# taz.de -- Kulturgeschichte des Brauens: Was war zuerst da – das Brot oder das Bier?
> Die frühesten Spuren der Bierherstellung sind über 13.000 Jahre alt. Wer
> über das Getränk forscht, lernt viel über Rausch und Zivilisation.
(IMG) Bild: Stilleben, 1895 von Isaac John Williams
Lange galt das Bier als Erfindung des sesshaften Menschen, parallel zum
Brot entstanden. Doch neue archäologische Funde deuten darauf hin, dass
bereits Jäger-und-Sammler-Kulturen die Kunst des Bierbrauens beherrschten.
In der Rakefet-Höhle in Israel, eine jungsteinzeitliche Begräbnisstätte mit
etwa 30 Bestattungen, [1][entdeckten chinesische Forschende steinerne
Mörser]. In ihnen waren wilde Pflanzen, darunter Weizen, Gerste und
Hülsenfrüchte, verarbeitet und fermentiert worden. Das könnte ein
breiartiges Bier ergeben haben, glauben die Forschenden.
Die Gefäße stammen aus der Zeit von vor 11.700 bis zu 13.700 Jahren und
beweisen, dass das Brauen älter ist als Sesshaftwerdung. Verwunderlich sind
weder Fundort noch Datierung. Immerhin erfülle Bier zwei zentrale
Funktionen, erklärt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der
Universität Regensburg und Autor des Buches „Bier. Eine Geschichte von der
Steinzeit bis heute“.
„Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Lust am Rausch, zum Beispiel bei
religiösen Anlässen. Im Rausch fühlte man sich den Ahnen und Göttern
näher.“ Und das fermentierte Getränk schmeckte dazu gut, war leicht
herzustellen und lockerte die Zunge. Und das sei der Geselligkeit mehr als
zuträglich. Und wo ist man den Geistern der Ahnen und Gemeinschaft näher
als bei einem Begräbnis?
Die kultische Funktion unterstreichen auch andere Fundstätten. In der
berühmten Kultstätte Göbekli Tepe in der heutigen Türkei [2][fanden
Forschende Gefäße], die zur Herstellung und Lagerung von Brot und Bier
dienten. Und die Keilschriften der Sumerer berichten vom Bier als einem
heiligen Getränk, das mit den Göttern in Verbindung stand.
„[3][Den Rausch als Möglichkeit, den Göttern nahe zu sein], gab es schon
viel länger. Durch gegorene Früchte oder halluzinogene Pilze und Pflanzen
versetzen sich Priester oder Schamanen in Trance. Das Bier macht den Rausch
aber kontrollierbar“, erläutert Hirschfelder. Hinzu kommt, dass Getreide
als Hauptbestandteil in vielen Teilen der Welt vorkommt und die Herstellung
von Bier vergleichsweise einfach ist.
## Bier für alle Lebenslagen
Spätestens in der Antike schaffte das Getränk den Sprung über den
fruchtbaren Halbmond in den gesamten Mittelmeerraum. Handel, Feldzüge und
kultureller Austausch begünstigten diese Verbreitung. Jede Gruppe
entwickelte dabei eigene Zubereitungsformen: mal ergänzt um Zusatzstoffe
wie Honig oder gegorene Ziegenmilch, mal erhitzt, mal kalt in Wasser
vergoren. Starkes, dünnes, saures oder süßes Bier, all das ist keine
Erfindung der Neuzeit, sondern Jahrtausende alt.
Je nach Verwendungszweck schwankte auch der Alkoholgehalt erheblich.
Alltägliches Bier, wie es beispielsweise die Handwerker beim Pyramidenbau
tranken, hatte lediglich ein bis zwei Prozent Alkohol. Es war eine gute
Stärkung in der Mittagspause, berauschte aber nicht so sehr, dass danach
die Pyramiden krumm und schief wurden.
Zudem war dieses Dünnbier deutlich sicherer und weniger verunreinigt als
das Wasser aus den Seitenarmen des Nils. Gleichzeitig berichten antike
Schriften von exzessiven Rauschzuständen bei religiösen Festen. Dafür
brauchte es Bier mit deutlich höherem Alkoholgehalt.
Ein Jedermannsgetränk war Bier trotz vielfältiger Verwendung jedoch nicht.
„Weizen anzubauen und zu verarbeiten, war gerade für die frühen Bauern mit
hohem Aufwand verbunden. Somit konnte sich auch nicht jeder das Biertrinken
leisten“, erklärt Hirschfelder. Vermutlich war es ein Getränk von Männern
mit besonderem Status: Priester, Handwerker, Kaufleute und hohen Beamten.
Frauen, Kinder und Tagelöhner waren vom Bierkonsum weitgehend
ausgeschlossen. Die Brauer selbst waren dagegen höchstwahrscheinlich
weiblich, wie Keilschriftquellen der Babylonier und Sumerer andeuten.
Ähnlich könnte es auch bei den Germanen in Nordeuropa ausgesehen haben.
Brauen war Frauenarbeit, während das Trinken den Männern vorbehalten blieb.
## Klöster als Braumeister
Seinem religiösen Charakter blieb das Bier auch im frühen Mittelalter treu.
Die Kunst des Brauens wurde in den Klöstern bewahrt und verfeinert. Die
Mönche legten Hopfengärten an, experimentierten mit Zutaten wie Wacholder,
Ingwer, Anis, Lorbeer, Kümmel oder sogar Stechapfel und brauten in großen
Mengen nahrhaftes und verhältnismäßig starkes Bier. Ihren Experimenten
verdanken wir wohl den eher bitteren Geschmack und die lange Haltbarkeit
heutiger Sorten.
Auch der Rausch spielte weiterhin eine wichtige Rolle. Gut genährt und
leicht angeschwipst ließ sich die harte Fastenzeit leichter überstehen.
Anders als Brot galt das flüssige Bier nicht als Bruch des Fastengelübdes.
Dafür gab es sogar den päpstlichen Segen, zumindest der Legende nach.
Angeblich sandten Ordensbrüder aus der Schweiz selbst gebrautes Bier nach
Rom, um sich das Einverständnis des Pontifex zu sichern. Leider war das
Bier nach dem langen Weg längst verdorben und ekelhaft sauer. Der Papst,
eher ein Weinliebhaber, nahm einen Schluck und übergab sich beinahe. Solche
Plörre empfand er eher Geißel als Freude und billigte die bierselige
Fastenzeit.
Ob Anekdote oder historische Wahrheit, das sei dahingestellt. Jedenfalls
wurden viele Klöster im Mittelalter zu erfolgreichen Brauereien. Von diesem
Erfolg wollten auch weltliche Brauer profitieren. In den reichen
Handelsstädten blühten Produktion und Handel mit dem Bier. Neben Klöstern
entstanden immer mehr private Brauereien. Doch mit dem Konkurrenzdruck
stieg auch die Bereitschaft, Schindluder mit dem Getränk zu treiben. Die
Qualitätsschwankungen waren immens, die Zunftregeln in den einzelnen
Städten höchst unterschiedlich.
## Geburtsstunde der Qualitätskontrolle
Kaiser Barbarossa ging 1156 in Augsburg gegen Bierpanscher vor. Wer seinen
Gerstensaft mit Wasser streckte oder zu viele Gewürze und Kräuter
hinzufügte, musste ein Bußgeld von fünf Gulden zahlen. Wen das nicht
abschreckte und wer munter weiter pantschte, dem konnte sogar die
Braulizenz entzogen werden. In München gab es bereits in den 1360er Jahren
hauptamtliche Bierkontrolleure, die sich durch die Brauereien der Stadt
tranken und die Qualität überwachten.
Den bedeutendsten Schritt gegen die Bierpanscherei machten Herzog Wilhelm
IV. von Bayern und sein Bruder Ludwig X., als sie am 23. April 1516 das
berühmte Reinheitsgebot für bayerisches Bier erließen. Darin wurde
vorgeschrieben, [4][dass „allain Gersten, Hopffen und Wasser“ verwendet
werden dürfen]. Hefe war zu dieser Zeit noch nicht als eigenständiger
Organismus bekannt, die alkoholische Gärung kam durch wilde Hefen zustande.
Diese Regelung wurde von vielen anderen Territorien schnell übernommen und
prägt die deutsche Brauereilandschaft bis heute. Einziger Haken: Damit
verloren viele kreativen Bierrezepte ihre Daseinsberechtigung, mal von
Ausnahmen wie dem Weißbier abgesehen. Lorbeer- oder Stechapfelbier sucht
man heute in den Getränkemärkten jedenfalls vergeblich, zum Glück oder zum
Leidwesen, je nach persönlichem Geschmack. Der Deutsche Brauer-Bund nennt
den Erlass stolz das „älteste, nach wie vor gültige Verbraucherschutzgesetz
der Welt“.
Ob es dem bayerischen Herzog tatsächlich um Verbraucherschutz ging, ist
allerdings fraglich. Wahrscheinlicher ist das wirtschaftspolitische
Anliegen, die Verwendung kostbaren Getreides zu regulieren und die Preise
zu kontrollieren. In Zeiten, in der Hungersnöte keine Seltenheit waren,
konnte man den guten Weizen nicht verschwenden – auch nicht für die Lust am
Rausch oder ein bisschen mehr Geselligkeit.
Unabhängig von den ursprünglichen Beweggründen markierte das Reinheitsgebot
einen Wendepunkt in der Biergeschichte. Es standardisierte nicht nur den
Gerstensaft, sondern schuf auch [5][eine kulturelle Identität], die das
deutsche Bier bis heute prägt und dafür sorgte, dass das Brauen inzwischen
[6][als immaterielles Kulturerbe von der Unecso] anerkannt wurde.
30 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352409X18303468?via%3Dihub
(DIR) [2] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352409X18303468?via%3Dihub
(DIR) [3] /Rauschmittel-im-alten-Rom/!6003123
(DIR) [4] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352409X18303468?via%3Dihub
(DIR) [5] /Vielfalt-im-Fass/!6129953
(DIR) [6] https://www.unesco.de/staette/handwerkliches-bierbrauen/
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
## TAGS
(DIR) Brauerei
(DIR) Antike
(DIR) Mittelalter
(DIR) Alkohol
(DIR) Bier
(DIR) Bierbrauer
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Archäologie
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) Kolumne Speckgürtelpunks
(DIR) Archäologie
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Archäologie: Wie fremd uns die Steinzeit wirklich ist
Vom Alltag in der Altsteinzeit gibt es nur wenige archäologische Zeugnisse.
Trotzdem wurde viel über das Leben der frühen Menschen spekuliert.
(DIR) Deutsche trinken immer weniger Bier: Hopfen und Malz verloren
Der Absatz von Bier ist 2025 erneut deutlich gesunken – so viel wie noch
nie seit Beginn der Zeitreihe. Alkoholfreies Bier legte absatzmäßig zu.
(DIR) Vielfalt im Fass: Was Deinigers alte Biertruhe verrät
Früher gab es einen Wirt im Gasthaus, der als Brauergeselle durchs Land
reiste. Sein Koffer mit Etiketten zeugt von einer lebendigen Bierkultur.
(DIR) Trinkkultur und Kritik: Vom Bier lernen
Grölende Saufhorden sind unserem Kolumnisten ungefähr genauso unangenehm
wie distinguierte Craftbeer-Nerds. Aber über Bier spricht er trotzdem gern.
(DIR) Rauschmittel im alten Rom: Ein hohler Knochen als Pillendose
Ein Knochenfund zeigt, dass schwarzes Bilsenkraut im antiken Rom bewusst
gesammelt wurde. Zum Einsatz kam es möglicherweise als Rauschmittel.