# taz.de -- Lotto-Forscher Mark Lutter übers Spielen: "Illusion ist sehr billig zu haben"
       
       > Mark Lutter, 32, Soziologe und Lotto-Forscher, erklärt: Die Spieler
       > kommen aus der unteren Mittelschicht und wissen sogar, dass sie nichts
       > gewinnen können. Wieso spielen sie dann?
       
 (IMG) Bild: Mark Lutter: "Die Länder sollten durch gezielten Einsatz der Lottogelder die sozialen Folgen abfedern, die sie durch die Veranstaltung der Lotterien verursachen."
       
       taz: Herr Lutter, Sie haben das Glücksspiel mit allen Methoden der
       Sozialwissenschaft durchleuchtet. Was gewinnen Lottospieler? 
       
       Mark Lutter: Wenig. Es gibt attraktivere Spareinlagen, als jede Woche einen
       Lottoschein auszufüllen.
       
       Sie unterschlagen die Gewinnmargen. Die sind exorbitant, wenn ein Spieler
       mehrere Millionen mit einem Fünf- oder Zehn-Euro-Tipp gewinnt. 
       
       Das macht Lottospiele attraktiv. Der dreistellige Millionen-Jackpot ist ein
       Medienhype - aber man gewinnt ihn bekanntlich nicht sehr oft. Genau gesagt
       liegt die statistische Gewinnerwartung bei 1:140.000.000. Beim Roulette hat
       man immerhin eine Chance von 1:37. Die Realität der Lottospieler ist
       freilich eine ganz andere, nüchterne. Wenn man Lottospielen mal einen
       Moment als Investition begreift, dann haben die Spieler eine negative
       Rendite.
       
       Was heißt das? 
       
       Wer spielt, hat schon verloren. Die Hälfte des Einsatzes geht weg. Lotto
       ist so gesehen ein besonders unfaires Spiel. Das Geld in Spareinlagen zu
       geben, brächte auf jeden Fall ein besseres Ergebnis - statistisch.
       
       Muss man halt öfter spielen. 
       
       Das ist ein Trugschluss. Wenn man öfter zockt, steigt die
       Wahrscheinlichkeit, dass man sich dem statistisch zu erwartenden
       Renditewert nähert - den halben Einsatz zu verspielen. Die Spieler wissen
       das übrigens…
       
       …und spielen trotzdem. Ist das nicht irrational? 
       
       92 Prozent der Spieler haben uns gesagt, dass sie nicht damit rechnen,
       etwas zu gewinnen. Sie wissen, wie sinnlos ihr Treiben eigentlich ist. Nur
       acht Prozent behaupten, dass sie es für wahrscheinlich halten, zu gewinnen.
       
       Was motiviert die Spieler? 
       
       Es geht um Fantasien.
       
       Wovon träumen die Menschen? 
       
       Von einem besseren Leben. Lottospieler investieren jede Woche in diese
       Vorstellung. "Du brauchst einen Dollar und einen Traum", heißt eine
       amerikanische Lottowerbung. Die Menschen stellen sich vor, was sie sich
       alles leisten könnten. Zwei Drittel unserer Befragten sagten, sie träumen
       regelmäßig vom großen Gewinn. Das schwingt immer mit - zumal die
       lottoinduzierte Fantasiewelt billig zu haben ist: Sie kostet ein Los.
       
       Eine Art Selbsttäuschung. 
       
       Die nicht aufs Glückspiel beschränkt ist. In den gesättigten Märkten, also
       da, wo man sich alle Bedürfnisse befriedigen kann, muss ein Produkt heute
       mehr bieten als den reinen Gebrauchswert. Eine Rolex oder eine Pradatasche
       sind mit Illusionen aufgeladen - gerade auch die Billigkopien. Sie
       suggerieren dem Besitzer, dass er einer höheren Klasse angehört. Das
       Konsumgut erfüllt Träume und Wünsche und erzeugt soziale Anerkennung.
       
       Aber nirgends ist der Selbstbetrug so groß wie beim Lotto. 
       
       Die Leute erwerben nicht wirklich ein Los. Sie kaufen sich in der
       Lottoannahmestelle in Wahrheit die Baugenehmigung für ein Luftschloss. Sie
       haben imaginär Anteil an einem Leben voller Güter - wenigstens so lange,
       bis die Lottofee die Zahlen verkündet. Dieser Traum ist es, der sie die
       unfairen Regeln beim Lotto in Kauf nehmen lässt.
       
       Wieso unfair? 
       
       Rund 20 Millionen Menschen spielen einmal wöchentlich. Fast die Hälfte der
       Bevölkerung nimmt einmal im Jahr an dem Spiel teil, bei dem sie
       höchstwahrscheinlich nichts gewinnt. Lotto ist ein Massenphänomen - mit
       sehr singulären Erfolgsaussichten. Der Staat organisiert das alles. Mit der
       Begründung, die Spielneigung der Bevölkerung eindämmen zu müssen.
       
       Wer spielt? Die kleinen Leute, die ihrem Alltag entfliehen wollen? 
       
       Da muss man genauer hinschauen. Prekär Beschäftigte oder Arbeitslose
       spielen eher sporadisch, aber dann mit relativ hohem Einsatz. Sie setzen
       relativ am meisten Geld fürs Lotto ein.
       
       Wer sind die Vielspieler? 
       
       Die untere Mittelschicht. Es sind jene, die glauben, dass sie auf einen
       Platz in der Gesellschaft gestellt sind, der unterhalb ihres
       Leistungsvermögens ist. Sie meinen, dass ihnen im Vergleich zu anderen mehr
       zusteht.
       
       Die Spieler sind Leute, die sich ungerecht behandelt fühlen? 
       
       Das wäre eine Theorie. Es sind Menschen, die Vollzeit arbeiten und die
       leidlich Geld haben, um sich einen Lottoschein zu kaufen. Aber ihr Job
       genießt keine Reputation. Sie haben das Gefühl, dass für sie die formalen
       Aufstiegswege versperrt sind.
       
       Aber das, was sie da hinaufklettern wollen, ist doch eine Fantasieleiter. 
       
       Es sind vorwiegend Leute ohne gymnasiale Bildung. Sie wissen, dass ein
       Lottogewinn für sie die einzige Möglichkeit bleibt, sozial aufzusteigen.
       Viele sind unzufrieden, weil sie schuften, aber dafür nicht die richtige
       Anerkennung bekommen. Daraus entsteht eine Spannung, die mit dem Lottospiel
       abgebaut wird. Sie fühlen sich ungerecht behandelt - also nehmen sie an
       einem Glücksspiel teil.
       
       Obwohl dieses Spiel ungerecht ist? 
       
       So hart steht sich das nicht gegenüber. Es kommen noch andere Motive hinzu.
       Lottospieler haben ein Thema. Es ist für sie eine Möglichkeit, miteinander
       ins Gespräch zu kommen. Und ein großer Teil spielt, weil es Spaß macht und
       interessant ist. Ungefähr sieben Millionen Bürger spielen in
       Tippgemeinschaften, mit moderatem Einsatz. Der Traumaspekt verschwindet
       dabei nicht völlig, aber er tritt in den Hintergrund. Die Tippgemeinschaft
       macht die Leute sozusagen vernünftiger. Manche Spieler begreifen Lotto als
       Investment. Eine kognitive Fehlannahme.
       
       Sind die Leute zu doof, das abgekartete Spiel zu durchschauen? 
       
       Das haben Sie gesagt. Jedenfalls sinkt die Spielneigung mit der Höhe des
       Bildungsgrades. Es gibt auch Verzweiflungsspieler, die hoffen, ihr
       Schicksal durch einen hohen Gewinn radikal wenden zu können.
       
       Was sagen die Lottospieler selbst zu den minimalen Gewinnchancen? 
       
       Allein der Zufall entscheidet, das reizt Angehörige unterer sozialer
       Schichten, weil andere Faktoren ausgeschaltet werden. "Ich schätze am Lotto
       besonders, dass jeder die gleiche Chance hat - unabhängig von Herkunft oder
       Talenten", dem stimmen 89 Prozent aller Lottospieler zu.
       
       Wie viel investieren die Leute? 
       
       17 Euro setzen die Lottospieler pro Monat ein. Das ist der
       Durchschnittswert. Bei den Vielspielern sind es 30 Euro.
       
       Lottorausch sieht anders aus. Ruinieren kann man sich davon nicht. 
       
       Die Extremzocker sind durch Befragungen naturgemäß schwer herauszufinden.
       Aber selbst wenn es in der unteren Schicht nur drei bis vier Prozent des
       verfügbaren Einkommens sind, das Lottospieler einsetzen, so findet eine
       Umverteilung von unten nach oben statt - unter staatlicher Aufsicht.
       
       Um wie viel Geld geht es? 
       
       Es werden fünf Milliarden Euro aus Glücksspielen für den Fiskus
       erwirtschaftet, knapp ein Fünftel des Steueraufkommens der Länder. Die
       staatlichen Einnahmen aus Glücksspielen sind höher als die aus der
       Gewerbesteuer. Lottospielen ist damit ein sehr hoch besteuertes Gut.
       
       Lotto ist doch keine Steuer! 
       
       Aber es wirkt so. Lotterien sind staatliche Veranstaltungen, bei denen 39
       Prozent der Einnahmen garantiert einbehalten werden. Der Staat hält das
       Lottomonopol, er stellt das Spiel sogar unter Strafe, wenn er selbst nicht
       beteiligt ist. Nur die Hälfte des Erlöses schüttet er wieder aus, 13
       Prozent gehen in die Verwaltung, den Rest behalten die Finanzminister. Man
       kann das Lotto als Steuer ansehen. Und das Geschäft, das da abgewickelt
       wird, ist gleich doppelt ungerecht.
       
       Warum das? 
       
       Bei den Nachfragern, also den Spielern, sinkt der Anteil der Lottoausgaben
       kontinuierlich mit dem Einkommen. Das verletzt das wichtige Prinzip, dass
       eine Steuer nur entsprechend der Leistungsfähigkeit der Besteuerten erhoben
       werden sollte. Bei den Begünstigten der Lottogelder ist es gerade
       umgekehrt. Da profitieren die höheren Schichten. Das Geld fließt zwar auch
       in Institutionen wie die Arbeiterwohlfahrt. Überwiegend aber wird zugunsten
       der oberen Schichten verteilt, es werden kulturelle Zwecke gesponsert oder
       Kunsthallen finanziert.
       
       Sind Lotterien nicht genau zu diesem Zweck erfunden worden? 
       
       Als Einnahmequellen für spezielle Ziele. Die ersten Lotterien fanden in den
       Städten des frühen Handelskapitalismus in Norditalien und Flandern statt,
       um Hafenanlagen zu finanzieren. Später geht es um nationale Kraftakte, etwa
       die Besiedlung von Jamestown, dem ersten Vorposten Englands in Amerika. Die
       Harvard-Universität bezahlte mit einer Lotterie eine ihrer ersten
       Bibliotheken. In Deutschland, wo das Lottospiel nahezu hundert Jahre lang
       verboten war, wurde es Mitte der 50er-Jahre wieder eingeführt - für den
       Wiederaufbau.
       
       Was ist daran ungerecht? 
       
       Auf den ersten Blick nichts. Bei genauerem Hinsehen kann man aber erkennen,
       dass der Staat aus den früher zweckgebunden und befristeten Einnahmen einen
       festen Posten in seinem Budget macht. So ist es heute in den Bundesländern.
       Bayern oder Hamburg stellen das Lottogeld komplett ins Staatsbudget.
       Übersetzt heißt das: Die unteren Schichten werden mit der Traumagentur
       Lotterie dazu verführt, den allgemeinen Haushalt zu decken.
       
       Immer noch besser, als wenn private Wettbüros die Unterschichten vollends
       ruinieren - um des reinen Profits willen. 
       
       Das ist die offizielle Begründung für das Lottomonopol. Der Staat schützt
       die Menschen vor der Spielsucht. Er steuert die Illusionsmaschine
       gewissermaßen auf moderate Art. Dennoch sollte man sich auch bei der
       Analyse des Lottomarkts eben keinen Illusionen hingeben. Der Job, den der
       Staat da macht, ist nicht so ehrenvoll, wie er als Bewahrer vor dem
       Lottorausch tut. Das sieht man am besten daran, wie ungerecht er die
       Einnahmen umverteilt.
       
       Warum sollte der Staat beim Lottospielen gerechter vorgehen als in anderen
       Bereichen wie etwa der Gesundheit, Bildung oder Steuern. In all diesen
       Politikfeldern begünstigt die Regierung die gehobenen Schichten - zulasten
       der unteren Mittelschicht. 
       
       Empirisch mag es richtig sein, was Sie sagen. Aber normativ kommen wir so
       nicht weiter. So viel muss man vom Staat erwarten: dass er die sozialen
       Folgen des Glücksspiels ausgleicht und nicht etwa ausnutzt. Wir wollen doch
       nicht bei George Orwell landen. Bei ihm war die wöchentliche Lotterie "die
       einzige öffentliche Veranstaltung, für die die Proleten noch Aufmerksamkeit
       übrig hatten".
       
       Was schlagen Sie vor? Das Glücksspielmonopol abzuschaffen? 
       
       Nein. Die Länder sollten durch gezielten Einsatz der Lottogelder die
       sozialen Folgen abfedern, die sie durch die Veranstaltung der Lotterien
       verursachen.
       
       Was heißt das konkret? 
       
       Wenn, verkürzt gesagt, die nichtgymnasialen Schichten die Lottosteuer
       zahlen, dann sollen sie auch davon profitieren. Der Staat könnte die
       Lottogelder dafür einsetzen, die benachteiligten Mittel- und Unterschichten
       durch die Verbesserung ihrer schlechten Bildungschancen zu begünstigen. In
       den USA ist das gängige Praxis, weil Lotterien Bildungsprogramme finanziell
       unterstützen.
       
       23 Dec 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Füller
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Dokumentarfilm
       
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