# taz.de -- Streiks im öffentlichen Dienst: Von der Bühne in den Arbeitskampf
       
       > An den Berliner Theatern formiert sich eine gemeinsame Streikbewegung. Es
       > geht um mehr als einen guten Abschluss in den laufenden
       > Tarifverhandlungen.
       
 (IMG) Bild: Auf einem Bein kann man nicht stehen: Beschäftigte der Berliner Bühnen streiken für bessere Arbeitsbedingungen
       
       Nach dem Streik ist vor dem Streik. Erst am Montagabend stand Rashid
       Mansour, Bühnentechniker beim Konzerthaus Berlin, mit Kolleg:innen vor
       der Schaubühne. Heute, am neblig-kalten Dienstagmorgen, geht es weiter vor
       dem modernen Glasbau der Berliner Festspiele. „Wir streiken, um den
       Forderungen der Arbeitnehmer Nachdruck zu verleihen“, erklärt Mansour,
       „mehr Geld, mehr Urlaub, garantierte Übernahme der Azubis“.
       
       Ziel wäre es, wenn sogar Aufführungen ausfallen würden, dann gäbe es noch
       mehr Aufmerksamkeit für die laufenden Tarifverhandlungen, sagt der
       Bühnentechniker.
       
       Am Donnerstag und Freitag steht in Potsdam [1][die zweite Verhandlungsrunde
       über den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) an].
       Das Ergebnis der Tarifrunde hat allein in Berlin Auswirkungen auf rund
       230.000 Personen, die im öffentlichen Dienst arbeiten. Bundesweit sind es
       laut Verdi insgesamt 2,2 Millionen. Darunter Erzieher:innen,
       Polizist:innen, Verwaltungsbeamte, Lehrkräfte an Schulen und Universitäten.
       Oder eben auch die Beschäftigten der Berliner Theater.
       
       Angesichts der klammen Landeshaushalte müssen die Gewerkschaften auch bei
       dieser Lohnrunde um jeden Prozentpunkt feilschen. Die Streikkundgebung vor
       den Berliner Festspielen ist Teil dieses Kampfes. Innerhalb des Theaters
       findet gerade eine Pressekonferenz statt, die Theatertreffen-Jury stellt
       die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der vergangenen Saison vor;
       darunter auch zwei Berliner Produktionen von der Volksbühne und vom Gorki
       Theater.
       
       ## Angst vor Reallohnverlust
       
       „Von Auszeichnungen allein kann man keine Miete bezahlen“, sagt
       Verdi-Gewerkschaftssekretärin Laura Rauschenbach vor den rund hundert
       Streikenden. Viele von ihnen sind wie Mansour technische
       Mitarbeiter:innen und in den Werkstätten beschäftigt. „Die
       Arbeitsbedingungen dort sind sehr prekär. Schichten an Wochenenden und
       Feiertagen sind die Regel“, sagt Rauschenbach der taz. Die Kolleg:innen
       seien meist in den unteren Lohngruppen des TV-L eingruppiert.
       
       Bereits am Montagabend hatte es eine Streikkundgebung vor der Schaubühne
       gegeben, bei der sich auch die Beschäftigten des Gorki und der Volksbühne
       beteiligt hatten. Konkret prangerte Verdi eine tarifliche Sonderregelung
       der Schaubühne an. In dem Haus erfolgt die Angleichung an den TV-L nicht
       automatisch, sondern nach Gutdünken des Geschäftsführers. Für die
       Beschäftigten, gerade in Zeiten von Kürzungen, eine unschöne Situation.
       „Die sitzen da jedes Mal und wissen nicht, ob sie die Gehaltserhöhungen
       bekommen“, berichtet Gewerkschaftssekretärin Rauschenbach.
       
       Der Anlass heute ist etwas allgemeiner, es geht hauptsächlich darum, den
       Druck bei vor der nächsten Verhandlungsrunde zu erhöhen. Dennoch geht es
       Verdi auch darum, eine schlagkräftige, theaterübergreifende Streikbewegung
       aufzubauen.
       
       Die Beschäftigten in der Kultur leisten einen wichtigen Beitrag für die
       Tarifverhandlungen, sagt Verdi-Fachbereichsleiter Lucas Krentel. Die
       Beschäftigten seien gut organisiert, im Gegensatz zur Verwaltung machen
       sich die Streiks schnell bemerkbar. „Wenn eine Vorstellung ausfällt, das
       wirkt.“
       
       ## Kürzungsdruck bedroht Kulturszene
       
       Daran, dass eine theaterübergreifende Bewegung auch über die laufenden
       TV-L-Verhandlungen Bestand haben wird, zweifeln die Beschäftigten nicht.
       Denn durch die Kürzungspolitik des Senats stehen viele Häuser unter Druck.
       „Das ist, was alle Häuser vereint“, sagt Hans Gschladt, der im Personalrat
       beim Gorki Theater sitzt.
       
       [2][So will die parteilose Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson die
       theatereigenen Werkstätten auflösen und in einem zentralen Bühnenservice
       zentralisieren.] Dadurch soll Geld und Personal eingespart werden, sehr zum
       Unmut der Beschäftigten. „Der Plan ist, unsere Leute rauszuschmeißen“, sagt
       Gschladt.
       
       Das Praktische an den TV-L-Verhandlungen sei, dass man nun auch – über
       Umwege – gegen Kürzungen streiken dürfe. „Solange die Friedenspflicht
       aufgehoben ist, haben wir Zeit, ein Zeichen zu setzen“, sagt der
       Gorki-Personalrat.
       
       Angst, dass sich das Zeitfenster für weitere Streiks schließt, müssen die
       Theaterbeschäftigten nicht haben. Verdi erwartet nicht, dass die
       Tarifgemeinschaft der Länder ein akzeptables Angebot vorlegt. Nach den
       Warnstreiks am Mittwoch und Donnerstag will Verdi die Ergebnisse am Montag
       auf einer Beschäftigtenversammlung vorstellen. Am 23. Januar steht ein
       bundesweiter Theaterstreik an.
       
       Die Theaterbeschäftigten wollen ihren Teil dazu beitragen, [3][das
       bestmögliche Ergebnis] herausholen. „Der Streik ist kein Selbstzweck, er
       ist notwendig“, sagt Gewerkschaftssekretär Lucas Krentel auf der
       Kundgebung, „wenn es keine ordentliche Tarifsteigerung gibt, droht ein
       Reallohnverlust.“
       
       13 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
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