# taz.de -- Schmerzgriffe der Polizei: Die Drohung als Bundesleitmotiv
> Ob im Umgang mit der Polizei oder der Politik, in Deutschland gilt: Wer
> leidet, hat sich die Schmerzen selbst zugefügt.
(IMG) Bild: Ob das wohl wehtut? Vielleicht hat er sich ja gewehrt
Ich mache mir Sorgen. Um die Bundesfrauenministerin Karin Prien, um die
Berliner Polizei und um Deutschland. Natürlich um Deutschland, immer um
Deutschland!
[1][Die Bundesfrauenministerin hat der taz ein Interview gegeben] und auf
die Frage nach ihrer Ablehnung des Genderns erklärt: „Das Thema Gendern ist
für mich eher ein Symbolthema für die zu hohe Geschwindigkeit
gesellschaftlicher Veränderungen, die von insbesondere linken Parteien
vorangetrieben worden ist.“
Und da musste ich sofort an die Berliner Polizei und ihre Präsidentin
denken, und an den Schmerzgriff. Der ist gerade wieder aktuell, weil die
Polizeipräsidentin 2023 erklärt hat, er gehöre nicht zur Ausbildung der
Berliner Polizei. [2][Leider hat das Portal „Frag Den Staat“] jetzt ein
Lehrbuch ausgegraben, „Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch“, das
nahelegt, sie könnte die Unwahrheit gesagt haben.
Den Schmerzgriff setzt die Berliner Polizei ein, um ([3][so die
Polizeipräsidentin 2023]) die Beamt*innen vor Verletzungen zu schützen,
die sie sich zuziehen könnten, wenn sie Teilnehmende einer Sitzblockade
wegtragen müssen, und er sei gar kein Schmerzgriff, weil sein Ziel ja nicht
die Erzeugung von Schmerzen sei. Das Ziel sei der Schutz der Beamt*innen,
und die Schmerzen seien quasi nur ein Nebeneffekt.
## Selbst schuld
Ich habe einmal ein Video gesehen, da übten zwei ältere deutsche Polizisten
Schmerzgriffe, und zwar an zwei sehr jungen Frauen, die erwartungsgemäß
schrien und in Tränen ausbrachen. Ich glaube, es waren Klimaaktivistinnen,
in Hamburg. Die Gemütlichkeit, mit der die Beamten die beiden Frauen
traumatisierten, als würden sie eine neue Methode zum Abheften von Akten
testen, habe ich nie vergessen.
Vor allem hat die Berliner Polizeipräsidentin damals aber gesagt, die
Griffe würden erst Schmerzen erzeugen, wenn die Betroffenen sich wehren.
Sodass die Betroffenen sich die Schmerzen also sozusagen selbst zufügen
würden, als wären die Griffe nur eine Art Einladung zur Selbstverletzung.
Und da bin ich plötzlich wieder bei der Ministerin Prien und ihrem Satz von
der „von linken Parteien“ vorangetriebenen zu schnellen gesellschaftlichen
Veränderung.
Ist das nicht der Diskurs-Schmerzgriff, unter dem wir, die wir Veränderung
wollen, uns seit Jahren winden? Diese Behauptung, für manche Menschen gehe
angeblich alles zu schnell, und wir müssten alle tun, was diese Menschen
wollen, weil sonst – was? Das steht unausgesprochen im Raum.
## Bürokratische Unmenschlichkeit
Was ist zu schnell? Wer legt die Höchstgeschwindigkeit fest? Wer bedient
die Blitzer? Darüber gibt es keine Debatte. Entscheidend ist: Unsere
Schmerzen haben wir uns selber zuzuschreiben. Wir sind selbst schuld, wir
waren zu woke.
Der Satz von Karin Prien enthält, wie alle diese Sätze, eine
unausgesprochene Drohung. Es ist nicht mal ihre eigene, sie gibt sie nur
ungefiltert weiter, diese Drohung, die unser Bundesleitmotiv der letzten
zehn Jahre war.
Und das ist auch das Problem der Schmerzgriffe der Polizei: Sie enthalten
in ihrer ganzen bürokratischen Unmenschlichkeit eine Züchtigung, die der
Polizei nicht zusteht. Und auch darin liegt eine Drohung.
Natürlich zittert die Bundesministerin selbst unter dem Schmerzgriff der
Politikberatungsbranche, die sie unter Androhung des
Niewiedergewähltwerdens zwingt, immer nur die Gefühle der Menschen
anzusprechen und sie nie zu „überfordern“. Und wenn nur gefühlt werden
darf, kann man über die Zukunft natürlich nicht mehr vernünftig reden,
nicht einmal, wenn unser Leben oder unsere Freiheit davon abhängen.
Was bleibt, ist also der Schmerz. Wegen Deutschland natürlich, von dem man
nie verlangen darf, dass es sich ändert. Dann wird es nämlich sehr, sehr
böse.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Karin-Prien-ueber-Angriffe-von-rechts/!6144384
(DIR) [2] https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2026/01/eine-anleitung-fu
(DIR) [3] https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-gibt-keinen-schmerzgriff
## AUTOREN
(DIR) Robin Detje
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