# taz.de -- Glückspiel: Von der Halle in die Hölle
       
       > Spielhallen verzeichnen wachsende Umsätze. Die Schattenseite des
       > Geschäfts: Hunderte Spieler verzocken jährlich ihr Vermögen und ruinieren
       > ihr Leben
       
 (IMG) Bild: Mittendrin und auseinandergefaltet größer als der ganze Ort ringsum: das bleiche Monstrum des Casinobaus von Mario Botta
       
       Seite an Seite rattern "Raptor" und "Merkur Cash Fire", blinkende
       Zahlenreihen ranken sich an den Gehäusen der Maschinen empor, ganz oben
       leuchtet der Jackpot und verspricht das schnelle Geld. Ein Mann versucht an
       zwei der blitzenden Kisten gleichzeitig, rote Kirschen in Reih und Glied zu
       bringen und den Automaten Bares zu entlocken. Wenn das Kleingeld verspielt
       ist, reichen ein paar Schritte zur Seite, um am Wechselautomaten große
       Scheine in klimpernde Münzen zu verwandeln.
       
       Es gibt sie noch, die Spielothek: Kleine Jungs drücken sich vor
       abgedunkelten Scheiben die Nase platt, weil sie nicht hineindürfen. Manche
       Erwachsene verspielen drinnen ein Vermögen und wünschen sich, sie wären nie
       hineingegangen. Thomas Breitkopf dagegen verdient sein Geld mit den
       Automaten, er ist Vorsitzender der Automatenkaufleute Berlin und
       Ostdeutschland. Der 37-Jährige möchte das öffentliche Bild seiner Branche
       verbessern und betreibt selbst mehrere Spielhallen in Berlin und
       Brandenburg.
       
       "Glückspilz" heißt eine davon, sie liegt versteckt in einem baufälligen
       Hinterhof in Oberschöneweide. Im Innern ist es indes blitzsauber, wie
       vorgeschrieben stehen nicht mehr als zwölf Automaten in dem schmalen
       Gewölbe. Und wie in allen privaten Spielstätten wird kein Alkohol
       ausgeschenkt.
       
       "Das Geschäft läuft immer besser", sagt Breitkopf, ein ruhiger,
       hochgewachsener Mann. Mit der neuen Spielstättenverordnung von 2006 stieg
       der mögliche Verlust auf 80 Euro pro Stunde, der höchstmögliche Gewinn
       liegt nun bei 500 Euro. Zudem gelten weniger strenge Vorschriften für die
       Spielregeln an den Automaten. "Die Spiele sind jetzt spannender und
       anspruchsvoller", erklärt Breitkopf. Dadurch seien die Maschinen besser
       ausgelastet als zuvor. Die Rede ist dabei von Geldspielgeräten wie dem
       "Merkur Cash Fire", mit denen die etwa 10.000 deutschen Spielhallen den
       Großteil ihres Umsatzes machen.
       
       Videospiele, die in den 80er- und 90er-Jahren noch zum Inventar jeder
       Spielothek gehörten, sind dagegen heute verschwunden. Playstation und
       Konsorten sind so leistungsfähig geworden, dass sich keiner mehr für eine
       Runde Autorennen aus dem Wohnzimmersessel aufschwingt. Auch die
       Touchscreen-Geräte, die vor einigen Jahren aufkamen, führen eher ein
       Schattendasein.
       
       Sie bieten auf einem großen Bildschirm die Wahl zwischen mehreren Spielen
       ohne Gewinnmöglichkeit: Der Nutzer kann sein Kleingeld in Quizfragen
       investieren, Roulette spielen oder Kontakt zu anderen Nutzern im Raum
       aufnehmen. Der Unterschied zu Raptor und Co.: Selbst bei der größten
       Glückssträhne spucken die Geräte kein Geld aus.
       
       Doch genau darum geht es den meisten Zockern, sie wollen den Maschinen
       Bargeld entlocken. Auf den ersten Blick ist das ganz einfach: Wird der
       Automat mit 20 Cent gefüttert, fangen drei Walzen an zu rotieren. Der
       Spieler hofft, dass schließlich eine Reihe aus Glocken, Kirschen oder
       anderen Früchten stehen bleibt und ihm zum Jackpot verhilft. Beim "Raptor"
       beträgt der schon mal 823 Euro, die aber nur langsam ausgezahlt werden -
       mehr als den gesetzlich erlaubten Höchstgewinn darf die Maschine pro Stunde
       nicht ausspucken.
       
       Routinierte Zocker kennen die Bedeutung der zusätzlichen Knöpfe an den
       Maschinen und versuchen so, schneller an Bargeld zu kommen: Eine
       Risikotaste erhöht Gewinne und Verluste, durch ein kompliziertes System
       werden erspielte Punkte in Euromünzen umgewandelt. "Bei den neuesten
       Geräten blicke ich auch nicht so ganz durch", gibt Breitkopf zu. Die
       Spieler würden die Regeln aber schnell verstehen und einander erklären.
       
       Manche kennen sich so gut aus, dass ihnen ein Automat allein nicht reicht.
       Sie wollen die Jackpots von mehreren Geräten gleichzeitig knacken,
       stundenlang sitzen manche vor den Maschinen.
       
       Von da ist es nicht mehr weit in die Spielsucht, den finanziellen Ruin und
       zu Andreas Koch. Der Psychologe leitet das Café Beispiellos in Mitte, eine
       Beratungsstelle für Glücksspielsüchtige. "Jährlich kommen etwa 300
       Betroffene zu uns", sagt der 41-Jährige. Die meisten würden erst nach etwa
       zehn Jahren feststellen, dass das Spiel für sie zur Sucht geworden sei.
       Einfach aufhören könnten sie dann nicht mehr, die Krankheit gehe mit
       Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüchen und Schlafstörungen einher.
       "Manche haben Schulden in Millionenhöhe", erklärt Koch.
       
       Zwei von fünf Süchtigen würden ihr Geld an Automaten in Spielhallen,
       Kneipen oder Imbissbuden verzocken, die anderen verteilten sich auf
       staatliche Casinos, Sportwetten und illegale Glücksspiele, erklärt Koch.
       Die meisten seien männlich und um die 35 Jahre alt. "Zu uns kommen aber
       auch Minderjährige oder Rentner, die die Ersparnisse eines ganzen Lebens
       verspielt haben", sagt der Psychologe. "Oft sprechen die Süchtigen in den
       Gesprächsgruppen zum ersten Mal offen über ihre Krankheit", sagt Koch. Ein
       Patentrezept gebe es aber nicht. "Der Königsweg ist völlige Abstinenz",
       erklärt Koch. Die Spieler müssten begreifen, dass die Sucht sie das ganze
       Leben begleiten wird.
       
       Gefordert sei auch der Gesetzgeber, der das Geschäft mit den Automaten
       stärker regulieren solle. "Das Tempo der Spiele ist zu hoch: Das erhöht den
       Reiz, immer mehr Geld einzuwerfen", kritisiert Koch. Außerdem dürften die
       Jackpots nicht so viel Geld enthalten, und das Mindestalter für Geldspiele
       sollte auf 21 erhöht werden.
       
       Lobbyist Breitkopf weist derartige Kritik zurück: "In meinen Spielhallen
       kenne ich keine Fälle von Spielsucht. Nach der neuen Spielverordnung sind
       Riesenverluste überhaupt nicht mehr möglich." Gerade weil die neuen Spiele
       anspruchsvoller geworden seien, könnten die Zocker nicht mehr gleichzeitig
       mehrere Automaten bedienen.
       
       Nachmittags im "Glückspilz" sieht es tatsächlich nicht danach aus, als
       würden sich dort Menschen um Haus und Hof bringen. In dicken Bürosesseln
       hängen ein paar Männer ab, rauchen und werfen gelegentlich eine Münze in
       einen "Baba Jaga" oder versuchen ihr Glück beim "Wild Water".
       
       Natürlich gebe es verantwortungslose Betreiber, die ihre Kunden in den Ruin
       trieben - aber nur außerhalb seines Verbandes, dem 40 der etwa 250 Berliner
       Spielhallen angehören. "Besonders gefährlich sind die so genannten
       Fun-Games, die trotz des Verbots immer noch aufgestellt werden", meint
       Breitkopf.
       
       Weil die Spieler an diesen Automaten keine Euros, sondern nur Plastikchips
       gewinnen könnten, lägen Einsätze und mögliche Gewinne dort höher. Manche
       Betreiber würden die Chips jedoch in Bargeld umtauschen. Deswegen seien die
       Geräte seit 2006 verboten. "Weil es praktisch keine Kontrollen gibt, machen
       viele Imbissbudenbesitzer mit den Fun-Games das schnelle Geld", klagt der
       Verbandschef über die illegale Konkurrenz. Er arbeite mit der Polizei
       zusammen, damit die Fun-Games vom Markt verschwänden. Für die eigenen
       Kunden lägen in seinen Spielotheken Info-Blätter aus, die vor den Risiken
       des Glücksspiels warnten. "Der Spielerschutz ist uns wichtig", beteuert
       Breitkopf.
       
       Am anderen Ende von Berlin hat Herr Walter das Gegenteil erlebt. "Die
       Betreiber tun alles, um ihre Stammkunden vor den Automaten zu halten. Wenn
       ich pleite war, hat mir die Betreiberin sogar Bargeld gegeben, damit ich
       weiterspiele und mit dem nächsten Lohn wiederkomme", sagt der 34-jährige
       Spielsüchtige, der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen
       möchte. In einer Spielothek am Kurfürstendamm verzockte er innerhalb von
       drei Jahren 40.000 Euro, er hat aufgehört und wieder angefangen, nahm
       Schulden auf, um die Sucht zu finanzieren. Als er sich in seiner
       Stamm-Spielhalle sperren lassen wollte, habe ihm die Wirtin gesagt, das sei
       nicht ihr Problem.
       
       Ganz langsam habe die Sucht Walters Leben übernommen. Am Anfang sei er nur
       aus Langeweile in die Spielothek gekommen, er habe keine Hobbys und nur
       wenige Freunde gehabt. "Einmal gewann ich 800 Euro, von da an konnte ich
       nicht mehr aufhören", sagt Walter. "In der schlimmsten Phase saß ich zehn
       Stunden ununterbrochen in der Spielhalle, manchmal habe ich 1.000 Euro am
       Tag verspielt. Es war wie ein Rausch, ich vergaß zu essen und zu trinken,
       abends im Bett ging mir die Musik der Automaten nicht mehr aus dem Kopf",
       erzählt der Spielsüchtige. Bis zu fünf Automaten bediente er gleichzeitig,
       das Leben außerhalb der blinkenden Welt der Jackpots verlor an Bedeutung.
       Zwei Frauen verließen ihn wegen seiner Spielsucht.
       
       Seit einem Jahr hat Walter nun keinen Fuß mehr in eine Spielhalle mehr
       gesetzt. Er besucht eine Selbsthilfegruppe, nimmt Klavierunterricht und ist
       einer Kirchengemeinde beigetreten. Zur Sicherheit verwaltet sein Vater das
       Konto und überprüft seine Ausgaben.
       
       Walter glaubt indes nicht, dass strengere Vorschriften für die Betreiber
       die Sucht eindämmen können. "Da gibt es immer Lücken. Viel wichtiger ist
       es, vorzubeugen und Aufklärungsarbeit zu leisten", meint der ehemals
       Spielsüchtige. Wenn es schon zu spät sei, dürfe man sich nicht selbst
       belügen. "Man muss sich beobachten und akzeptieren, dass man süchtig ist."
       Nur so könne man die Krankheit überwinden.
       
       Kürzlich kam Walter an seiner alten Stamm-Spielhalle vorbei. "Jetzt habe
       ich mich ja im Griff", dachte er, "ein paar Spiele kann ich machen." Dann
       hat er es sich anders überlegt, stieg auf sein Motorrad und fuhr weiter.
       
       24 Jul 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sebastian Kretz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Dokumentarfilm
       
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