# taz.de -- Ökologe über die Ukraine: Wiederaufbau könnte mehr Umwelt zerstören als der Krieg
       
       > Für ein Kriegsende stehen schon Firmen bereit, die in der Ukraine
       > investieren wollen. Warum aber zu viel Tempo die Umwelt bedroht, erklärt
       > Experte Vasyljuk.
       
 (IMG) Bild: Ökologen kritisieren: Bei der Minenräumung mit schwerem Gerät, hier in der Region Cherson, wird oft der ganze Boden aufgewühlt
       
       Die Gespräche über einen Friedensplan für die Ukraine werden begleitet von
       Hoffnungen für den Wiederaufbau. Bei den bislang angedachten Investitions-
       und Entwicklungspaketen geht es dabei vor allem um die Zusammenarbeit mit
       US-amerikanischen Konzernen – etwa bei der [1][Modernisierung der
       Gasinfrastruktur oder dem Abbau von Rohstoffen].
       
       Deutlich seltener, wenn überhaupt, werden Umweltstandards genannt. Dabei
       [2][zeigen Studien, etwa der Internationalen Naturschutzunion IUCN: Der
       ökologische Schaden durch den Wiederaufbau] ist oft noch größer als der,
       den der Krieg verursacht. Davor warnt auch Oleksij Vasyljuk von der
       Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kyjiw, Mitbegründer der
       sogenannten Ukraine War Environmental Consequences Work Group, die die
       Umweltfolgen des Krieges erforscht.
       
       Sowohl bei der Minenräumung als auch bei neuen Investitionen würden
       Entscheidungen vermutlich nach rein wirtschaftlichen Aspekten getroffen,
       sagt Vasyljuk. Dafür würden auch Umweltauflagen aufgehoben. Schon jetzt
       gebe es Bestrebungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen auszusetzen – etwa
       für Großprojekte wie den Wiederaufbau des [3][zerstörten
       Kachowka-Stausees]: Für einen neuen See müssten rund 2.000 Quadratkilometer
       junger Wald gerodet werden, der größte neu entstandene Wald in der
       europäischen Steppe.
       
       Die Zerstörung und Verminung großer Teile der Ukraine im Zuge des Krieges
       haben zu einem massiven [4][Problem für die Landwirtschaft, die Umwelt und
       die Sicherheit] geführt. Rund 26 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets
       gelten als potenziell vermint. Eine vollständige Räumung der verminten
       Gebiete wird Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert dauern. Dennoch werde
       oft so getan, „als ließe sich jede Fläche reinigen und dann wieder nutzen“,
       sagt Vasyliuk.
       
       ## Wirtschaft first
       
       Beim Räumen gerieten ökologische Standards immer weiter in den Hintergrund.
       „Anstatt Minen und Blindgänger vorsichtig zu bergen, werden automatisierte
       Räummaschinen eingesetzt, die einfach den gesamten Boden umwühlen“, erklärt
       der Wissenschaftler. „Dabei explodieren nicht nur Sprengstoffe, sondern es
       wird auch das gesamte Ökosystem zerstört und mit Chemikalien kontaminiert.“
       Gemeinden und lokale Behörden seien oft nicht ausreichend informiert und
       verließen sich auf die vermeintliche Expertise der Unternehmen. In vielen
       Fällen führe deren Praxis aber dazu, dass der Boden belastet und die
       betroffenen Gebiete auf lange Zeit unbrauchbar werden.
       
       Vasyljuk schlägt ein differenziertes Vorgehen vor: „Es gibt Gebiete, die
       sind so stark mit Chemikalien belastet, dass sie möglicherweise nie wieder
       landwirtschaftlich genutzt werden können“, erklärt er. Die sollten laut
       Vasyljuk bei der Räumung außen vor bleiben. Es sei besser, das Geld in
       andere, weniger kontaminierte Flächen zu investieren, die nach der Räumung
       wieder genutzt werden können. Eine Liste der priorisiert zu räumenden
       Gebiete könnte zusätzlich sicherstellen, dass die Ressourcen dort
       eingesetzt werden, wo sie tatsächlich zu einer realen Verbesserung des
       Bodens und der Besiedlungsmöglichkeiten führen.
       
       Als Vorbild nennt er das [5][sogenannte Rote Gebiet an der Grenze zwischen
       Frankreich und Belgien]. Dort sind die Folgen des Ersten Weltkriegs immer
       noch so gravierend, dass die Staaten entschieden haben, diese Gebiete bis
       heute unangetastet zu belassen.
       
       „Wenn Frankreich nach über 100 Jahren immer noch sagt, dass dieses Gebiet
       unbenutzbar ist, dann sollten wir vielleicht auch in der Ukraine
       realistisch sein und bestimmte Gebiete als unbrauchbar ansehen“, meint
       Vasyljuk. Sinnvoll wäre ein Austausch mit französischen oder belgischen
       Spezialisten, die über ihre Erfahrungen mit derartig kontaminierten
       Gebieten berichten könnten.
       
       ## Keine klare Strategie für Umweltstandards
       
       Vasyljuk kritisiert, dass es der Ukraine an einer klaren Strategie zur
       Minenräumung fehle. Erst recht an einer, die ökologische Standards
       berücksichtigt. „Es gibt keine Karte, die zeigt, welche Gebiete sinnvoll
       geräumt werden können und welche nicht. Stattdessen suchen Gemeinden
       selbstständig nach Geld für Minenräumungsprojekte, ohne zu wissen, ob sich
       die Investition langfristig lohnt“, sagt der Ökologe. Bisher gebe es in der
       Ukraine keine Prioritätenliste.
       
       „Ich gehe davon aus, dass viele Staaten die Ukraine unterstützen werden bei
       der Entminung. Aber diese Unterstützung wird vielleicht fünf oder auch zehn
       Jahre dauern. Und keine hundert Jahre.“
       
       Ähnlich einseitig verlaufen nach Einschätzungen des Forschers die
       Bestrebungen zum Wiederaufbau des Kachowka-Staudamms. Dessen Zerstörung im
       Juni 2023 gilt als eine der größten Umweltkatastrophen des Krieges gegen
       die Ukraine. Millionen Menschen verloren ihre Lebensgrundlagen, riesige
       Flächen wurden überflutet, ganze Ökosysteme schienen unwiederbringlich
       zerstört.
       
       Doch die Natur überraschte alle. Zwei Jahre später [6][wächst dort, wo
       einst ein riesiges Wasserreservoir lag, ein junger, natürlicher Wald] –
       schneller und großflächiger als jemals zuvor in Europa. Und dieser neue
       Wald wäre zerstört, wenn man die Staumauer wieder aufbauen würde.
       
       ## „Ein Relikt aus der Stalin-Zeit“
       
       „Ich denke, der Wiederaufbau des Kachowka-Stausees wäre ein schwerer Fehler
       – ökologisch wie wirtschaftlich“, sagt Vasyliuk. „Der Staudamm ist ein
       Relikt aus der Stalin-Zeit.“ Damals waren Großprojekte beliebt. Als der
       Kachowka-Damm gebaut wurde, habe das Regime eine Bewässerungsanlage für
       Baumwolle schaffen wollen. „Schnell hatte sich allerdings herausgestellt,
       dass in der Ukraine keine Baumwolle wachsen kann.“
       
       Seit 1985 galt der Stausee [7][als Wasserreservoir für das Atomkraftwerk
       Saporischschja,] das damit seine Kühlung betreibt. „Eigentlich ist dieser
       Stausee dafür überflüssig“, meint Vasyliuk. „Der Fluß Dnipro fließt gerade
       einmal 100 Meter vom Areal des Kraftwerks entfernt. Man kann also das
       Kühlwasser auch direkt aus dem Fluss entnehmen.“
       
       Vasyljuk ist davon überzeugt, dass die künstliche Bewässerung aus dem See
       der Region nur schadet. Würden hier bewässerungsintensive Pflanzen
       angebaut, könne der Boden binnen 15 bis 20 Jahren vollständig versalzen.
       Setzten die Ukrainer:innen jedoch auf Pflanzen, die ohne viel Wasser
       auskommen, würde er über Generationen nutzbar bleiben.
       
       Auch aus energiepolitischer Sicht hält Vasyljuk den Wiederaufbau der
       Wasserkraftanlage, die bis zur Zerstörung des Damms im Kachowka-Stausee
       betrieben wurde, für überbewertet. Schon vor dem Krieg habe sie nur ein
       Prozent zur ukrainischen Stromproduktion beigetragen. Ein Großteil dieser
       Energie wurde dafür verwendet, Wasser in die Bewässerungskanäle zu pumpen –
       nicht für Haushalte oder Industrie.Ein häufiges Argument der
       Energiewirtschaft laute, der Stausee sei notwendig, um die
       Energieversorgung zu „manövrieren“, also Spitzenlasten auszugleichen. Doch
       diese Funktion könnte deutlich effizienter ein dezentrales System aus Wind-
       und Solarenergie übernehmen, findet Vasyljuk.
       
       Nicht zuletzt könne man aus dem Krieg und der Zerstörung des Kachowka-Damms
       auch die Lehre ziehen, dass Großprojekte viel verwundbarer seien. Sein
       Wiederaufbau sei teuer und zeitaufwendig. Vasyljuk sagt: Eine zerstörte
       Solarzelle könne dagegen in nur wenigen Tagen ausgewechselt werden.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krieg-in-der-Ukraine/!6141200
 (DIR) [2] https://portals.iucn.org/library/sites/library/files/documents/FRS-001-En.pdf
 (DIR) [3] /Kachowka-Staudamm-nach-der-Zerstoerung/!5936399
 (DIR) [4] /Minenraeumerinnen-fuer-die-Ukraine/!6053859
 (DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Zone_rouge
 (DIR) [6] /1-Jahr-nach-Bruch-des-Kochowka-Staudamms/!6006348
 (DIR) [7] /Waffenstillstand-in-der-Ukraine/!6150223
       
       ## AUTOREN
       
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