# taz.de -- Anschlag auf jüdisches Altenheim: Glühender Antisemitismus
> Der Anschlag auf das jüdische Altenheim in München kostete sieben
> Menschen das Leben. Jetzt scheint der Fall gelöst – nach 55 Jahren.
(IMG) Bild: Rund 50 Menschen befanden sich im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde, als das Feuer ausbrach. Sieben starben
Es war nach dem Olympia-Attentat von 1972 [1][der schlimmste antisemitische
Anschlag in der Bundesrepublik]. Und doch geriet der Mord an David
Jakubowicz, Leopold Arie Leib Gimpel, Regina Rivka Becher, Siegfried
Offenbacher, Max Meir Blum, Rosa Drucker und Georg Eljakim Pfau lange Zeit
mehr oder minder in Vergessenheit. Sieben Menschen, die den Holocaust
überlebt hatten und dann – am 13. Februar 1970 – in einem Feuer starben,
das jemand im jüdischen Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße gelegt
hatte.
Es war Sabbat. Freitagabend. Die Feuerwehr war schnell vor Ort, konnte
viele Bewohner retten. Die sieben nicht. Sechs von ihnen kamen in den
Flammen um, der 71-jährige Max Meir Blum wollte sich mit einem Sprung aus
dem vierten Stock retten, überlebte den Sturz allerdings nicht.
Dass es Mord war, dass jemand den Brand absichtlich gelegt hatte, stand
schnell fest. Auch der Tathergang: Der Täter muss gegen 21 Uhr das
Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
betreten haben, das sich damals noch hier im Glockenbachviertel befand.
Aufgehalten wurde er von niemandem. Dass jüdische Einrichtungen in
Deutschland rund um die Uhr von der Polizei geschützt werden, war erst eine
Folge des Anschlags.
Mit dem Aufzug fuhr der Täter in den vierten Stock, setzte ihn außer
Betrieb, ging dann zu Fuß wieder hinunter und vergoss dabei im Treppenhaus
ein Gemisch aus Benzin und Öl. Unten angekommen, setzte er es in Brand und
floh. Das Feuer verbreitete sich rasend schnell, die Menschen im Haus saßen
in der Falle. In den oberen Stockwerken befand sich das Altenheim, auch
einige Studentenunterkünfte.
## „In Liebe zum Führer“
Auf der Suche nach dem Täter tappten die Ermittler jedoch jahrelang im
Dunkeln. Jahrzehntelang. [2][Palästinensische Gruppen wurden verdächtigt,
später dann vor allem Linksextremisten] – etwa die Tupamaros, eine
Terrorbande rund um Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann, die unter anderem
1969 einen Sprengsatz in der Jüdischen Gemeinde Berlin platziert hatte.
Ermittlungen wurden aufgenommen und wieder ad acta gelegt. Auch ein
rechtsextremistischer Hintergrund wurde nicht ausgeschlossen, stand aber
nie wirklich im Mittelpunkt der Ermittlungen. [3][Bis zum vergangenen
Jahr,] als sich die Generalstaatsanwaltschaft nach einem Hinweis an den
Antisemitismusbeauftragten der bayerischen Justiz, Andreas Franck, erneut
des Falles annahm. Die Spur, so hieß es damals, führe nach rechts.
Das hat sich nun offenbar bestätigt. Wie der Spiegel berichtet, deutet
mittlerweile alles daraufhin, dass der damals 26-jährige Bernd V., ein
Münchner Krimineller und „glühender Antisemit“, hinter dem Anschlag steckt.
Den Mann hatte bei früheren Ermittlungen offenbar niemand auf dem Radar.
Laut Spiegel war ihm von Bekannten ein „Hitler-Tick“ attestiert worden; vor
Gericht habe er einmal angegeben, er sei von einem Onkel, der eine starke
Bezugsperson gewesen sei, in „Liebe zum Führer“ erzogen worden.
Bernd V. hatte ein umfangreiches Strafregister: Schon als Jugendlicher
sprengte er Telefonzellen in die Luft, später vor allem Panzerschränke.
Spektakulär war der Diebstahl der berühmten, 500 Jahre alten „Blutenburger
Madonna“. Die Holzstatue erbeuteten V. und zwei Komplizen bei einem
Einbruch in eine Münchner Kapelle. Besonderes Aufsehen bekam der Fall noch
durch das Versteck der Madonna: V. hatte sie in einem Paket dem beliebten
Münchner Schauspieler Walter Sedlmayr zur Aufbewahrung gegeben, freilich
ohne dessen Wissen. Dennoch bezichtigte V. Sedlmayr zunächst, Auftraggeber
des Diebstahls gewesen zu sein, als das Einbrechertrio nach drei Monaten
aufflog.
## Verdächtiger starb 2020
Auf V. als mutmaßlichen Brandstifter in der Reichenbachstraße waren die
Ermittler allerdings erst gestoßen, nachdem sich vor etwa einem Jahr eine
Zeugin an die Münchner Generalstaatsanwaltschaft gewandt hatte. Die Frau
berichtete, was ihr ein naher Verwandter anvertraut habe: Er habe mit Bernd
V. und einem weiteren Komplizen am Abend des 13. Februar versucht, am
Gärtnerplatz ein Juweliergeschäft auszurauben – allerdings ohne Erfolg.
Bernd V. sei daraufhin sehr wütend geworden und habe begonnen, auf Juden zu
schimpfen. Dann habe er auf das nur wenige Schritte vom Gärtnerplatz
entfernte jüdische Gemeindezentrum gezeigt und gesagt, nun werde er sie
anzünden.
Wenn auch alle Mitglieder der Einbrecherbande inzwischen tot waren – Bernd
V. selbst starb 2020 –, nahm die Generalstaatsanwaltschaft erneut ein
Ermittlungsverfahren auf und trug Puzzlesteine zusammen, die den Verdacht
gegen V. untermauerten. So hatten damals Zeugen einen verdächtigen Mann in
der Nähe des Tatorts gesehen, dessen Beschreibung auf V. zutraf.
Und dann gab es da noch einen weiteren Hinweis – der zugleich Fragen
beantwortet und neue aufwirft: Wie der Spiegel schreibt, soll sich Jahre
nach dem Anschlag ein Häftling an die Behörden gewandt und berichtet haben,
sein Zellennachbar, eben jener Bernd V., habe im Gespräch mit ihm
angedeutet, für das Feuer verantwortlich gewesen zu sein. Auf die Frage,
warum man diesem Hinweis damals offenbar nicht ernsthaft nachging, gibt es
bislang keine Antwort.
30 Jan 2026
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(DIR) Dominik Baur
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rechts.