# taz.de -- Filmemacher über Glück und Größenwahn: „Die Bewohner haben über Nacht ihre Identität verloren“
       
       > Der Fall der italienischen Gemeinde Campione d’Italia begann, als das
       > Casino dort schließen musste. Anton von Bredow hat darüber einen Film
       > gedreht.
       
 (IMG) Bild: Mittendrin und auseinandergefaltet größer als der ganze Ort ringsum: das bleiche Monstrum des Casinobaus von Mario Botta
       
       taz: Herr von Bredow, was ist so besonders am kleinen Dorf Campione
       d’Italia? 
       
       Anton von Bredow: Die Quelle des Reichtums dieses kleinen italienischen
       Ortes, der als Enklave in der Schweiz liegt, war ein Spielcasino. Als
       dieses 2018 von einem Tag auf den anderen schließen musste, haben die
       Bewohner über Nacht ihre Identität verloren.
       
       taz: Das Casino in diesem kleinen idyllischen Dorf am Luganer See ist ein
       schrecklicher Betonbau, der in Ihrem Film wie ein Monster auftritt. 
       
       Von Bredow: Dieser riesige fensterlose Klotz, Europas größtes Casino, ist
       ein sehr ehrlicher Bau. So wie er dort steht, ist er – wenn man ihn
       aufklappen würde – größer als der Ort selber. So steht er für den völligen
       Größenwahn. Der Architekt selber hat ihn ja ein Symbol der Degeneration der
       heutigen Gesellschaft genannt. Die Metapher ist der Turmbau zu Babel.
       
       taz: Hat dieses Drama nicht auch sonst schon fast biblische Dimensionen? 
       
       Von Bredow: Dieser Fall der Dorfbewohner von extremer Größe zum absoluten
       Verfall ist tragisch. Die Situation ist so ähnlich wie bei dem
       Protagonisten der „Truman Show“, wenn dieser zu verstehen beginnt, dass er
       30 Jahre lang in der Lüge einer um ihn herum konstruierten Scheinwelt
       gelebt hat.
       
       taz: Ist der Titel des Films, „Architektur des Glücks“, dann nicht extrem
       ironisch? 
       
       Von Bredow: Der Zynismus des Titels steckt schon [1][im Glücksspiel
       selber]. Dieses lässt vermuten, man könne glücklich aus dem Casino
       herausgehen. Aber eigentlich gewinnt immer die Bank. Hier ist es besonders
       interessant, weil ein Ort sich über Generationen darauf verlassen hat, dass
       dieses System funktioniert, er dann aber am eigenen Größenwahn scheitert.
       
       taz: Wie haben Sie zusammen mit Ihrem Schweizer Co-Regisseur Michele
       Cirigliano diese Geschichte filmisch erzählt? 
       
       Von Bredow: Wir haben mit einer empathisch beobachtenden Kamera gearbeitet,
       die eine große Nähe zu den Personen erlaubt.
       
       taz: Wie haben Sie dabei solche starken Sinnbilder wie einen in einer
       Garage abgestellten Rolls-Royce mit einem platten Reifen gefunden? 
       
       Von Bredow: Es ist der Ort, der einem solche Motive bietet. Da muss man als
       Filmemacher gar nicht groß auf die Suche gehen, denn es gibt dort einen
       großen Schatz an solchen metaphorischen Bildern.
       
       taz: Stehen diese apokalyptischen Bilder nicht auch für eine elementare
       Geschichte? 
       
       Von Bredow: Genau! Für mich ist das Drama dieses Ortes [2][beispielhaft für
       Prozesse, die überall auf der Welt in verschiedenen Größenordnungen
       ablaufen]. Es geht da um die Fähigkeit der einzelnen Menschen und ihren
       Gemeinschaften, sich tiefgreifende Umbrüchen in ihren Lebensumständen zu
       stellen, sodass sie vom Objekt einer Veränderung zum Subjekt eine
       Erneuerung zu werden
       
       taz: Ist es nicht auch ironisch, wenn man im Abspann entdecken kann, dass
       in Ihrem Film Geld von der Schweizer [3][Lottogesellschaft] steckt? 
       
       Von Bredow: Ja! Ist es nicht toll, dass etwa ein Sechstel des Gesamtbudgets
       des Films von Swisslos kommt, die ja durch die Spielsucht finanziert wird?
       Das zeigt doch, wohin es führen kann, uns Geld für unseren Film zu geben.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gluecksspiel/!t5032611
 (DIR) [2] /Casino-Kapitalismus-in-Kambodscha/!5921768
 (DIR) [3] /Sechs-Richtige-Dank-Mehmet/!6107724
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wilfried Hippen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Dokumentarfilm
 (DIR) Italien
 (DIR) Glücksspiel
 (DIR) Glück
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Anklage wegen "Glücksspiel": Illegal um Schokolade bereichert
       
       Ein 66-jähriger Häftling steht vor dem Hamburger Amtsgericht, weil er in
       der JVA Glücksspiele veranstaltet hat. Einsatz war Ritter-Sport-Schokolade
       im Wert von 89 Cent.
       
 (DIR) Lotto-Forscher Mark Lutter übers Spielen: "Illusion ist sehr billig zu haben"
       
       Mark Lutter, 32, Soziologe und Lotto-Forscher, erklärt: Die Spieler kommen
       aus der unteren Mittelschicht und wissen sogar, dass sie nichts gewinnen
       können. Wieso spielen sie dann?
       
 (DIR) Glückspiel: Von der Halle in die Hölle
       
       Spielhallen verzeichnen wachsende Umsätze. Die Schattenseite des Geschäfts:
       Hunderte Spieler verzocken jährlich ihr Vermögen und ruinieren ihr Leben