# taz.de -- Whitaker und das Weltsozialforum: Verfechter des Diffusen und Bunten
       
       > Im brasilianischen Porto Alegre findet das zehnte Weltsozialforum statt.
       > Mitbegründer Chico Whitaker wird wieder mit dabei sein. Trotz seiner 78
       > Jahre denkt er nicht ans Aufhören.
       
 (IMG) Bild: Nehmen auch am Forum teil: Indios aus dem Amazonas-Gebiet .
       
       Wenn am Montag im südbrasilianischen Porto Alegre das zehnte
       Weltsozialforum beginnt, werden drei Gründerväter wieder in vorderster
       Front mitmischen: die Brasilianer Chico Whitaker und Oded Grajew sowie der
       Franzose Bernard Cassen. Anfang 2000, die globalisierungskritische Bewegung
       war gerade durch das Scheitern der Welthandelskonferenz in Seattle in
       Schwung, präsentierten Whitaker und Grajew dem damaligen Direktor von Le
       Monde diplomatique in Paris die Idee einer Gegenveranstaltung zum
       Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos.
       
       Das Attac-Mitglied Cassen war Feuer und Flamme. Er schlug Porto Alegre als
       Austragungsort vor, dessen Beteiligungshaushalt als Modell kommunaler
       Demokratie gerade Furore machte. "Es war eine Sache von drei Minuten",
       erinnert sich Cassen.
       
       Im Januar 2001 war es so weit: Zum ersten Weltsozialforum im sommerlichen
       Südbrasilien kamen gut 15.000 TeilnehmerInnen aus 120 Ländern. Auf dem
       modernen Campus der Katholischen Universität von Porto Alegre drängten sich
       Studenten und Indígenas aus Brasilien, afrikanische Intellektuelle,
       Basisaktivisten aus Indien, nordamerikanische Umweltschützer, französische
       Kommunalpolitiker, Feministinnen aus Australien - und eine Handvoll
       deutscher NGO-Aktivisten.
       
       Den größten Wirbel vor Ort verursachte die Landlosenbewegung MST, die den
       französischen Kleinbauernaktivisten José Bové zur demonstrativen Zerstörung
       eines Monsanto-Versuchsfeldes für Gensoja einlud. Auf einer
       transatlantischen Videokonferenz lieferten sich Protagonisten aus Porto
       Alegre mit einem Team um den Finanzjongleur George Soros in Davos ein
       Wortgefecht. Der gewünschte Gegenpol zum "neoliberalen Einheitsdenken" war
       geschaffen.
       
       Diese bunte, diffuse Grundstruktur des Weltsozialforums ist bis heute
       erhalten geblieben - und Francisco "Chico" Whitaker hat daran einen großen
       Anteil. Der muntere Graubart, dem man seine 78 Jahre kaum ansieht, ist
       Weichensteller und Theoretiker zugleich. 2006 erhielt der katholische
       Architekt, für den die Befreiungstheologie eine wichtige Antriebsfeder ist,
       dafür den Alternativen Nobelpreis.
       
       2003 war ein Schlüsselmoment. 100.000 Menschen waren nach Porto Alegre
       geströmt, doch die weitere Perspektive des Weltsozialforums war ungewiss.
       Auf der Sitzung des Internationalen Rates, des höchsten Gremiums des
       Forums, waren die Lateinamerikaner in der Mehrheit. Sie hätten das Forum
       gerne in Brasilien behalten. Doch der souveräne Diskussionsleiter Whitaker
       spielte der Gegenseite so oft den Ball zu, bis sich ein Konsens für Indien
       herauskristallisierte.
       
       Im Jahr darauf fand der Mega-Event in Mumbai statt - ein Qualitätssprung,
       wie Whitaker findet: "Auf einmal standen nicht mehr weiße
       Mittelschichtsintellektuelle im Vordergrund, sondern die Massen der
       Ausgegrenzten." Für ihn war es eine Bestätigung jener "Horizontalität", die
       er als Grundprinzip sieht und verteidigt, das Forum sei eben nur "ein
       Instrument der Zivilgesellschaft".
       
       Noch immer referiert er darüber so begeistert, als wäre es das erste Mal:
       "Der Wandel vollzieht ja sich durch langsames Eindringen, nicht
       spektakulär, der Forumsprozess als solcher ist unsichtbar." Deswegen hapere
       es auch mit der medialen Wahrnehmung, selbst wenn wie im letzten Jahr in
       Belém offiziell 133.000 Teilnehmer gezählt wurden.
       
       2010 sind 27 regionale und thematische Foren geplant. Aus historischen
       Gründen nimmt Porto Alegre eine Sonderstellung ein, doch statt eines
       Großforums findet dort vor allem ein überschaubares Strategieseminar statt.
       Das Jugendcamp, Workshops und Kulturveranstaltungen sind in die nördlich
       gelegenen Nachbarstädte gezogen - auch, weil sie im Gegensatz zu Porto
       Alegre von der Arbeiterpartei PT regiert werden, der Partei von Präsident
       Lula da Silva.
       
       Chico Whitaker war lange PT-Mitglied, doch vor ein paar Jahren kehrte er
       der Partei den Rücken: "Sie war eine Partei wie alle anderen geworden."
       Dass in den letzten Jahren in Lateinamerika viele fortschrittliche
       Präsidenten gewählt wurden, interpretiert Whitaker als "Zeichen für die
       Stärke der Zivilgesellschaft". Doch gegen einen Schulterschluss mit
       Linksregierungen, wie ihn viele seiner Mitstreiter fordern, wehrt er sich.
       
       Bernard Cassen beispielsweise plädiert für die Überwindung der
       Unübersichtlichkeit: Lange genug habe die Weltbürgerbewegung ihre
       Alternativen zum Neoliberalismus präsentiert, nun müsse man endlich von
       einer "gemeinsamen Plattform" aus Einfluss auf die Politik nehmen.
       
       "Wenn es nach dieser Strömung ginge, würde Hugo Chávez das Forum eröffnen
       nach dem Motto: Die Regierung wirds schon richten", spottet Whitaker. "Das
       Gegenmodell zum Neoliberalismus gibt es nicht! Und schon gar nicht könnte
       es dekretiert werden, es muss von unten nach oben wachsen, sonst hat es
       tönerne Füße." Den "Vertikalisten" sagt er: "Jedes Modell, das von oben
       aufgedrückt wird, zerspringt, sobald seine Propheten verschwinden." Mit
       dieser Position hat er sich behaupten können - auch, weil sie im
       erweiterten Internationalen Rat mittlerweile eindeutig dominiert.
       
       Hinter vorgehaltener Hand wird aber schon zuweilen gemurrt, die "alten
       weißen Männer" könnten langsam in die zweite Reihe treten. "Schlimm wäre
       es, wenn diese Intellektuellen wegblieben, sie denken ja weiter", sagt
       dagegen Whitaker mit entwaffnendem Lächeln, "außerdem kommen ja ständig
       neue Aktivisten hinzu".
       
       Er jedenfalls denkt nicht ans Aufhören. Er arbeitet in einem
       Antikorruptionsnetzwerk mit und bei der Kampagne der Bischofskonferenz zur
       "solidarischen Ökonomie". Und in Japan hat er soeben sein Buch vorgestellt
       - über das "Weltsozialforum als offenen Raum".
       
       23 Jan 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerhard Dilger
       
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