# taz.de -- Start der Berlin Fashion Week: Öko, aber sexy
       
       > Die relative Bedeutungslosigkeit der Berlin Fashion Week ist ihr großer
       > Gewinn. Denn ohne Megalabels haben junge Kreative mehr Platz für ihre
       > Themen.
       
 (IMG) Bild: Viele Modeshows der Berlin Fashion Week stellen junge Designer:innen aus. Hier ein Runway von PLATTE.Berlin im Sommer
       
       Auf einem großen Plakat vor dem Berliner Senatssitz steht: „Was heute in
       Paris und Mailand läuft, lief gestern noch über die Warschauer“. Der Satz
       äußert eher einen Wunsch als eine Tatsache: Lediglich das Berliner
       Luxuslabel Ottolinger hat den Sprung von den Laufstegen Berlins in die
       höheren Sphären der internationalen Modewelt geschafft. Mit ihrem
       Funktionskleider-Look brachte Ottolinger den Anti-Style der Berliner
       Raverszene in die Welt der Haute Couture. Für Samstagabend kehrt das Label
       bei der Fashion Week auf den Runway in Berlin zurück.
       
       Denn grundsätzlich ist es nicht zu leugnen: Die internationale Resonanz der
       Fashion Week von Berlin fällt viel bescheidener aus als die der Weltbühnen
       Paris, New York und Mailand. Doch die Abwesenheit großer Player lässt viel
       Platz im Programm für Förderprogramme übrig.
       
       Gleich mehrere Formate widmen sich während der Woche den Nachwuchs-Talenten
       der Branche: der „Berliner Salon“, die Programme „Newest“, „Intervention“
       sowie die „Next Gen“-Show der PLATTE.Berlin, kuratiert von [1][Szenegröße
       Sven Marquardt]. Der Berghain-Bouncer und Fotograf stellt zum Auftakt der
       Fashion Week am Freitag Looks von sechs jungen Modeschaffenden vor.
       Gegenüber dem Berliner Modemagazin sleek erzählt er, dass seine Arbeit
       „Fragen zur kreativen Zukunft Berlins“ aufwerfen solle, „dessen Senat die
       Mittel für Kunst und Kultur stark gekürzt hat, was vor allem öffentliche
       Kunsthochschulen betrifft“.
       
       ## Hotspot der Berliner Modeszene
       
       Die Location für die „Next Gen“-Show befindet sich im Erdgeschoss eines
       alten Plattenbaus am Alexanderplatz, jenseits der Karl-Liebknecht-Straße.
       [2][Die PLATTE.Berlin ist ein kleiner Hotspot der Berliner Modewelt]: Der
       Konzeptladen stellt Kollektionen von jungen, lokalen Kunstschaffenden aus.
       Entlang der alten Sichtbeton-Wände hängen deren „Pieces“ an
       Industrie-Kleiderstangen. Sie geben ein gutes Bild davon, was der
       Berlin-Chic ist: schwarze Stiefel, Bomberjacken, Crop Tops, Trenchcoats.
       
       Einer der sechs Nachwuchs-Designer von „Next Gen“ ist Niclas Hasemann mit
       seinem Label „haseman.n“. Der 26-Jährige absolvierte den renommierten
       Mode-Studiengang an der Uni Pforzheim und kennt die Fashion Week gut. Er
       trägt einen gemusterten Fischerhut, ein Sweatshirt; seine eigenen Designs.
       Dazu einen dunklen Trenchcoat. Das „Mantra“ für seine Entwürfe laute „auf
       leisen Pfoten“: Er sei „nicht interessiert an schnelllebigen Dingen“, wolle
       seine Arbeiten länger wirken lassen – und seinen „Fußabdruck gering
       halten“.
       
       Mit dem Geld sei es als aufstrebender Modeschöpfer „eher schwierig, aber
       aushaltbar“. Die Miete in Berlin erlaube es ihm nicht, ein Atelier zu
       haben. Er finanziere sich weitestgehend abseits der Branche, aber habe
       Glück: Fördergelder hätten seine bisherige Karriere „ziemlich krass
       beeinflusst“.
       
       Der Berliner Senat unterstützt die Fashion Week jährlich mit 4 Millionen
       Euro aus Landes- und EU-Geldern. Seit der ersten Fashion Week 2003 – damals
       noch als „Mercedes Benz Fashion Week“ firmierend – fördert das Land Berlin
       den Event, „um aufstrebenden Berliner Labels professionelle
       Präsentationsmöglichkeiten zu eröffnen“.
       
       ## Kunst oder Kommerz?
       
       Auf die anhaltende Unterstützung mit öffentlichen Geldern hatten [3][die
       massiven Kürzungen im Kultursektor] keine Auswirkung. Denn die Fördergelder
       für die Fashion Week stammen aus dem Bereich der Wirtschaftsförderung. Die
       Modewelt ordnet der Berliner Senat also eindeutig mehr unter dem Label
       Kommerz als Kunst ein. Und das mit gutem Grund: Die Branche erwirtschafte
       in Berlin allein jährlich rund 5 Milliarden Euro und leistet damit „einen
       relevanten Beitrag zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Berlins“, führt
       die Senatsverwaltung auf taz-Anfrage aus.
       
       Die Förderung mit öffentlichen Geldern folge klaren Kriterien, gibt sie
       weiter an. Allem voran, dass die geladenen Talente „in Deutschland und in
       Berlin ihre Kollektionen umsetzen“. Dadurch entstehe ein „verlässliches
       Förderökosystem“, durch das Berlin „als Wirtschaftsstandort, etwa bei
       Unternehmensansiedlungen oder beim Zuzug von Fachkräften“, gestärkt werde.
       
       Das scheint ganz gut zu funktionieren. Auch Hasemann erzählt, er sei nach
       dem Studium bewusst nach Berlin gezogen. Denn im Vergleich mit den
       etablierten Modemetropolen „ist an Berlin besonders, dass die Modeszene so
       jung ist und es weniger Konkurrenzkampf mit den großen Modehäusern gibt. In
       Paris ist es so umkämpft, überhaupt stattzufinden“, räumt er ein.
       
       Neben den klassischen Catwalks bietet die Fashion Week auch Talk-Formate,
       wie die „Metamorphosis Talks powered by eBay“, die sich der
       Kreislaufwirtschaft widmen. Überhaupt setzt die Woche thematisch stark auf
       Nachhaltigkeit. Viele Shows widmen sich dem Upcycling, der wertsteigernden
       Wiederverwertung von Textilien, und setzen damit ein klares Zeichen gegen
       Fast Fashion.
       
       ## Mehr Raum für junge Modeschaffende
       
       Gleichzeitig sind multinationale Konzerne wie UNIQLO und Zalando an der
       Fashion Week anwesend. Die Branchenriesen mit ihren globalen
       Produktionsketten tragen maßgeblich zum [4][gigantischen
       ökonomisch-ökologischen Problemzusammenhang der Modeindustrie] bei. Allein
       der weltweite Textilabfall beträgt jährlich etwa 90 Millionen Tonnen, bis
       2030 soll er auf 134 Millionen anwachsen. Gegenwärtig wird nur 1 Prozent
       davon wieder zu Kleidern verarbeitet.
       
       Dagegen soll in der Talentschmiede der Fashion Week die Mode von morgen aus
       den Kleidern von gestern entstehen. Der Wettbewerb „R.A.U.M.Berlin“ wendet
       gegenüber den ausgestellten Labels bereits verbindliche
       Nachhaltigkeitsanforderungen an, die bald für die ganze Fashion Week gelten
       sollen.
       
       Große Labels werden sich durch solche Entscheidungen auch in absehbarer
       Zukunft nicht an der Berlin Fashion Week ansiedeln. Dafür bleibt mehr Raum
       für die Werke und Themen von jungen Modeschaffenden.
       
       30 Jan 2026
       
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