# taz.de -- Brief aus Porto Alegre
(IMG) Bild: Zentrum von Porto Alegre, Mitte Mai 2024
von Gerhard Dilger
Ich bin mit dem Nachtbus aus Montevideo angekommen und möchte die
Fußgängerbrücke in die Innenstadt von Porto Alegre nehmen – doch sie ist
gesperrt, sie führt ins Leere. Langsam verstehe ich: Die Fluten haben wohl
ein ganzes Stück abgerissen und weggeschwemmt.
Vor einem guten Jahr nämlich hat eine Jahrhundertflut große Teile von Rio
Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens, verwüstet.
Mindestens 184 Menschen kamen ums Leben, 25 werden bis heute vermisst,
Hunderttausende verloren ihr Hab und Gut. Zugleich erreichte eine Welle der
Solidarität die Gaúchos, wie die Bewohner:innen dieses Bundestaats im
restlichen Land genannt werden. Viele von ihnen sind traditionsbewusst,
kämpferisch und ziemlich konservativ, kulturell verbindet sie einiges mit
den benachbarten Uruguayern und Argentinierinnen.
Wochenlang haben sich die Menschen bemüht, Leben zu retten, Sachschäden zu
begrenzen und die Not der Betroffenen zu lindern. Es war eine Katastrophe
mit Ansage, doch die regionale Politik, in der mehrheitlich Neoliberale
und Klimaskeptiker das Sagen haben, hatte auf ganzer Linie versagt:
Warnungen wurden ignoriert und Zivilschutzbehörden abgebaut, Schleusen und
Dämme nicht instand gesetzt.
Auf Porto Alegres Flaniermeile Por-do-Sol erinnert jetzt eine
eindrucksvolle Stahlskulptur an jene dramatischen Wochen im Mai und Juni
2024: In einem Boot mit dem Namen „Brüderlichkeit“ sitzen Menschen jeden
Alters, sogar ein Hund ist dabei, rundherum sind Helfer aktiv.
Einen Steinwurf weiter erstrahlt das Kulturzentrum Gasómetro nach
langjähriger Renovierung in neuem Glanz. Mit seinem riesigen Schornstein
ist das Wahrzeichen der Skyline schon von Weitem zu sehen, beim Anflug auf
die Landeshauptstadt von Norden, vom Guaíba-See im Westen oder von den
Ufern weiter südlich.
Die diesjährige Mercosur-Kunstbiennale hat dort eine ihrer hochklassigen
Gratisausstellungen untergebracht, ein Vergnügen. Doch dann erklärt mir
meine einheimische Freundin, dass der Bürgermeister das Bauwerk für 20
Jahre an eine private Firma verpachten will, Kommerzialisierung also auch
hier.
Während der Weltsozialforen, die von 2001 bis 2005 hier stattfanden, diente
das frühere Elektrizitätswerk als Pressezentrum. Porto Alegre wurde damals
zum Mekka einer sehr dynamischen Weltbürger:innenbewegung, die sich gegen
die neoliberale Offensive seit 1990 formiert hatte. Eines ihrer geflügelten
Worte lautete: „Die Welt ist keine Ware.“ Das offizielle Motto: „Eine
andere Welt ist möglich.“ Das war die Initialzündung für mich, deshalb bin
ich 2002 hierhergezogen – und als taz- und WOZ-Korrespondent über zehn
Jahre lang geblieben.
Der kürzlich verstorbene Bernard Cassen, Attac-Mitbegründer und
langjähriger Redakteur von Le Monde diplomatique, hatte zusammen mit dem
Atomgegner Chico Whitaker und dem Unternehmer Oded Grajew aus Brasilien
die Idee zu einem volksnahen „Anti-Davos“. Als Austragungsort, der
natürlich im Globalen Süden liegen sollte, bot sich ebenjene Stadt an, wo
in den 1990er Jahren Luiz Inácio Lula da Silvas Arbeiterpartei PT den
ersten Bürgerhaushalt entwickelt hatte. Heute gibt es auf der ganzen Welt
unzählige Varianten dieser kommunalen Bürgermitsprache, bei der ein Teil
des Budgets an lokal entwickelte und ausgehandelte Projekte fließt.
So wurde der „Fröhliche Hafen“ zum Schauplatz einer horizontalen
Großveranstaltung, eines interkulturellen Face-to-face-Austauschs und einer
globalen Vernetzung gegen Kapitalismus und Krieg. Medienwirksamer als
Demos, Workshops oder das internationale Jugendcamp waren die linken
Ikonen, die sich in jenen Jahren im brasilianischen Hochsommer ein
Stelldichein gaben.
Der französische Bauernrebell José Bové und einheimische Landlose
zerstörten zusammen ein Versuchsareal für Gen-Soja, die indische
Schriftstellerin Arundhati Roy hielt vor Tausenden Zuhörern eine feurige
Rede gegen den drohenden Irak-Krieg. Auch deutschsprachige Aktivisten
kamen, wie der undogmatische Marxist und Brasilien-Freund Elmar Altvater.
Unter dem Titel „The End of the End of History“ verfasste die Kanadierin
Noami Klein ein begeistertes Fazit des ersten Forums, an dem 15.000
Menschen teilgenommmen hatten, vor allem aus Lateinamerika. Vier Jahre
später drängten sich zehn Mal so viele in den drückend heißen
Plastikzelten. Venezuelas Volkstribun Hugo Chávez bekannte sich erstmals
zum Sozialismus, andere propagierten bereits das andine Buen Vivir als
Alternative zum westlichen Wohlstandsbegriff.
Diese Aufbruchstimmung ist schon lange vorbei: Das Weltsozialforum ist
sanft entschlummert, die lokale Arbeiterpartei und ihr Bürgerhaushalt nur
noch ein Schatten ihrer selbst. Schlagzeilen machen jetzt nicht mehr wie
damals linke Wahlsiege in einer rosaroten Welle in ganz Lateinamerika,
sondern die Mileis und Bukeles. Die Kräfte links der Mitte sind ebenso
uneinig und in der Defensive wie in Europa und in den USA.
Wenn sich an einem sonnigen Wochenende die Portoalegrenser am Ufer des
Guaíba-Sees treffen, scheint die Welt jedoch in Ordnung. Vom Gasómetro
laufe ich zum Harmonia-Park, der früher voller prächtiger Bäume war.
Große Flächen des Parks wurden seit seiner Privatisierung vor zwei Jahren
zubetoniert, so auch das Areal vor der Bühne. Ähnliches droht einem
riesigen Stück Land weiter südlich um das Por-do-Sol-Amphitheater, wo sich
Lula auf dem Weltsozialforum 2003 als frischgebackener Präsident feiern
ließ. 2005 traten dort Gilberto Gil und Manu Chao auf.
Weiter südlich kommt man am WM-Stadion Beira-Rio vorbei, das im Aussehen
entfernt an eine Zitronenpresse erinnert. Ich besuche eine weitere
Biennale-Ausstellung lateinamerikanischer Kunst im avantgardistischen
Iberê-Camargo-Museum nebenan.
Auf die größte Überraschung meines Besuchs stoße ich gleich danach: Die
schöne neue Welt, weitab der nachts sehr ungemütlichen und menschenleeren
Innenstadt, heißt Pontal Shopping. Nach 20-jährigem Vorlauf und viel Streit
hat sich ein Konsortium das Filetgrundstück am Ufer des Guaíba-Sees
gesichert, malerisch gelegen an einem großzügigen Vorsprung des
Küstenstreifens mit einem 270-Grad-Panoramablick auf den See.
Bei einem Referendum 2009 hatten vier Fünftel der Einheimischen gegen die
ursprünglich geplanten Luxuswohntürme gestimmt – heute wird der
futuristische Komplex aus Büros, einem „Gesundheitshub“,
Veranstaltungsräumen und jeder Menge Geschäfte und Restaurants stattdessen
vom blau glitzernden Turm des Hilton-Hotels gekrönt.
Während der Flutkatastrophe bekam das „Life Center“ (so die Eigenwerbung),
das von den Fluten verschont blieb, plötzlich eine ganz neue Bedeutung: Es
wurde zu einer Rettungsstation für die Gestrandeten vom gegenüberliegenden
Guaíba-Ufer. Auch daran erinnert draußen ein Denkmal – eine Menschenkette
aus Stahl. Obwohl viel dafür spricht, dass Bürgermeister Sebastião Melo im
Vorfeld der Flut nachlässig gehandelt hat, wurde er letzten Oktober mit 62
Prozent der Stimmen wiedergewählt.
Matheus Gomes von der PSOL (Partei für Sozialismus und Freiheit) hatte
bereits 2023 im Parlament des Bundesstaats einen gut begründeten
Gesetzentwurf zum „Klimanotstand“ eingebracht – doch der hat es bis heute
nicht einmal auf die Tagesordnung geschafft. Der 34-jährige Politiker
empfängt mich in seinem Abgeordnetenbüro mit hochgesteckten Dreadlocks,
weißem Hemd und bunter Krawatte mit afrikanischem Muster. Im Landtag und
auf Instagram prangert er unermüdlich die Versäumnisse der Behörden an,
soeben hat er gegen die Einstellung eines Disziplinarverfahrens gegen den
Bürgermeister Einspruch eingelegt.
Gomes ist auch der bekannteste Kritiker von Fraport. Das weltweit aktive
Frankfurter Unternehmen betreibt seit 2017 auch den Flughafen von Porto
Alegre. Nach der Flutkatastrophe stand er monatelang unter Wasser und
konnte erst nach sieben Monaten den Betrieb wieder aufnehmen – was die
Hilfslogistik massiv beeinträchtigte.
Fraport habe beim Umbau des Überschwemmungskontrollsystems Geld sparen
wollen, sagt Gomes bestimmt, und bei der Stadt habe man beide Augen
zugedrückt. Die Führungsriege des Betreibers, der auch auf den letzten
beiden Aktionärsversammlungen unbequeme Fragen gestellt wurden, bestreitet
jegliches Versäumnis, und schiebt den brasilianischen Behörden die
Verantwortung zu.
Gomes erzählt, wie er während der Katastrophe Hilfsaktionen
mitorganisierte, ähnlich wie die frühere kommunistische Bundesabgeordnete
Manuela d’Ávila, die in ganz Brasilien bekannt ist. Gleich zu Beginn des
Desasters initiierte die Feministin eine Zufluchtsstätte für Frauen und
Kinder, die in einer Schule eingerichtet wurde. Bei der vorletzten
Bürgermeisterwahl verlor sie mit 45 Prozent der Stimmen gegen Melo. In der
Kommunistischen Partei hat sie kein Amt mehr inne. Falls sie der PSOL
beitreten sollte, könnte die 43-Jährige zur Schlüsselfigur einer neuen
Linken im Bundesstaat Rio Grande do Sul werden.
Schließlich fahre ich in den nördlichen Stadtbezirk Sarandí – eine ganz
andere Welt nach so viel Gentrifizierung. Tiago Santos begleitet mich durch
sein Viertel. Der ehemalige Baptistenpfarrer begeisterte sich während
seines Studiums für die Befreiungstheologie und gründete vor zehn Jahren
zusammen mit anderen die Menschenrechtsgruppe „Coletivo Abrigo“
(Schutzkollektiv), die er heute leitet.
Santos führt mich durch die „Graffiti-Gasse“, wo 30 Künstler ein von
Coletivo Abrigo mitorganisiertes Projekt umgesetzt haben. An einer Wand um
die Ecke kann man sehen, wie hoch das Wasser hier gestiegen war – fast 5
Meter, fast sämtliche Häuser standen unter Wasser. Der Damm, der das
Viertel vor Überschwemmungen schützen sollte, war gebrochen.
Als die Familien Wochen später zurückkamen, hatten sie alles verloren. Die
meisten mussten sich mit einer einmaligen Hilfszahlung von umgerechnet 900
Euro begnügen. Vor wenigen Wochen gab es wieder starke Regenfälle, und es
kam zu einzelnen Überschwemmungen. Santos schätzt, dass im 90
000-Einwohner-Bezirk wieder hunderte Familien flüchten mussten, und erzählt
von Traumatisierungen: „Viele Kinder fangen an zu weinen, wenn sie nur von
Regen hören.“
Klimaforscher gehen davon aus, dass die zunehmenden Regenfälle im Süden
Brasiliens mit den gestiegenen Temperaturen im Amazonasgebiet
zusammenhängen. 2024 waren 60 Prozent aller amazonischen Landkreise von
einer ganzjährigen Rekorddürre betroffen.
In Brasilien gehört das Agrobusiness zu den größten Klimasündern. Seine
Vertreter haben im Parlament großen Einfluss und zwingen den Präsidenten
Lula zu einem Spagat zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz. Auch in
Südbrasilien sind illegale Brandrodungen – auch in Flussnähe – keine
Seltenheit, anschließend werden dort oft neue Sojafelder angelegt.
Tiago Santos, Manuela d’Ávila und Matheus Gomes dagegen gehören zu den
Erben des Weltsozialforums. Ebenso wie die vielen anonymen
Katastrophenhelfer:innen machen sie deutlich: Jener „Geist von Porto
Alegre“, er lebt.
Gerhard Dilger ist Journalist.
© LMd, Berlin
7 Aug 2025
## AUTOREN
(DIR) Gerhard Dilger
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