# taz.de -- Perspektivwechsel in der Globalisierung: Versprechen gebrochen
       
       > Handelsabkommen haben Konjunktur, dabei hat genau jene neoliberale
       > Globalisierung die Welt instabiler gemacht. Linke müssen klar benennen,
       > wer profitiert und wer nicht.
       
 (IMG) Bild: Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen
       
       Mit atemberaubendem Tempo treibt die EU-Kommission neue Handelsabkommen
       voran. Fast noch schneller kommt die Kehrtwende jener, die einst zu den
       schärfsten Kritiker:innen der Globalisierung gehörten.
       Gewerkschafter:innen, grüne Politiker:innen und progressive NGOs
       übernehmen heute Argumente der „geopolitischen Notwendigkeit“. So stimmten
       zuletzt EU-Abgeordnete von Grünen und Sozialdemokraten, die einst [1][das
       Mercosur-Abkommen] ablehnten, gegen eine juristische Prüfung des Vertrags.
       
       Dabei blenden sie aus, [2][welche ungute Rolle die neoliberale
       Globalisierung in den vergangenen 30 Jahren gespielt hat]. Gerade jetzt
       wäre der Moment, genauer hinzusehen: Wie hat diese Form der Globalisierung
       Lohnarbeit prekär gemacht? Wie hat sie die Klimakrise verschärft und
       demokratische Strukturen ausgehöhlt? Denn genau diese Entwicklungen
       befeuern den globalen Rechtsruck – jenen Rechtsruck, der nun als Begründung
       für neue Handelsabkommen dient. Die Logik ist zirkulär – und fatal: Mehr
       „Frei“-Handel soll die Instabilität auflösen, die durch eben diesen mit
       erzeugt wurde. So vertiefen neue Abkommen genau das Problem, das sie
       angeblich bekämpfen.
       
       Die neoliberale Globalisierung hat ihr zentrales Versprechen – „Wohlstand
       für alle“ – nicht eingelöst. Im Gegenteil: Ihre größten Profiteur:innen
       sind laut dem Ökonomen und Globalisierungskritiker [3][Branko Milanović das
       reichste Prozent der Weltbevölkerung]. Niedrig qualifizierte Arbeit wurde
       zunehmend in Länder mit geringeren Löhnen und oft ausbeuterischen
       Arbeitsbedingungen verlagert. Ein Ausgleich im globalen Norden blieb aus.
       
       Stattdessen wuchsen dort Niedriglohnsektoren. Parallel zog sich der Staat
       aus der sozialen Absicherung zurück. Die Folge sind nicht nur materielle
       Verluste, sondern auch Unsicherheit und Abstiegsängste. Diese Stimmung
       stärkt rechtsextreme Parteien. Mit nationalistischen und
       protektionistischen Versprechen erzeugen Rechtspopulisten und –Extremisten
       von den USA bis nach Deutschland die Illusion, Kontrolle und Wohlstand
       ließen sich einfach zurückholen.
       
       Dass Globalisierung auch Verlierer hervorbringt, bestreiten selbst ihre
       größten Fürsprecher:innen nicht. Widersprüchlich wird es, wenn sie
       zugleich fordern, diese Verlierer „nicht zu vernachlässigen“. Denn das
       setzt politische Spielräume voraus: eine aktive Industriepolitik für
       strukturschwache Regionen, klare Umbaupläne für betroffene Branchen oder
       eine soziale Grundversorgung, die sich alle leisten können. Doch genau
       diese Spielräume schrumpfen mit jedem neuen Handelsabkommen ein Stück mehr.
       Besonders sichtbar wird das in der Debatte um „Made in Europe“.
       Politiker:innen von links bis rechts fordern, strategisch wichtige
       Güter wieder stärker in Europa zu produzieren.
       
       Aber: Genau diese Bevorzugung europäischer Unternehmen untersagen die
       Regeln der Welthandelsorganisation sowie zahlreiche Handelsabkommen. Die
       Folge ist ein politischer Widerspruch: Was öffentlich gefordert wird, ist
       rechtlich oft gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt ein wachsender Druck
       durch Investitionsschutz-Schiedsgerichte. Sowohl Deutschland als auch die
       EU werden derzeit von Konzernen verklagt, weil sie mit Übergewinnsteuern
       auf die Energiekrise reagierten und Energie für Haushalte leistbarer machen
       wollten. Politik gerät so in ein enges Korsett – geschnürt von Regeln, die
       sie selbst geschaffen hat.
       
       Die Verflechtung von globalem Handel und Klimakrise ist noch gravierender
       als oft angenommen. Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht
       rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Nach Angaben des
       Weltklimarates hängen sogar etwa 25 Prozent der Emissionen direkt oder
       indirekt mit internationalem Handel zusammen. Mehr noch: Der Handel treibt
       Entwicklungen an, die das Klima weiter destabilisieren. So befeuert die
       steigende Nachfrage nach Rindfleisch und Soja die Abholzung im
       Amazonasgebiet – jenem Ökosystem, das oft als „Lunge der Welt“ bezeichnet
       wird. Was fehlt, ist ein Gegengewicht. Die bestehenden Handelsabkommen
       tragen kaum zum Klimaschutz bei. Sie verschärfen das Problem, welches sie
       lösen sollten.
       
       Die Handelspolitik braucht einen Perspektivwechsel. In Zeiten multipler
       Krisen darf sie nicht länger an Wachstumszahlen gemessen werden.
       Entscheidend ist etwas anderes: Reduziert sie Abhängigkeiten – oder
       vertieft sie sie? Stärkt sie Versorgungssicherheit – oder macht sie
       erpressbar? Baut sie gesellschaftliche Widerstandskraft auf – oder
       untergräbt sie sie? Alternativen gibt es. Abkommen, die soziale,
       ökologische und demokratische Kooperation ins Zentrum stellen, können
       internationale Beziehungen tatsächlich verbessern.
       
       ## Abkommen müssen demokratisch erarbeitet werden
       
       Erstens braucht es dafür echte demokratische Prozesse. Heute werden über
       Jahre hinweg Verträge hinter verschlossenen Türen ausgehandelt – hunderte
       Seiten lang. Parlamente und Öffentlichkeit sehen sie oft erst, wenn alles
       entschieden ist. Das muss sich ändern. Nötig sind klare öffentliche Mandate
       und echte Mitsprache von Parlamenten und Zivilgesellschaft. Zweitens muss
       Wertschöpfung wieder stärker vor Ort stattfinden.
       
       Das gilt für Landwirtschaft, Energie und Industrie gleichermaßen.
       Öffentliche Güter und Infrastrukturen gehören in öffentliche Hand –
       demokratisch organisiert und politisch steuerbar. Drittens müssen
       Klimaschutz und Menschenrechte zum Maßstab aller Regeln werden. Bisher
       tauchen sie oft nur in eigenen Kapiteln auf – folgenlos und ohne
       Sanktionen. Künftig sollte sich jedes Kapitel daran messen lassen. Handel
       muss Ernährungssouveränität sichern und kleinbäuerliche Landwirtschaft
       stärken. Er soll gute Arbeit schaffen.
       
       Die Grundidee globalisierungskritischer Bewegungen ist so einfach wie
       aktuell: Entscheidungen darüber, was und wie produziert wird, dürfen nicht
       transnationalen Konzernen überlassen bleiben. Maßstab muss sein, was
       Menschen vor Ort brauchen. Nur ein solcher Perspektivwechsel kann die
       sozialen, ökologischen und geopolitischen Krisen unserer Zeit bewältigen.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /EU-Handelsabkommen-mit-Mercosur/!6175504
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/klein-naomi-ueber-zaeune-und-mauern-berichte-von-der-100.html
 (DIR) [3] https://www.pw-portal.de/demokratie-und-frieden/ueberblick/die-ungleiche-welt-migration-das-eine-prozent-und-die-zukunft-der-mittelschicht
       
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