# taz.de -- Künstler Bodo Kampmann in der frühen BRD: Dünnes Kupferblech für eine unbewehrte Demokratie
       
       > Kongenialer Künstler des Radikaldemokratischen: An den Bildhauer Bodo
       > Kampmann erinnern eine Braunschweiger Ausstellung und ein Buch.
       
 (IMG) Bild: Aus leichtem Kupfer und ohne Augenbinde: Bodo Kampmanns „Justitia“ von 1956 an der Fassade des Landesgerichts in Braunschweig
       
       Kunst am Bau – diese Form der [1][öffentlichen Kunst] scheint aktuell wenig
       wertgeschätzt. Dabei hat sie hierzulande eine lange Tradition, mit einer
       Hochphase im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals übernahm sie
       aber nicht nur als „Bauschmuck“ ästhetisch tröstliche Aufgaben, sie konnte
       zum Experimentierfeld gesellschaftlicher und politischer
       Selbstvergewisserung auflaufen. Ein Beispiel: [2][die moderne „Justitia]“,
       die der Künstler Bodo Kampmann 1956 für den Neubau der
       Generalstaatsanwaltschaft in Braunschweig schuf.
       
       Die Initiative für diese Gerechtigkeitspatronin, die nicht mehr der
       traditionellen Hilfsmittel Augenbinde, Waage und Richtschwert bedurfte,
       geht auf [3][den Juristen Fritz Bauer] zurück. Mit Inkrafttreten des
       Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland war er 1949 aus dem
       skandinavischen Exil zurückgekehrt und übernahm den Posten des
       Landgerichtsdirektors in Braunschweig.
       
       Bauer setzte große Hoffnung auf eine humanistische Rechtsordnung in der
       jungen Demokratie, deren oberste Pflicht die Verteidigung der
       Menschenrechte zu sein hätte. 1950 zum Generalstaatsanwalt berufen, sorgten
       bundesweit beobachtete Prozesse für die Rehabilitation der
       Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, Bauer prägte in seinem Plädoyer den
       Begriff „Unrechtsstaat“ für das NS-Regime.
       
       Bodo Kampmann, 1913 in eine rheinländische Künstlerfamilie geboren, in
       Berlin aufgewachsen, war ausgebildeter Goldschmied. Als verwundeter
       Wehrmachtssoldat lange in Tirol geblieben, folgte er 1954 dem Ruf an die
       damalige Werkkunstschule Braunschweig für die Fachklasse Metall, die er bis
       knapp vor seinem Tode 1978 führte. [4][Bauer fand in ihm den kongenialen
       Künstler für seine radikaldemokratische Justitia], die Recht und
       Gerichtlichkeit als übermenschliche Kategorien in sich selbst verkörpert.
       Klar, dass nicht schwerer, monolithischer Bronzeguss infrage kam.
       
       ## In zeittypischer, asketischer Reduktion
       
       Kampmann nahm leichtes, dünnes Kupferblech, trieb daraus die Figuration:
       die drei Meter hohe zentrale Personifikation der Judikative sowie ein Mann
       und eine Frau in ihren ermessenden Händen. In zeittypischer, asketischer
       Reduktion durchgestaltet, in ihrer zerbrechlichen Fügung erkennbar
       belassen, kann sie als Sinnbild gelten für eine unbewehrte Demokratie, die
       sich einzig aus sich selbst, sorgfältig abwägend, schützt und berechtigt.
       
       Schade, dass 2023 diese Justitia nicht wie die 2012 installierte Adresse
       Fritz-Bauer-Platz mit der Generalstaatsanwaltschaft umgezogen ist, sondern
       an ihrem alten Ort verblieb.
       
       Dieses Hauptwerk Kampmanns und der zeitgeschichtliche Kontext scheinen
       vergessen. Umso verdienstvoller, dass die Autorin Bärbel Mäkeler nun ihre
       langjährigen Recherchen zu dessen Vita und Wirken in einer Publikation
       zusammengestellt hat. Dort ist Kampmanns weitere bekannte wie unbekannte
       Bauplastik dokumentiert, im Stadtbild wie in repräsentativen Innenräumen,
       nicht nur in Braunschweig. Kampmann schuf zudem Schmuck,
       [5][Alltagsgegenstände], Bühnenbilder, oftmals in seinen reduzierten, ins
       Abstrakte reichenden Formen.
       
       Eine Kabinettausstellung im Städtischen Museum würdigt derzeit einen
       Querschnitt aus Kampmanns Kleinplastik und prämierter Produktgestaltung.
       Sie ist eingebettet in eine Sammlung vorbildlichen Gebrauchsguts, die sein
       Zeitgenosse Walter Dexel zusammengetragen hat.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kunst-im-oeffentlichen-Raum/!5675638
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Justitia_(Kampmann)
 (DIR) [3] /25-Jahre-Fritz-Bauer-Institut/!5654860
 (DIR) [4] /Fritz-Bauer-Ausstellung-in-Braunschweig/!5818527
 (DIR) [5] /Ausstellung-im-Mies-van-der-Rohe-Haus/!6086281
       
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