# taz.de -- Umbruch in Großbritannien: Der Niedergang der etablierten Parteien
       
       > Labour verliert an die Grünen, die Konservativen verlieren an Reform UK.
       > Demnächst wird eine Nachwahl bei Manchester weitere Zuspitzung bringen.
       
 (IMG) Bild: Laut Meinungsumfragen ist Keir Starmer inzwischen der unbeliebteste britische Premierminister aller Zeiten
       
       Die einen waren 14 Jahre an der Macht, die anderen gerade mal seit 16
       Monaten. Vielen in Großbritannien ist der Unterschied zwischen
       Konservativen und Labour egal und sie sind beider etablierter Parteien
       überdrüssig. In den Meinungsumfragen führt die rechtspopulistische Partei
       [1][Reform UK unter Nigel Farage] seit einem Jahr, während die englischen
       und walisischen Grünen unter dem linkspopulistischen Zack Polanski
       ebenfalls stark an Popularität zunahmen.
       
       Beides geht auf Kosten der Altparteien. Über ein Dutzend unzufriedene
       konservative Politiker:innen der alten Garde haben in den vergangenen
       Wochen ihre Parteimitgliedschaft gekündigt und sich Nigel Farage
       angeschlossen – darunter [2][die ehemaligen Minister Robert Jenrick], Nadim
       Zahawi, Nadine Dorries, Danny Kruger und zuletzt Suella Braverman.
       
       Mit jedem solchen Überlauf sieht Reform UK zwar weniger wie eine frische
       Alternative aus und mehr wie ein Sammelbecken für gescheiterte Rechte –
       aber die Konservativen werden dennoch personell immer weiter geschwächt,
       obwohl ihre Parteichefin Kemi Badenoch damit parteinterne Kritiker loswird
       und in den Umfragen sogar wieder leicht zulegt, seit sie im Januar begonnen
       hat, Reform UK und Labour härter zu kontern als bisher.
       
       Ähnliche [3][Unzufriedenheit gibt es bei Labour]. Laut Meinungsumfragen ist
       Keir Starmer inzwischen der unbeliebteste Premierminister aller Zeiten,
       viele Minister überlegen mehr oder weniger offen, wie man ihn rechtzeitig
       vor den nächsten Wahlen loswerden könnte.
       
       ## Andy Burnham als Labours möglicher Starmer-Ersatz
       
       Die Labour-Krise wird nun frühzeitig auf die Spitze getrieben: Mitte Januar
       legte Andrew Gwynne, Wahlkreisabgeordneter für Gorton und Denton am
       nordöstlichen Rand Manchesters, sein Mandat nieder – offiziell aus
       gesundheitlichen Gründen, tatsächlich wegen des Bekanntwerdens
       beleidigender und sexistischer Kommentare gegenüber Wählerinnen. Die
       Nachwahl in einem einst sicheren Labour-Wahlkreis, voraussichtlich am 26.
       Februar, könnte nun eine vorgezogene Entscheidung über Starmers Zukunft
       werden.
       
       Andy Burnham, seit 2017 Manchesters Labour-Bürgermeister und davor seit
       2001 Abgeordneter für den Manchester-Wahlkreis Leigh, wollte sich für den
       Sitz als Kandidat aufstellen lassen. Burnham hat sich als Bürgermeister
       profiliert und von seiner Parteiführung abgesetzt, ähnlich wie einst bei
       den Tories Boris Johnson, als er Londons Bürgermeister war.
       
       „King of the North“ lautet Burnhams Spitzname, er ist einer der
       beliebtesten Politiker Großbritanniens. Was die politische Position dieses
       politischen Königs betrifft, kommt es ähnlich wie einst bei Johnson darauf
       an, wen man fragt. Manche glauben, er stehe links von Starmer. Andere
       erinnern daran, dass er sich einst gegen Jeremy Corbyn positionierte,
       während Starmer noch mit diesem zusammenarbeitete. Im Vergleich zu Starmer
       tritt Burnham spürbar freier und lässiger auf, mit oftmals klareren
       politischen Aussagen.
       
       Zahlreiche Labour-Politiker, besonders die Kritiker Starmers, begrüßten
       Burnhams Wunsch, jetzt wieder ins Parlament einzuziehen und die alte
       Labour-Hochburg Gorton and Denton vor Reform UK zu schützen. Doch für die
       Kandidatur zur Nachwahl müsste er sein Bürgermeisteramt in Manchester
       aufgeben und dort eine weitere Neuwahl herbeiführen. Der drohende Verlust
       dieser Hochburg war für Labour zu riskant. Am vergangenen Sonntag stimmte
       der Vorstand fast einstimmig gegen Burnhams Kandidatur.
       
       Das geschah nicht ohne Hintergedanken. Denn als Parlamentsabgeordneter
       könnte Burnham irgendwann auch Labour-Premierminister werden. Schon während
       des letzten Labour-Parteitages 2025 wurde Burnham als potenzieller
       Nachfolger Starmers hochgejubelt. Er verneinte zwar diese Ambitionen,
       kritisierte aber offen den Premierminister und forderte eine sozialere
       Politik. Zu seinen Verbündeten zählt die ehemalige stellvertretende
       Parteichefin Angela Rayner und deren im Oktober gewählte Nachfolgerin Lucy
       Powell – von dieser kam jetzt auch die einzige Stimme im Vorstand für seine
       Kandidatur.
       
       ## Labour droht Nachwahl-Desaster
       
       Inzwischen haben 50 Labour-Abgeordnete gefordert, die Entscheidung gegen
       Burnham zu revidieren. Vergeblich: Am Wochenende stellte Labour die wenig
       bekannte Lokalpolitikerin Angeliki Stogia für die Nachwahl auf. Die
       eingewanderte Griechin ist bereits bei den Europawahlen 2014 und den
       Parlamentswahlen 2024 für Labour angetreten und hat beide Male verloren.
       
       Während Labour streitet, hat Reform UK den rechtsintellektuellen
       TV-Moderator, Kommentator und Akademiker Matt Goodwin aufgestellt, eines
       ihrer Schwergewichte. Hoffnungen machen sich auch die Grünen, die mit ihrer
       jungen Kandidatin Hannah Spencer Jungwähler anziehen wollen, um den
       Wahlkreis an sich zu reißen. Reform UK und Grüne wollen jeweils an die
       Stelle von Konservativen und Labour treten. Sollte ihnen das gelingen,
       stünde Großbritanniens parteipolitische Landschaft vor großen Umbrüchen.
       
       2 Feb 2026
       
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