# taz.de -- Bericht von Reporter ohne Grenzen: Polarisierte neue Welt
> In Deutschland steigt die Gefahr für Journalist:innen. Angriffe aus dem
> rechten Milieu und die polarisierte Nahost-Debatte erschweren die Arbeit.
(IMG) Bild: Fotoreporter bei der Arbeit vor Ort: Freier Journalismus gerät dabei aus mehreren Richtungen unter Druck
Platz 11 von 180. Auf dem Papier steht Deutschland weiterhin
vergleichsweise gut da, wenn es um Pressefreiheit geht. Doch diese Zahl
verdeckt die Realität journalistischer Arbeit in Deutschland. Vor allem wer
über rechtsextreme Netzwerke berichtet oder den Nahostkrieg begleitet,
arbeitet zunehmend in einem Klima der Einschüchterung, der gezielten
Diffamierung und der offenen Ablehnung. Angriffe kommen dabei aus dem
digitalen Raum, aber auch von der Straße.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) beschreibt in ihrem aktuellen
Bericht zur Lage in Deutschland, wie tief gesellschaftliche Polarisierung
inzwischen in den medialen Alltag hineinreicht. Journalismus werde immer
seltener als notwendiger Bestandteil demokratischer Öffentlichkeit
wahrgenommen, sondern als politischer Gegner – mit zunehmenden Auswirkungen
auf die tägliche Arbeit von Journalist:innen.
Freier Journalismus gerät dabei aus mehreren Richtungen unter Druck. RSF
sieht Bedrohungen durch politische Akteur:innen, digitale Hetzkampagnen
sowie durch neue, reichweitenstarke Publikationen, die systematisch
Desinformationen verbreiten. Ein Blick in die USA gilt dabei als warnendes
Beispiel: Dort sei deutlich geworden, wie politische Macht genutzt werden
könne, um kritische Berichterstattung zu diskreditieren,
Journalist:innen auszugrenzen oder sie mit Klagen einzuschüchtern. Auch
deutsche Medienschaffende waren davon betroffen, etwa durch öffentlich
geforderte Visumsentzüge wie 2025 etwa im Fall des ZDF-Studioleiters in
Washington, oder verschärfte Visaauflagen. RSF wertet solche Maßnahmen als
gezielte Druckmittel gegen unliebsame Berichterstattung.
RSF beobachtet die zunehmende Professionalisierung rechtspopulistischer und
rechtsextremer Mediennetzwerke international und in Deutschland. Eine neue
Generation extremistischer Online-Publizist:innen orientiere sich an
internationalen Vorbildern und wirke zunehmend auch in Deutschland
meinungsprägend.
## Gezielte Falschinformationen
Der Thinktank Polisphere, so berichtet RSF, zeigte etwa mithilfe einer
Datenanalyse, wie Portale wie Apollo News, Nius oder Compact gezielt
Falschinformationen über die angebliche Haltung der Juristin Frauke
Brosius-Gersdorf zu Schwangerschaftsabbrüchen verbreiteten. Die Kampagne
hatte konkrete politische Folgen: Teile der CDU/CSU-Fraktion sagte
daraufhin die geplante Zustimmung über ihre Kandidatur für das
Bundesverfassungsgericht ab – Brosius-Gersdorf trat von der Kandidatur
zurück.
Das zunehmend raue politische Klima bleibt nicht folgenlos. RSF
dokumentierte im Jahr 2025 insgesamt 55 Angriffe auf Journalist:innen
und Redaktionen, 2024 waren es 89. Die meisten Übergriffe ereigneten sich
bei Recherchen und Demonstrationen im rechtsextremen Umfeld. RSF spricht
von einem „wachsenden Selbstbewusstsein“ in der Szene und „einer
Normalisierung von Gewalt“ und Einschüchterung gegenüber
Medienvertreter:innen.
Ein weiteres zentrales Konfliktfeld bleibt die Berichterstattung zum
Nahostkrieg. Zwar habe sich die extreme Zuspitzung im Vergleich zu 2024
etwas abgeschwächt, „da besonders seit Frühjahr 2025 eine zunehmende
Aufarbeitung bei dem Thema in Redaktionen und Reflexion innerhalb von
besonders polarisierten Communitys stattfindet“, sagte RSF-Pressereferentin
Katharina Weiß der taz. Dennoch ist es ein bleibendes, belastendes Thema.
Medienschaffende in Deutschland wurden wiederholt öffentlich diffamiert –
auch von israelischen Offiziellen. Ein prominentes Beispiel war die
[1][ARD-Israelkorrespondentin Sophie von der Tann, die der damalige
israelische Armeesprecher Arye Shalicar] als „das Gesicht vom neu-deutschen
Juden- und Israelhass“ bezeichnete.
Wie stark einzelne Journalist:innen im Kontext der
Nahostberichterstattung angegriffen werden, zeigen auch die Drohungen gegen
den taz-Journalisten Nicholas Potter im Zuge seiner Arbeit zu israelischen
Perspektiven und Antisemitismus: In Berlin tauchten Plakate mit seinem
Porträt und der Aufschrift „sie können erniedrigt und eliminiert werden“
auf. Die taz berichtete 2025 mehrfach darüber, wie Journalist:innen in
der Nahostberichterstattung zwischen politischen Fronten unter Druck
geraten.
## Ablehnung großer deutscher Medien
Rund um palästinasolidarische Demonstrationen registrierte RSF 2025 elf
Angriffe auf Medienschaffende, zehn davon richteten sich wiederholt gegen
dieselben zwei Berichterstattenden. RSF beobachtet, dass Demonstrierende
zunehmend große deutsche Medien grundsätzlich ablehnen und ihnen
Komplizenschaft mit Israel vorwerfen.
Gleichzeitig berichteten Journalist:innen gegenüber RSF [2][von einem
teils unverhältnismäßig harten Vorgehen der Polizei], etwa durch
Platzverweise oder langwierige Identitätskontrollen. RSF plädiert deshalb
für eine Neuaushandlung der Regeln zwischen Medien und Polizei sowie für
einen strukturierten Dialog zwischen bekannten Demo-Filmenden und
Sicherheitsbehörden, um Eskalationen zu vermeiden. Bei einigen Übergriffen
hätte die Gewalt durch ein solches Dialogangebot durch die Polizei
verhindert werden können, so RSF.
Das ist auch notwendig, weil es zunehmend unabhängige
Demobeobachter:innen sind, die über Demonstrationen berichten. Sie
schließen laut RSF eine Lücke, wo große Medienhäuser nicht regelmäßig
berichten. Die Beobachter:innen hätten ihre Arbeit im letzten Jahr
zunehmend professionalisiert und machten etwa Übergriffe von
Polizeibeamt:innen sichtbar. Gegenüber RSF äußerten sie den Wunsch
nach größerer Anerkennung und kritisierten rassistische Mechanismen
innerhalb der deutschen Medienlandschaft, etwa die Ablehnung gegenüber
migrantisierten Berichterstattenden.
Besonders freiberufliche Journalist:innen sowie Medienschaffende mit
muslimischem, arabischem oder palästinensischem Hintergrund berichteten,
dass sie für differenzierte oder kritische Perspektiven oft wenig
Unterstützung erhielten und sich zunehmend an den Rand gedrängt fühlten.
Auch 2025 berichteten Medienschaffende RSF von grundsätzlichen
Schwierigkeiten, Menschenrechtsverbrechen Israels in vergleichbarer Weise
aufzugreifen wie bei anderen Kriegen. Deutschland ist zwar immer noch in
den höchsten Rängen bei dem internationalen Ranking der Pressefreiheit.
Doch die Entwicklungen des Jahres 2025 zeigen, wie fragil diese Position
geworden ist – und wie sehr Pressefreiheit auch hier unter Druck steht.
3 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Ann-Kathrin Leclere
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