# taz.de -- Die Feministin Rita Süssmuth: Mit Mut und Resilienz
> Mit Rita Süssmuth ist die vermutlich letzte Feministin der Bundes-CDU
> gestorben. Sie platzierte Frauenpolitik dort, wo sie hingehört: im
> Bundestag.
(IMG) Bild: Rita Süssmuth im Jahr 2022
Der feministische Protest allein auf der Straße hätte nicht gereicht. Es
brauchte eine wie Rita Süssmuth, die den gesellschaftlichen Wandel
innerhalb der Institutionen angestoßen hatte. Als Süssmuth 1986 – ein Jahr
nach ihrem Amtsantritt als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit –
ihr Haus um die Abteilung „Frauenpolitik“ erweiterte, kam das einer
Revolution gleich. Damit war nicht nur offiziell der Kulturwandel im damals
noch nicht verbal geprägten Geschlechtergefüge eingeleitet, es war der
Beginn der institutionellen Frauenpolitik der Bundesrepublik. Und die war
damals geprägt durch hegemoniale Männlichkeit: Politik, Wirtschaft, Kultur,
Gesellschaft – kein Bereich, in dem nicht Männer „regierten“.
Für Frauen im damaligen Westen hatte das die bekannten Folgen: ein Dasein
vor allem als Hausfrau, Abtreibungsverbot, kein Mitspracherecht in Politik,
Wirtschaft, gesellschaftlichen Fragen. Zwar forderte die seit Ende der
1960er Jahre entstandene „neue Frauenbewegung“ mehr weibliche Mitbestimmung
in allen Lebensbereichen, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen
und eine Kriminalisierung von Partnerschaftsgewalt. Zudem gab es ab Anfang
der 1970er Jahre die ersten Frauenzentren – aber erst Rita Süssmuth
manifestierte eine sogenannte Frauenpolitik dort, wo sie hingehört: im
Bundestag. Und leitete ein, was man bald als den leidigen „Marsch durch die
Institutionen“ bezeichnete.
Das führte zu heftigen Auseinandersetzungen, insbesondere mit Kanzler
Helmut Kohl, der sie zwar als Familienministerin berufen hatte, wohl aber
nicht ahnte, dass sich Süssmuth mit einer bis dahin in der Bundespolitik
unbekannten weiblichen Selbstermächtigung zur ersten bundesdeutschen
Frauenministerin machen würde.
Als diese provozierte sie die Konservativen in der CDU sowie die
Traditionellen im Land allein dadurch, dass sie ihre Familienpolitik nicht
allein auf Verheiratete fokussierte, sondern Lebensgemeinschaften ohne
Trauschein als gleichwertig einordnete. Bei „moralischen“ Fragen kannte sie
kein Tabu, so auch nicht beim [1][Benennen von Sexualpraktiken im Kampf
gegen die Immunschwächekrankheit Aids]. Das erforderte in den verklemmten
1980er Jahren Mut und Resilizenz, erst recht als Frau. „Wer nicht kämpft,
hat schon verloren“, sagte sie immer. Und so agierte sie auch, als sie 1988
als Bundestagspräsidentin weggelobt, aber eigentlich weggemobbt wurde.
## Für das Recht auf Abtreibung
So [2][umstritten sie in der männlichen Union] war, so beliebt war sie bei
den Frauen im Land. Und das nicht nur wegen ihres Einsatzes gegen den
Abtreibungsparagrafen 218 und Sätzen wie: „Hören wir endlich auf, Frauen
für unfähig und nicht verantwortungsfähig zu halten.“ Sondern auch später,
nach dem Fall der Mauer, als sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen
starkmachte. Rita Süssmuth wusste – theoretisch und aus eigenem Erleben –,
dass es mehr Frauen in Entscheidungspositionen braucht, um männliche Macht
und Gewalt zu brechen zugunsten von Rechten für Frauen und Minderheiten.
Und so kämpfte sie als Chefin der Frauenunion dafür, dass die CDU wichtige
politische Ämter zu einem Drittel mit Frauen besetzt – und vertrat damit
eine ganz andere Linie als [3][Kanzler Friedrich Merz, der paritätische
Wahllisten ablehnt.] Mit Rita Süssmuth, die 2022 mit ihrer Streitschrift
[4][„Parität jetzt!] Wider die Ungleichheit von Frauen und Männern“ eine
eindeutige Richtung wies, ist die vermutlich einzige und letzte Feministin
der Bundes-CDU (als die sich selbst nie bezeichnet hatte) gegangen. Keine
der aktiven Christdemokratinnen – Achtung, steile These – hat das Zeug und
das Interesse an einer Gleichstellungspolitik, wie sie Rita Süssmuth
eingefordert und zu Teilen durchgesetzt hatte.
2 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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