# taz.de -- Kita-Warnstreik in Berlin: Von Entlastung nichts zu spüren
> Trotz sinkender Kinderzahlen haben sich die Arbeitsbedingungen in den
> Kitas kaum verbessert. Beim TV-L-Warnstreik fordert Verdi politische
> Maßnahmen.
(IMG) Bild: Wieder auf der Straße: Erzieher:innen bei letztem TV-L-Warnstreik am 14. Januar
Ulla Wichmann ist erschöpft. „Ich selber habe gar kein Bock mehr auf Kita“,
sagt die Erzieherin. Aufgrund der Überlastung fühle sie sich gegenüber den
Kindern und Eltern schlecht, habe ständig das Gefühl, ihre Arbeit nicht
richtig machen zu können. „Für meine eigenen Kinder habe ich kaum noch
Energie“, berichtet die zweifache Mutter. Dabei arbeite sie in Teilzeit.
Um ihrem Frust Ausdruck zu verleihen, läuft Wichmann, eingepackt in eine
dicke Winterjacke, am Dienstagmorgen mit rund tausend Kolleg:innen zum
Roten Rathaus. Das Ziel: Bildungssenatorin Kathrin Günther-Wünsch (CDU)
eine Petition zu überreichen. Darin fordern 3.200 Beschäftigte und Eltern
den Senat auf, die Fachkraft-Kind-Relation in den Berliner Kitas deutlich
zu verbessern. Ebenso kritisieren sie, dass das kürzlich beschlossene
Kitaförderungsgesetz keine Verbesserungen für die oft dramatischen
Arbeitsbedingungen an den Berliner Kitas bringt.
Offizieller Anlass für den eintägigen Warnstreik sind d[1][ie laufenden
Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst der Länder (TV-L)].
Kita-Erzieher:innen gehören wie Verwaltungsmitarbeitende, Lehrkräfte,
Kulturbeschäftigte, Polizei und Feuerwehr zu den Berufsgruppen, die nach
dem Tarifwerk bezahlt werden und bundesweit für höhere Löhne kämpfen. Die
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert ein Lohnplus von 7 Prozent,
mindestens aber 300 Euro. Die Arbeitgeber haben auch in der zweiten
Verhandlungsrunde am 16. Januar noch kein Angebot vorgelegt. Am Donnerstag
findet deshalb ein bundesweiter Warnstreik im Bildungsbereich statt.
## Kitakrise dauert an
Doch die Beschäftigten nutzen die Aufhebung der Friedenspflicht auch, um
die aus [2][ihrer Sicht katastrophalen Arbeitsbedingungen] in den Berliner
Kitas zu thematisieren. Laut einer Verdi-Umfrage im Juli gaben 89 Prozent
der Befragten an, mindestens „in hohem Maße“ belastet zu sein. Lediglich 2
Prozent gaben an, „ihren eigenen Anspruch an den Beruf“ erfüllen zu können.
Die Krankenquoten unter Berlins Erzieher:innen sind bundesweit mit 36
Krankheitstagen am höchsten.
Verdis bisherige Versuche, mit einem Tarifvertrag „für pädagogische
Qualität und Entlastung“ für bessere Arbeitsbedingungen in den
landeseigenen Kitas zu sorgen, scheiterten. Kurz nachdem sich eine
deutliche Mehrheit der Verdi Mitglieder im September 2024 für einen
unbefristeten Ausstand entschlossen hatte, untersagte das Arbeitsgericht
den Streik.
Die Petition nahm Günther-Wünsch am Dienstag nicht selbst entgegen.
Stattdessen kritisierte die Bildungssenatorin den Warnstreik: „Wer
Tarifverhandlungen nutzt, um politische Forderungen durchzusetzen, die
längst entschieden und finanziert sind, gefährdet die Stabilität unserer
Kitas“, so die Senatorin in einer Pressemitteilung. Der Senat investiere
Millionenbeträge in Qualität und Verlässlichkeit.
Günther-Wünsch versprach, die Arbeitsbedingungen an allen Berliner Kitas
deutlich zu verbessern – vor allem durch die Anfang dieses Jahres in Kraft
getretene Novelle des Kitaförderungsgesetzes. Die Neuregelung erhöht den
Betreuungsschlüssel für die unter Dreijährigen von fünf auf vier Kinder pro
Erzieher:in.
## Mogelpackung Kitaförderungsgesetz
Verdi-Pressesprecher Kalle Kunkel bezeichnet die Novelle hingegen als
„Mogelpackung“. Da der U3-Bereich der Erste ist, [3][in dem sich die
zurückgehenden Kinderzahlen bemerkbar machen], würden lediglich
Erzieher:innen im Kitasystem gehalten, neue Kosten entstünden dem Senat
nicht. An dem Betreuungsschlüssel im wesentlich größeren Ü3-Bereich hat der
Senat nicht gerüttelt, kritisiert Kunkel. „Wir haben einen miesen Status
quo. Die Berliner Personalschlüssel sind einige der schlechtesten im
Bundesvergleich.“
Auch die Erzieher:innen auf der Streikdemo spüren kaum Entspannung
durch den Geburtenrückgang in ihren Einrichtungen. „Dass wir weniger Kinder
haben, macht den Leitungen nur mehr Druck“, berichtet Melanie, die ihren
Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, der taz. Falls in ihrer
Einrichtung zu wenig Kinder seien, würden Erzieher:innen einfach
versetzt. „Der Betreuungsschlüssel bleibt ja der gleiche.“
Dabei böten die sinkenden Kinderzahlen die Chance, tatsächlich deutlich
mehr Fachkräfte pro Kind in den Kitas einzusetzen. „Während des Streiks
2024 war immer das Argument, es gebe nicht genug Fachkräfte, um einen
besseren Personalschlüssel umzusetzen“, sagt Kunkel.
Doch statt bessere Arbeitsbedingungen zu bekommen, müssen die Fachkräfte
jetzt nun auch noch um ihre Zukunft bangen. „Es gibt eine große
Verunsicherung bei den Kolleg:innen. Einige kleinere Einrichtungen mussten
schon schließen.“
## Kürzungen bei den Zuschlägen
Auch bei den freien Trägern wird die geplante Novelle differenziert
betrachtet. Lars Békési, Geschäftsführer des Verbands der Kleinen und
Mittelgroßen Kita-Träger (VKMK), bewertet das Vorhaben zurückhaltend: „Das
neue Kita-Förderungsgesetz ist in seiner jetzigen Form kein großer
Durchbruch. Insbesondere die Neuregelung der Personalzuschläge führt in der
Praxis zu einer Schwächung der Förderstruktur.“
Der Kernpunkt der Kritik liegt in der Umstellung der Förderlogik. Künftig
sollen Zuschläge für zusätzliches Personal nur noch gewährt werden, wenn
mindestens 20 Prozent der Kinder über einen Berlin-Pass (Bildungs- und
Teilhabepaket, BuT) verfügen. Bisher orientierte sich die Zuweisung an
einem hohen Anteil von Kindern mit nicht-deutscher Herkunftssprache und der
Lage in einem sozialen Brennpunkt.
„Die ausschließliche Kopplung an die BuT-Quote geht an der Realität in den
Einrichtungen vorbei“, erklärt Békési. Da viele anspruchsberechtigte
Familien die Leistungen des Berlin-Passes (BuT) aufgrund bürokratischer
Hürden oder Scham nicht abrufen, fallen viele Kitas mit Ihren Kindern aus
dem Förderraster. „Damit bleiben genau jene Förderressourcen auf der
Strecke, die für die Integration und Sprachentwicklung der Kinder
essenziell sind. „Mit der jetzigen Lösung werden 40.000 bis 60.000 Kinder
benachteiligt“, schätzt Békési. Problematisch ist diese Neuregelung somit
für viele Einrichtungen, da sie nun weniger Geld bekommen. „Durch diese
Kürzung werden zwangsläufig auch Stellen für die Sprachförderung
wegfallen“, so Békési.
Diese Bedenken teilt auch Verdi-Sprecher Kalle Kunkel, der die Reform als
„Kürzungen durch die Hintertür“ bezeichnet. Auf taz-Nachfrage gibt die
Bildungssenatsverwaltung an, durch die Neuregelung der Zuschläge würden
weder neue Kosten entstehen noch würde eingespart werden: „Das vorgesehene
Finanzvolumen entspricht weitgehend dem bisherigen Budget“, teilt
Pressesprecherin Susanne Gonswa mit.
Bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende der Kitakrise sind für die
Beschäftigten erst einmal nicht in Sicht, selbst wenn die laufende
Tarifrunde einen guten Abschluss bringt. Viel lieber wolle sie wieder für
bessere Arbeitsbedingungen streiken, sagt Erzieherin Ulla Wichmann. Doch
bis die Kitabewegung wieder durchstartet, muss Verdi zunächst [4][einmal im
Hauptsacheverfahren Erfolg haben, um so das Streikverbot von 2024
aufzuheben.] Die Entscheidung darüber steht aber noch aus.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Streiks-im-oeffentlichen-Dienst/!6145260
(DIR) [2] /Ueberlastete-Erzieherinnen/!6102050
(DIR) [3] /Bevoelkerungsentwicklung-in-Berlin/!6105194
(DIR) [4] /Urteil-gegen-Verdi-in-Berlin/!6042234
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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