen bestand durch die NSDAP die Möglichkeit, abseits der
tradierten Strukturen der Tempelgesellschaft eine gewisse Stellung
einzunehmen. Das andere waren die [4][Unruhen zwischen 1936 und 39]. Den
Palästina-Deutschen wurde durch die Auslandsorganisation der NSDAP
suggeriert, sie seien integraler Bestandteil des deutschen Volkskörpers.
Dementsprechend hat man die Parteimitgliedschaft als eine Art Versicherung
wahrgenommen.
taz: Was ist zwischen 1936 und 39 passiert?
Balke: Es gab einen Aufstand der arabischen Bevölkerung gegen die britische
Herrschaft, gleichzeitig gegen die jüdische Einwanderung. Es kam zu
bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
taz: Und mittendrin die Palästina-Deutschen.
Balke: Genau, vor allem ökonomisch. Sie waren abhängig von arabischen
Arbeitskräften und beim Verkauf ihrer Produkte auf den wachsenden jüdischen
Markt beziehungsweise die britische Mandatsmacht angewiesen.
taz: Führte das auch zu gewaltsamen Konflikten?
Balke: Nur begrenzt. In den Unruhejahren sind nur vereinzelt
Palästina-Deutsche zu Schaden gekommen. Die Aufständischen rund um den
Mufti von Jerusalem ließen bewusst von ihnen ab, weil man sich aus
Deutschland militärische Unterstützung erhoffte und Berlin nicht verärgern
wollte. Schwarz gab die Order aus, dass alle Palästina-Deutschen ein
Hakenkreuzabzeichen tragen sollten, um nicht mit Juden oder Briten
verwechselt zu werden. Es gibt auch eine absurde Geschichte: Der zwischen
der deutschen Siedlung Wilhelma und Jerusalem pendelnde Milchtransporter
nahm gelegentlich jüdische Passagiere mit, die beim Passieren durch
arabische Gebiete die Hakenkreuzfahne schwenken mussten, um nicht von den
Arabern behelligt zu werden.
taz: Wann endete die Zeit der Nazis in Palästina?
Balke: Die NSDAP war [5][1939 mit Kriegsausbruch] Geschichte. Stunden
vorher hatten einzelne Palästina-Deutsche bereits einen Dampfer gechartert,
andere wurden von den Briten interniert und später nach Australien
verfrachtet. In Palästina bleiben durfte zunächst nur eine kleine Gruppe
Älterer, die spätestens zur Unabhängigkeit Israels das Land verlassen
mussten.
10 Feb 2026
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## AUTOREN
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