# taz.de -- Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei: Sie stehen auf der Straße
> Ein Drittel der jungen Menschen in der Türkei findet keinen Job. Auch
> Ali, Mert und Ates sind nicht da, wo sie gerne wären. Wie gehen sie damit
> um?
(IMG) Bild: Studentenproteste in Izmir Ende April 2025
Ali sitzt an seinem Schreibtisch unter kaltem Licht. Gegenüber an der Wand
leuchtet hell das Logo [1][der Arbeitsvermittlungsagentur herab], für die
er tätig ist. Seinen gelernten Beruf als Lehrer hat er aufgegeben. Zu wenig
Geld, zu viel Stress, zu schlechte Arbeitsbedingungen. Stattdessen
vermittelt er Arbeitskräfte ins europäische Ausland.
Das Handy des 29-Jährigen liegt neben seinem Laptop und klingelt. Er geht
direkt dran, spricht freundlich, fragt nach Lebensläufen, nach
Sprachkenntnissen und nach der Bereitschaft, in Westeuropa Kisten zu
schleppen oder Waren zu fahren. Zu Mindestlohn, wie er betont. Das sei für
viele Menschen in Osteuropa oder in der Türkei, sofern sie im Besitz eines
EU-Passes sind, ein guter Deal.
Wenn er könnte, würde er selbst nach Europa gehen für einen Job mit guten
Bedingungen, doch er habe auf Anfragen etwa für Lehrerstellen nur Absagen
erhalten. Eine gewisse Ironie habe seine Tätigkeit als Arbeitsvermittler
nun schon, gibt Ali zu. „Ich wollte Lehrer sein, das war meine
Leidenschaft“, sagt er später bei einer Zigarettenpause.
Die Szene in Alis Büro in der Hafenstadt Izmir erzählt viel über die
jüngere Generation in der Türkei. Viele junge Menschen hängen zwischen
Diplom und Realität fest. Um nicht in die Arbeitslosigkeit zu rutschen,
nehmen Akademiker Jobs an, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Laut
Eurostat belegt die Türkei [2][den letzten Platz unter 33 verglichenen
europäischen Ländern bei der Beschäftigungsquote von Hochschulabsolventen]:
Nur 63,5 Prozent der Absolventen unter 34 Jahren arbeiten in den ersten
drei Jahren nach ihrem Abschluss.
Das heißt, mehr als ein Drittel findet keinen Job. Viele junge Akademiker
in der Türkei müssen dann in Berufen unter ihrer Qualifikation arbeiten.
Zum Vergleich: Deutschland belegt den sechsten Platz mit knapp 92 Prozent
der jungen Menschen, die in den ersten drei Jahren nach ihrem Abschluss
einen Berufseinstieg finden. Spitzenreiter ist Bulgarien mit knapp 94
Prozent.
[3][In der Türkei ist laut OECD-Daten ein gutes Drittel der 18- bis
24-Jährigen weder erwerbstätig noch in Ausbildung]. Das ist mehr als
doppelt so viel wie der OECD-Durchschnitt. Besonders auffällig ist die
geschlechtsspezifische Lücke, knapp 42 Prozent der jungen Frauen sind den
Daten zufolge von Bildung und Arbeitsmarkt ausgeschlossen.
Die Gründe sind komplex: eine Wirtschaftskrise mit hoher Inflation, die
Arbeitsplätze vernichtet, und ein Bildungssystem, das auf Akademisierung
setzt. Dazu kommt ein Arbeitsmarkt, der Fachkräfte benötigt, aber
Gewerkschaften zufolge häufig nur niedrige Löhne zahlen will. Zwischen
diesen Polen bewegen sich Geschichten wie die von Ali.
Ali, der wie alle anderen Betroffenen in diesem Text nur mit Vornamen
genannt werden möchte, ist einer von den vielen Tausenden, die geglaubt
haben, Bildung sei der Schlüssel. Sechs Jahre hat er studiert, inklusive
eines Erasmus-Aufenthalts in Deutschland. Er dachte, das würde Türen
öffnen, doch nach dem Abschluss kam die Realität.
Für die wenigen Stellen an staatlichen Schulen gab es zu viele Bewerber,
sagt Ali. Private Einrichtungen boten eine Alternative, doch keine gute:
Mindestlohn, sechs Tage die Woche, insgesamt 600 Schüler in verschiedenen
Klassen, keine Sicherheit. „Du gibst alles, aber es reicht nicht. Und wenn
dir etwas nicht passt, sagen sie einfach: Danke, geh“, sagt Ali.
## Lehrerprüfung wird zum Nadelöhr
Um in der Türkei als Lehrer an einer staatlichen Schule arbeiten zu können,
müssen Absolventen eine Prüfung ablegen. Dazu gehört auch ein mündlicher
Teil. Regierungskritische Medien haben in der Vergangenheit über
Unregelmäßigkeiten und mangelnde Transparenz bei den mündlichen Prüfungen
berichtet, was bei jungen Bewerbern zu einem Gefühl der Ungerechtigkeit
führt. Manche vermuten, eine Auswahl werde nach ideologischen Kriterien
getroffen.
Die Lehrerprüfung wird so zum Nadelöhr. Wer an ihr scheitert, muss auf den
privaten Bildungssektor ausweichen. Dort herrschen jedoch schwierigere
Bedingungen, was Schülerzahl, Gehalt und Arbeitspensum betrifft. Wie viele
Lehrer gerade auf eine Stelle warten, ist schwierig zu beziffern.
[4][Lehrergewerkschaften gehen je nach Schätzung von bis zu einer Million
Personen aus].
Bei Ali folgte auf das Studium der Militärdienst und dann die Resignation.
„Ich würde nicht noch einmal auf [5][Lehramt studieren]“, sagt Ali. Heute
verdient er doppelt so viel wie damals als studierter Lehrer, im
klimatisierten Büro, mit Kaffee und Pausen. Immer noch wenig, umgerechnet
gut 800 Euro, aber das entspricht immer noch mehr als dem türkischen
Mindestlohn, der derzeit bei umgerechnet circa 545 Euro netto liegt.
Trotzdem träumen viele junge Menschen in der Türkei von so einem Job. Alis
Glück sind ein gutes Englischniveau, Office-Kenntnisse und Freunde, die ihn
für die Stelle empfohlen haben. Aber sein Traumberuf ist es nicht, für ihn
fühlt sich der Job wie eine Sackgasse an. „Ich sehe keine Zukunft. Ich
wollte nie hier sein, aber ich brauche Geld“, sagt Ali.
Experten nennen das, was viele junge Menschen in der Türkei erleben, eine
„unterwertige Beschäftigung“. Caner Aver, Forscher am Zentrum für
Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen,
erklärt: „Die Türkei hat eine Überakademisierung. Hochschulen wurden als
Wirtschaftszweig aufgebaut, aber die Wirtschaft schafft keine passenden
Jobs. Absolventen landen in Tätigkeiten, die nicht ihrer Qualifikation
entsprechen.“ Die Folgen, so Aver: Die Motivation der Menschen sinkt, und
junge, gute Akademiker wandern nach Möglichkeit ins Ausland ab.
Auch Ates träumte von einer Karriere im Ausland oder zumindest von einem
einfachen Berufseinstieg. Die 22-Jährige hat einen Bachelor in
Energiesystemtechnik absolviert. Sie dachte, das sei ein sicherer
Studiengang mit Jobgarantie. Insgesamt hat Ates bisher vier Jahre studiert
und währenddessen zwei Praktika gemacht. Nach dem Bachelor wollte sie in
Europa weiterstudieren, doch ihr Abschluss sei nicht gut genug, sagt sie.
Deswegen habe sie nach Jobs in der Türkei gesucht, noch bevor sie ihr
Diplom vor einigen Monaten bekommen hat.
Über hundert Bewerbungen habe sie innerhalb von ein paar Monaten
verschickt. Für Teilzeit- und Vollzeitstellen, aber auch für Praktika.
Viele Arbeitgeber meldeten sich nicht zurück. Ein paar Mal wurde sie zu
einem Gespräch eingeladen, doch auch daraus ist bisher nichts entstanden.
Selbst ein schlecht bezahltes Praktikum wäre für sie mittlerweile in
Ordnung, um Erfahrung zu sammeln. Aber auch dort kommen nur Absagen.
## Die Preise steigen weiter
Dass ein junger Mensch nach über hundert Bewerbungen noch immer bei den
Eltern am Esstisch sitzt, passiert häufig in der Türkei. Ates hat Glück im
Unglück, denn sie ist Einzelkind und kann bei ihren Eltern wohnen bleiben.
So spart sie Mietkosten. Laut dem türkischen [6][Statistikinstitut Tüik
bleibt in Ates’ Fachbereich] – Ingenieurwesen und Bau – fast jeder fünfte
Bachelor ohne Stelle.
Wer es schafft, braucht Geduld: Im Schnitt dauert es 14 Monate, bis das
erste Gehalt auf das Konto fließt. Für Ates ist es erst der zweite Monat
des Wartens – eine Zeitspanne, die sich angesichts der leeren Mailfächer
jetzt schon viel länger anfühlt.
Was sie für ein Einstiegsgehalt als Ingenieurin in ihrem Feld erwartet?
Umgerechnet vielleicht 1.000 Euro bei großen Firmen, es könnten aber auch,
wenn es schlecht läuft, um die 600 Euro werden, schätzt sie. Kaum genug für
ein eigenes Leben in einer teuren Stadt wie Istanbul, in der wie im Rest
des Landes die Preise immer weiter steigen.
Somit bleibt sie fürs Erste abhängig von ihren Eltern. Und bekommt aus dem
Familienumfeld Druck. „Die Verwandten fragen: Wie kann eine Ingenieurin
arbeitslos sein?“, sagt Ates. Bei ihren Studienfreunden sei die Situation
ähnlich. Das Studium verliert seinen Wert. Für sie wird der
Bewerbungsprozess zu einer einzigen langen Warterei.
Zwei ihrer Cousins haben studiert und sind im Computerbereich tätig,
[7][Informatik und künstliche Intelligenz]. Sie haben schon vor ein paar
Jahren ihren Abschluss gemacht und schnell den Berufseinstieg geschafft.
Bei ihr sollte das auch so laufen. „Das ist ziemlich niederschmetternd. In
der Schule dachte ich, ich werde einen tollen Job haben. Jetzt bin ich
fertig und merke: Es gibt keine guten Jobs mehr“, sagt sie.
Einer der Hauptgründe für die hohe Zahl an jungen Arbeitslosen wird häufig
darin gesehen, dass zu viele Akademiker ausgebildet werden. Ein Professor
berichtet davon, dass es in der Türkei rund 40 Studiengänge an
Universitäten gebe, die sich mit seinem Fach Arbeitsökonomie beschäftigen.
Doch der Arbeitsmarkt benötige diese Absolventen nicht.
Hinzu kommt, dass die Türkei die Zahl der Universitäten in den vergangenen
Jahrzehnten kräftig ausgebaut hat. So gab es im Land im Jahr 1990 nur knapp
30 Universitäten im Land, [8][mittlerweile sind es über 200, inklusive
privater Hochschulen]. Die Eröffnung von Universitäten sollte auch dazu
dienen, die lokale Wirtschaft in den Regionen anzukurbeln. Die Qualität der
Lehre, wird oft bemängelt, habe darunter gelitten. Das Ergebnis: zu viele
Absolventen, Probleme bei Lehre und Forschung.
Zurück bei Ali, der seinen Cousin Mert vorstellt. Es gibt Essen bei der
Familie. Alis Eltern sind Arbeiter in den Fabriken Izmirs, einer der
größten Städte der Türkei mit etwa drei Millionen Einwohnern. Die Wohnung
liegt am Rand der Stadt. Heruntergekommene Häuser stehen neben neuen
Wohnbauten. Vor ein paar Jahren hat die Familie ihr Haus verkauft und ist
hier in eine kleine Wohnung gezogen. Schön ist es nicht, aber günstiger als
im schicken Zentrum der belebten Stadt.
Weil Mert nicht gut Englisch spricht, übersetzt Ali für ihn. Der 20-Jährige
trägt ein Trikot des Istanbuler Fußballvereins Beşiktaş. Auf seinem rechten
Arm prangt ein Flügel-Tattoo, das sich über seinen halben Unterarm zieht.
Eigentlich befand sich dort mal das Beşiktaş-Logo, doch das war dann selbst
für Mert etwas zu viel Identifikation mit dem Klub.
Jetzt wurden die Flügel darübertätowiert, immerhin ein Symbol für seinen
Lieblingsverein. Stolz zeigt Mert einen Videobericht von einem
studentischen Youtube-Format. „Sie haben uns unsere Zukunft gestohlen“,
sagt er darin und wird auf einmal sehr politisch. Wen er meint, lässt er
offen. Vielleicht die Regierung, vielleicht das System, vielleicht auch
einfach alle. Mert ist klug, direkt und offen. Aber vor allem wirkt er
müde. Und das mit 20 Jahren.
Er hat an einer der Berufsschulen in der Türkei Elektriker gelernt. Zwei
Jahre Schule, daraufhin zwei Jahre abwechselnd Praxis in Betrieben und
Schulunterricht. Elektriker lernen, dachte er sich, das ist sicher, und
damit bekomme ich ein Diplom und Arbeit. Nach dem Abschluss bewirbt er sich
laut eigener Aussage gut zwanzig Mal, aber bekommt nur Absagen.
Häufig wollten sie ihn nicht einstellen, weil er noch seinen Militärdienst
abliefern muss. Doch das will er nicht. Er hofft, es irgendwann an die
Universität zu schaffen oder sich vielleicht aus dem Militärdienst
freizukaufen. Den Militärdienst muss jeder junge Mann in der Türkei
leisten. Er dauert je nach Bildungsstand sechs bis zwölf Monate. Der
Freikauf kostet mehrere tausend Euro. Das ist zu viel für zahlreiche Türken
mit geringem Einkommen.
Auch für Mert kommt das erst einmal nicht infrage, er will arbeiten. Doch
potenzielle Arbeitgeber fordern Erfahrung. Nur: Wie soll er die haben, wenn
ihn niemand einstellt? Schließlich fängt er als Assistent bei einem
erfahrenen Elektriker an. Aber der lasse ihn unbezahlt Überstunden schuften
und zahle weniger als den Mindestlohn, so Mert.
Schnell hört Mert dort auf. Seitdem schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs
durch: Kellner im Restaurant, Tankwart, Fabrikarbeiter. In manchen Jobs
arbeitet er ohne offizielle Anmeldung und damit auch ohne
Krankenversicherung und Einzahlung in Rentenkassen.
Geld gibt es nach der Schicht auf die Hand. Ob er am nächsten Tag arbeitet,
weiß er nicht immer. Entweder sie rufen ihn an oder eben nicht. Mal gibt es
den Mindestlohn, mal etwas darunter. Auch um seine Sicherheit fürchtet Mert
mehrmals. Bei einem Job etwa bringen sie ihm notdürftig das Metallschweißen
bei, stellen aber keine Schutzkleidung zur Verfügung.
## Kaum noch Pläne mit Freunden
Eine prekäre Arbeitssituation, die sich auch psychologisch auf ihn
auswirke, sagt Mert. Am Anfang sei er noch mutig gewesen und habe Nein
gesagt zu schlechten Arbeitsbedingungen. Jetzt nehme er vieles an, denn die
Familie mache ihm Druck, mit Geld nach Hause zu kommen, erzählt er. Ein
Hamsterrad – so habe er keine Zeit, sich für Uni-Aufnahmeprüfungen in
seinem Feld vorzubereiten und so die Aussicht auf einen Job mit besserem
Verdienst zu erhöhen, auch wenn er das gern würde.
Und selbst wenn er es an die Uni schafft, könnte ihm seine Familie
finanziell nicht beim Studium helfen. Besonders wirkt sich das auf seine
sozialen Kontakte aus. Pläne mit Freunden mache er nur noch selten, denn er
wisse nicht, wie viel Geld er haben wird. Früher habe er davon geträumt, zu
reisen und die Welt zu sehen. Jetzt ist sein realistischster Traum, sich
irgendwann ein Auto zu kaufen.
Nach dem Essen sitzen Ali und Mert bei Alis Eltern auf dem Balkon. Sie
rauchen, trinken Tee und erzählen von ihrem Alltag. Davon, wie die Preise
immer weiter steigen und wie es immer schwieriger wird. Mert bekommt einen
Anruf von einem befreundeten Tankwart. Der sagt: Sprit wird ab morgen
teurer. Ob sie heute also noch tanken fahren? Ali würde gerne, aber hat
kein Geld, um sein Auto vollzutanken. Hinterher fährt er doch vorbei,
befüllt aber nur den halben Tank. „So haben wir wenigstens etwas von
unserem Geld gerettet“, sagt er und fährt weiter.
Mert ist kein Einzelfall, berichtet Kayıhan Kesbiç. Er forscht zum Thema
Bildung beim Istanbuler Thinktank Eğitim Reformu Girişimi. Nur ein kleiner
Teil der Menschen, die einen Abschluss an einer der speziellen
Berufsschulen in der Türkei erlangen, würden am Ende auch in ihrem Feld
arbeiten.
Die Gründe dafür scheinen vielfältig: Manchen suchen wie etwa Mert einen
schnellen Berufseinstieg, um Geld zu verdienen, merken dann aber, dass sie
mit ihrem Abschluss nicht gut Anschluss finden oder nur sehr geringe
Gehälter bekommen. Andere schaffen die Zulassungsprüfungen an der Uni
zunächst nicht und orientieren sich um. „Sie gehen häufig weiter zur
Universität oder nehmen andere Jobs an, etwa im Servicesektor, weil sie
dort ähnlich viel verdienen können“, so Kesbiç.
Jedoch gibt es auch Branchen, die deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen,
weil sie Fachkräfte benötigen, betont Caner Aver vom Zentrum für
Türkeistudien und Integrationsforschung: „In der Türkei herrscht auf der
einen Seite ein Fachkräftemangel. Auf der anderen Seite bekommt man als
Schäfer den doppelten Mindestlohn, aber in diesem Bereich möchte kaum
jemand arbeiten, weil die jungen Leute die Stadt vorziehen.
Das ist eine strukturelle Herausforderung, auf die der Staat bisher keine
Lösung gefunden hat.“ Hinzu komme, dass vor allem in geringqualifizierten
Berufsgruppen Zugewanderte mit noch geringerem Lohn als etwa türkische
Jugendliche arbeiten würden. Eine große Gruppe in der Türkei sind Personen
aus dem Nachbarland Syrien.
Fachkräftemangel auf der einen Seite, junge Arbeitslose auf der anderen.
Wie bewerten Arbeitgeber die Lage? Nachgefragt in Izmir bei einem großen
Stahlhersteller, der İzmir Demir Çelik. Stolz stellen sie hier am Eingang
der Firmenzentrale in der Innenstadt ihre Stahlstäbe aus. Personalchefin
Esra Savut empfängt spontan in einem hellen Büro auf einer der vielen
Etagen des Gebäudes. Sie arbeitet schon seit über zehn Jahren in dem
Unternehmen und kennt den Markt.
Für manche Stellen, besonders wenn sie eine akademische Laufbahn
voraussetzen, bekommen sie mehr als hundert Bewerbungen, doch viele Profile
passen nicht zur Ausschreibung. Einer der Hauptgründe, so Savut: zu viele
Universitäten im Land, bei denen häufig auch die Qualität der Ausbildung
schwanke.
Gleichzeitig habe das Stahlunternehmen Probleme, Fachkräfte in der
Industrie zu bekommen, berichtet Savut weiter. „Junge Leute wollen nicht in
einer schweren Industrie arbeiten. Verkäufer finden wir leicht, aber
qualifizierte Fachkräfte für die Fabrik sind schwierig“, so Savut. Das
Metallunternehmen kümmere sich um Kooperationen mit Universitäten und
Berufsschulen und beteilige sich regelmäßig an Karrieretagen. Die Bezahlung
will sie nicht verraten, sie befinde sich jedoch auf „sehr gutem“ Niveau.
Allein am Fabrikstandort seien zwei Personen Vollzeit damit beschäftigt,
Jobinterviews zu führen. Ein großer Aufwand, so die Personalerin.
Angesprochen auf den von Arbeitgebern in der Türkei beschworenen
Fachkräftemangel schmunzeln sie bei Disk, einer der größten Gewerkschaften
des Landes. Die Konföderation der progressiven Arbeitergewerkschaften ist
besonders aktiv in Industriebranchen, unter anderem Metall. Eine „urbane
Legende“ nennen sie den Fachkräftemangel hier. „Arbeitgeber sagen, dass sie
keine Leute finden. Das ist ein Mythos. Sie suchen keine qualifizierten
Leute, sondern billige Arbeitskräfte“, sagt Zeynep Kandaz, die bei der
Gewerkschaft zu dem Thema forscht.
Viele Firmen würden Praktikanten oder Lehrlinge als billige Arbeitskräfte
nutzen statt regulär einzustellen, zumal Industriejobs nicht in allen
Regionen zu finden seien. Viele könnten sich den Umzug in Industriestädte
schlichtweg nicht leisten. Hinzu komme, dass Mindestlohn keine Ausnahme,
sondern vielmehr die Regel sei. Etwa die Hälfte aller Beschäftigten, so die
Gewerkschaft, [9][arbeite in der Türkei für den Mindestlohn oder ein Gehalt
in dessen unmittelbarer Nähe .]
Ein paar Stunden nach Feierabend klingelt Alis Handy. Jemand, den er nach
Europa vermittelt hat, steht irgendwo im Nirgendwo und findet das Haus
nicht. Wo genau, das soll nicht im Text stehen, damit Ali anonym bleiben
kann. „Das ist der nervigste Teil des Jobs“, sagt Ali und entschuldigt
sich, dass er kurz telefonieren muss. Geduldig ruft er sein Team an und
hilft dem Anrufer, den Weg zu finden. Am Ende fragt er: „Ist sonst alles in
Ordnung? Ja? Gut. Dann wünsche ich dir viel Glück.“ Manchmal fühlt Ali sich
wie eine Mutter, die die Hände ihrer Schützlinge aus der Ferne hält, bis
diese in ihrem neuen Job ankommen.
Es ist ein kurzer Moment, der viel erzählt: Ali hilft Menschen, die genau
das geschafft haben, wovon er selbst träumt. Er öffnet Türen, die für ihn
verschlossen bleiben. Und während er anderen den Start in Europa
erleichtert, sitzt er fest. Neidisch will er nicht sein. Denn am Ende gehe
es ja nicht darum, dass andere Privilegien haben und er nicht.
Sondern darum, dass ihm die Privilegien verwehrt bleiben, die eigentlich
normal sein sollten – wie Reisefreiheit ohne bürokratische Hürden und die
Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Ob er daran glaube, dass die Dinge
sich bald ändern? Er wisse, dass das möglich sei, aber wohl nicht in
nächster Zeit. Bis dahin will er so gut durchkommen wie möglich. Glücklich
ist er nicht, aber so glücklich, wie es eben geht. Das Kämpfen hat er
aufgegeben.
10 Feb 2026
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(DIR) Lukas Nickel
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