# taz.de -- Junger Linker zu Festnahme in der Türkei: „Wir waren solidarisch, haben gemeinsam gesungen“
> Am Mittwoch nahm die türkische Polizei eine deutsche Delegation im
> Südosten der Türkei fest. Mit dabei war Anjo Genow. Er erzählt von 50
> Stunden Haft.
(IMG) Bild: An der Pufferzone der Grenze zu Syrien nahe Mardin am 20. Januar 2026
taz: Herr Genow, Sie waren als Landessprecher der Berliner Linksjugend Teil
einer Delegation, die Proteste in den kurdischen Gebieten der Türkei
begleitete und mögliche Menschenrechtsverletzungen der türkischen Behörden
dokumentieren wollte. Die Polizei nahm Sie fest. Seit Freitag sind Sie
zurück in Deutschland. Wie geht es Ihnen?
Anjo Genow: Wir sind erleichtert, wieder zu Hause zu sein – wieder in
relativer Sicherheit und Freiheit, bei unseren Familien und Freund:innen.
Einige von uns waren in den letzten Tagen im Krankenhaus, um sich
durchchecken zu lassen.
taz: Sie auch?
Genow: Ja, ich habe diverse Prellungen, Verletzungen und eine Schiene am
Handgelenk. Ich habe in der Haft eine Gehirnerschütterung erlitten, aber
ansonsten keine längerfristigen Schäden. Zumindest körperlich.
taz: Mitglieder Ihrer Delegation berichteten von sexualisierter Gewalt und
körperlicher Einschüchterung. Was haben Sie erlebt?
Genow: Wir saßen bereits im Flugzeug nach Deutschland, da hat uns die
Polizei gewaltsam wieder herausgezerrt und uns in ein Shuttle gebracht.
Dort haben sie versucht uns zu erniedrigen, wir wurden geschlagen und
getreten. Ich hatte Nasenbluten und habe kurz das Bewusstsein verloren.
Danach waren wir zehn Stunden in Zellen im Abschiebegefängnis in Istanbul
eingesperrt. Dort haben die Polizisten versucht, die Passwörter unserer
Handys aus uns herauszubekommen. Wir durften nicht schlafen, und viele
haben kein Essen und kein Trinken bekommen. Sie haben uns immer wieder in
unserer Zelle besucht und uns Gewalt angetan. Frauen aus der Gruppe haben
sexualisierte Gewalt erfahren. Sie wurden immer wieder belästigt bis hin zu
körperlichen Übergriffen.
taz: Wie haben Sie diese Gewalt in der Haft bewältigt?
Genow: Wir waren untereinander solidarisch, wir haben gemeinsam gesungen.
Lieder über Freiheit, Frieden und Kurdistan.
taz: Hatten Sie Kontakt nach außen?
Genow: Bevor wir in Istanbul ein zweites Mal in Haft waren, konnten wir
noch die Verhaftung im Flugzeug filmen. Die Handys haben Sie uns dann
wieder abgenommen, dann hatten wir erneut keinen Kontakt mehr zur
Außenwelt. Wir durften auch nie mit unseren Anwält:innen in Kontakt
treten. Im Gefängnis haben uns die Beamten dann das Video gezeigt, das wir
im Flugzeug aufgenommen hatten.
taz: Auf dem Video sieht man Ihre Delegation im Flugzeug, das Sie
eigentlich nach Deutschland abschieben sollte. Zwei Personen berichten
darin, dass sie aufgefordert wurden, wieder auszusteigen.
Genow: Als die Polizisten uns das Video gezeigt haben, haben sie uns
gedroht, dass wir jetzt noch schlechter dran sind. Aber uns hat das Video
Hoffnung gemacht, dass draußen jetzt Leute Bescheid wissen und daran
arbeiten, dass wir heimkommen.
taz: Ihnen wurden Kameras und Handys abgenommen, mit denen Sie in den
kurdischen Gebieten dokumentiert hatten. Hat das Ihre Arbeit gefährdet?
Genow: Einige Aufzeichnungen haben wir jetzt nicht mehr. Mir haben sie zum
Beispiel eine Kamera und ein Mikrofon abgenommen, die sie behalten haben.
Die meisten aus der Delegation haben Ihre Telefone aber wieder. Dass die
Türkei so viele Kapazitäten aufgewandt hat, um uns festzunehmen und wieder
ausfliegen zu lassen, hat uns auch gezeigt: Wir haben unser Ziel erreicht.
taz: Was haben Sie in den kurdischen Gebieten beobachtet?
Genow: Wir waren in Nordkurdistan und haben auch mehrere Proteste
begleitet. Bei einem Protest ging die Polizei mit großer Gewalt vor. Auch
an der Grenze zu Rojava haben wir Proteste begleitet, die die Polizei
umkesselte und einschüchterte, mit Wasserwerfern, Gewehren und
Gefängnisbussen. Das kurdische Volk setzt sich seit vielen Jahren für
Menschlichkeit, Frauenrechte und Zusammenhalt ein. Da ist das, was wir
erlebt haben, nur ein kleiner Beitrag zu dem Kampf, den sie für uns alle
führen.
3 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Jana Laborenz
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