# taz.de -- Archäologie: Was Brettspiele über antike Gesellschaften verraten
> Der Wunsch zu spielen ist so alt wie die Menschheit. Für die Archäologie
> sind antike Spiele deshalb besonders spannend.
(IMG) Bild: Ältestes Mühlespiel der Welt aus dem 10.Jahrhundert – das Bedürfnis zu spielen ist uralt
Das Bild auf einer römischen Ton-Urne ist vom Zahn der Zeit schon ganz
ausgeblichen, trotzdem erzählt es eine erstaunliche Geschichte. Zu sehen
sind ein Mann und eine Frau, die ein Brettspiel spielen. Laut der Inschrift
auf der Urne ist sie eine Sklavin, ihr Gegenüber ihr Herr. Die Inschrift
lautet lapidar: „Für die Sklavin Margaris von Marcus, alias Herma, ihrem
Herrn.“
Nur der Blick auf das Bild zeigt, was diese knappe Widmung verschweigt.
Beide sitzen einander gegenüber, vor einem Brett mit acht Mal acht Feldern.
Das Spiel ist mit dem modernen Mühle-Spiel vergleichbar und verlangt vor
allem strategisches Denken. Man blockiert und nimmt die Steine des Gegners.
Margaris hat die bessere Position. Sie dreht ihren Kopf, schaut aus dem
Bild heraus. Man könnte meinen, sie lädt den Betrachter ein, Zeuge ihres
Sieges zu werden. Unter dem Spielbrett liegt ein Wollkorb, das
traditionelle Symbol der rechtschaffenen römischen Hausfrau, umgekehrt und
beiseitegeschoben, um Platz für das Spiel zu machen.
Für Véronique Dasen, Professorin für Klassische Archäologie an der
Universität Freiburg in der Schweiz, ist dieses Bild ein gutes Beispiel für
die große Aussagekraft antiker Gesellschaftsspiele für die Forschung.
„Spiele sind niemals nur Spiele. Sie sind Vehikel der Kultur, und wer sie
liest, liest die Gesellschaft, in der sie gespielt wurden“, sagt sie im
Interview mit der taz.
So zeige die Vase „ein Bild der Gleichheit jenseits der Ungleichheit des
sozialen Status, ein Bild gemeinsamer Freude, die über den Tod hinaus
andauern soll“. Das Spielbrett macht für die Dauer einer Partie irrelevant,
wer Herr und wer Sklavin ist. Entweder man spielt besser oder nicht. In
diesem Moment gehört das Spiel zu den radikalsten Gleichmachern, die die
römische Gesellschaft kannte. Selbst die Aufgaben der Sklavin sind für
kurze Zeit egal.
## Wer spielt, braucht Zeit
An Zeugnissen früher Spiele mangelt es in der Forschung nicht. Immerhin ist
das Spielen wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Schon Babys greifen
nach Gegenständen, schütteln sie, werfen Bälle und erkunden so die Welt.
Auch Hunde, Katzen oder Vögel spielen, etwa um für die Jagd zu trainieren
oder einfach aus Spaß.
Das Spielen ist also eng mit Vorstellungskraft und kognitiver Entwicklung
verknüpft. [1][Archäologisch] greifbar wird das Spiel aber vor allem durch
Spielfelder, Würfel und Regeln. Und diese Gesellschaftsspiele entstehen,
als die Menschen sesshaft werden und sich soziale Hierarchien herausbilden.
„Wer spielt, braucht Zeit, und freie Zeit ist ein Privileg“, sagt Dasen.
Kein Wunder also, dass die ältesten eindeutig identifizierbaren Spielsteine
der Welt von domestizierten Tieren stammen: Es sind Knöchelknochen aus den
Hinterläufen von Schafen. Mit großem Geschick lassen sich die Knochen in
verschiedene Positionen werfen; sie gelten zugleich als Spielgerät,
Orakelobjekt und Wertmarke. Natürlich lässt sich auch mit kleinen Steinen
auf ähnliche Weise spielen.
Komplexere Brettspiele tauchen in den ersten Hochkulturen auf, wie im
[2][Alten Ägypten] etwa 3000 vor Christus. Das bekannteste altägyptische
Brettspiel ist Senet, eines der ältesten Spiele der Welt. Gespielt wird auf
einem Brett mit dreißig Feldern in drei Reihen, auf dem zwei Spieler ihre
Steine mit Wurfstäbchen als Würfelersatz vorwärtsbewegen und versuchen, die
Figuren des Gegners vom Brett zu drängen.
Doch Senet hatte einen tiefreligiösen Charakter. Die Felder symbolisierten
den Weg zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. In vielen
Gräbern wurde Senet als Grabbeigabe mitgegeben, damit die reichen und
privilegierten Toten auch im Jenseits spielen konnten. Auch Jagd und Krieg
sind wichtige Themen in frühen Spielen.
## Platon sieht im Brettspiel eine Lebenslehre
Im Rahmen des Forschungsprojekts [3][Locus Ludi], in dem Dasen und ihr Team
über fünf Jahre antike Spielzeugnisse aus der griechischen und römischen
Welt systematisch erfasst und ausgewertet haben, untersuchten sie auch das
griechische Brettspiel Pentagramma. Auf einem Brett mit fünf parallelen
Linien versuchen beide Spieler, ihre Steine auf die mittlere Linie zu
bringen; ein geschlagener Stein muss von vorn beginnen.
Es ist ein strategisches Kriegsspiel, und die frühesten Darstellungen
zeigen nicht Kinder oder Frauen beim Zeitvertreib, sondern die homerischen
Helden Achilles und Ajax, die besten Krieger des Trojanischen Krieges. „Das
macht Sinn, denn wir befinden uns in einer Ideologie des Krieges“, erklärt
die Archäologin.
Die beiden besten Freunde trainieren am Brett nicht nur Strategie, sondern
auch die Tugenden eines Feldherrn: Emotionskontrolle, das Lesen des
Gegners, das Akzeptieren der Niederlage. Denn es gibt immer ein nächstes
Spiel. Der Philosoph Platon sieht darin gar eine Lebenslehre. Der Wurf des
Würfels mag in den Händen der Götter liegen, aber was man aus diesem Wurf
macht, entscheiden die Spieler mit eigener Umsicht.
So positiv und tugendhaft wird das Spiel längst nicht in allen antiken
Kulturen gesehen. Die römischen Schriftsteller haben eine deutlich
kritischere Haltung. In den römischen Städten sind Würfel beliebter als
Knöchelknochen, und längst nicht alle Spieler verlassen sich auf die Hände
der Götter.
Forschende fanden in römischen Ausgrabungsstätten manipulierte Würfel, die
etwa mit Blei oder sogar mit einem Tropfen Quecksilber gefüllt waren, um
bestimmte Ergebnisse zu begünstigen. Die aufkommenden Glücksspiele werden
schnell zum Symbol des moralischen Verfalls. Applaus gibt es von den frühen
Christen. Für sie sind Spiele ohnehin Zeitverschwendung oder gar göttliche
Provokation.
In ihrem Forschungsprojekt stieß Dasen noch auf ein anderes spannendes
Muster. Bilder von Spielenden tauchen gehäuft in Krisenzeiten auf. Bilder
spielender Kinder erscheinen während der Großen Pest in Athen. „Im Spiel
hat man wieder Kontrolle, und zwar positiv, aktiv und in die Zukunft
gewandet“, sagt Véronique Dasen.
Und das lässt Parallelen zur Gegenwart zu, die kaum zu übersehen sind. Auch
in der Coronapandemie boomten die Spiele, online wie offline. Doch das
Bedürfnis dahinter ist offenbar uralt. In einer Welt, die sich
unkontrollierbar anfühlt, in der Kriege, Krisen und Katastrophen den Alltag
bestimmen, bietet das Spiel einen Raum, in dem die eigenen Entscheidungen
zählen.
21 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Archaeologie/!6151399
(DIR) [2] /Aegyptens-Altertum/!5065343
(DIR) [3] http://www.locusludi.ch/
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
## TAGS
(DIR) Antike
(DIR) Brettspiel
(DIR) Archäologie
(DIR) Wissenschaft
(DIR) Philosophie
(DIR) Spieltheorie
(DIR) Spiele
(DIR) Archäologie
(DIR) Brauerei
(DIR) Dinosaurier
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Archäologie: Wie fremd uns die Steinzeit wirklich ist
Vom Alltag in der Altsteinzeit gibt es nur wenige archäologische Zeugnisse.
Trotzdem wurde viel über das Leben der frühen Menschen spekuliert.
(DIR) Kulturgeschichte des Brauens: Was war zuerst da – das Brot oder das Bier?
Die frühesten Spuren der Bierherstellung sind über 13.000 Jahre alt. Wer
über das Getränk forscht, lernt viel über Rausch und Zivilisation.
(DIR) Prähistorische Mumien gefunden: Ein Dino von Kopf bis Fuß
Von den meisten bekannten Dinosauriern blieben nur versteinerte Knochen.
Doch in seltenen Fällen finden Paläontologen auch eine echte Dino-Mumie.