# taz.de -- Debatte über WM-Boykott in den USA: Der unpassende Vergleich mit der WM in Katar
       
       > Nach den Erfahrungen mit den Boykottforderungen vor der Fußball-WM in
       > Katar scheuen viele eine Diskussion um den Gastgeber USA. Doch der
       > Vergleich funktioniert nicht.
       
 (IMG) Bild: Auch mützenmäßig ausgewiesener Antifaschist: St. Pauli-Präsident Oke Göttlich fordert WM-Boykott-Debattte
       
       Die Reflexe klingen überall ähnlich, seit die Debatte über einen möglichen
       Boykott der Fußball-WM in den USA die Mixed Zones der Bundesliga erreicht
       hat. „Ich bin Fußballspieler und ich habe A zu wenig Ahnung davon und B ist
       es nicht meine Aufgabe, darüber zu reden“, sagt Robert Andrich, dem als
       Nationalspieler und Kapitän von Bayer Leverkusen eigentlich schon eine
       Meinung zu den Aktivitäten des WM-Gastgebers Donald Trump zugetraut werden
       kann.
       
       Nach den [1][Erfahrungen mit der WM von Katar] ist die Sorge jedoch groß,
       sich abermals in Kontroversen und dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber
       dem Weltgeschehen zu verheddern. „Ich nehme nicht mehr teil an der
       politischen Diskussion. Wir haben ja gemerkt, dass es nicht zielführend
       ist, wenn wir Spieler uns da zu sehr politisch äußern“, erklärt Joshua
       Kimmich, der Kapitän der Nationalmannschaft, und Leverkusens Sportchef
       Rolfes sagt ironisch: „Ich finde, es hat ja schon bei der WM 22 gut
       geklappt, dass Deutschland irgendwie versuchte, das Turnier zu
       boykottieren, und der Rest der Welt das ein bisschen anders gesehen hat.
       Politik sollte Politik machen und wir sollten Sport machen.“
       
       Die Referenz ist immer die gleiche: Bei der WM 2022 waren die deutschen
       Protestversuche nicht nur wirkungslos, sie haben die sportlichen Ambitionen
       des Teams beschädigt und wirkten auch ein wenig peinlich. Deshalb missfällt
       es vielen Leuten aus der Bundesliga, [2][dass Oke Göttlich, der Präsident
       des FC St. Pauli,] der seit einigen Wochen dem Präsidium des Deutschen
       Fußball-Bundes angehört, eine neue Debatte über einen Boykott als Reaktion
       auf das Verhalten von Donald Trumps Amerika anstößt: „Ich frage mich
       wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu
       reden“, sagt Göttlich der Hamburger Morgenpost und verweist auf die
       Geschichte der Olympischen Spiele: „Was waren denn die Begründungen für die
       Olympiaboykotts in den 1980er Jahren? Meiner Einschätzung nach ist das
       Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals. Wir müssen diese Diskussion
       führen.“ Göttlich fordert explizit keinen Boykott, er möchte nur eine
       fundierte Diskussion über diese Option führen, und dieser Prozess hat nun
       begonnen.
       
       Die Bild hat zwar aus dem Umfeld von DFB-Präsident Bernd Neuendorf
       erfahren, dass dieser „not amused“ über Göttlichs Vorstoß ist. Neuendorf
       scheut Konflikte mit dem Weltverband Fifa, wo er dem einflussreichen
       Council angehört. Und die Erfahrungen von Katar sitzen auch ihm noch in den
       Knochen. Allerdings ist der Vergleich zur vorigen WM vollkommen unpassend.
       
       ## Übergeordnete Dimension
       
       Damals ging es um den Protest gegen ein Gastgeberland, das Menschenrechte
       bricht, das Gastarbeiter ausbeutet und autokratisch regiert wird. All diese
       Vorwürfe lassen sich auch gegenüber den USA erheben, aber im aktuellen Fall
       gibt es eine übergeordnete Dimension: In den USA sind imperiale
       Bestrebungen vorhanden, Trump möchte gerne Kanada und Grönland besitzen,
       Europa ist bedroht. Deshalb hat Göttlich auf den Boykott 1980 angespielt,
       der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges eine Reaktion auf den Angriff der
       Sowjetunion auf Afghanistan war.
       
       Das Thema wird relevant bleiben. Bereits am Sonntag hat es das Talkformat
       „Miosga“ in der ARD erreicht. Auch dort wurde schnell klar, dass es im
       Gegensatz zum Katar-Aktivismus allenfalls in zweiter Linie um Werte und
       Moral geht. Die Möglichkeit eines WM-Boykotts ist ein Instrument im
       Werkzeugkasten der Gegenmaßnahmen, zu denen beispielsweise auch Gegenzölle
       und alle möglichen Deals gehören. Der Umgang mit diesen Möglichkeiten sei
       „ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel
       bei „Miosga“ und erklärt: „Ich finde es gut, dass das diskutiert wird, dass
       man sagen kann: Wenn die Europäer nicht mitspielen, kannst du eigentlich
       deine WM vergessen. Und wir können auch dazu greifen.“ Im Raum steht die
       Chance, die eigene Position in einer schwer durchschaubaren weltpolitischen
       Verhandlungssituation zu stärken.
       
       Erste Umfragen unter den anderen europäischen Verbänden deuten zwar klar
       darauf hin, dass derzeit niemand einen Boykott anstrebt, aber auch hier
       [3][lohnt ein Blick in das Jahr 1980.] Damals beschloss das deutsche
       Nationale Olympische Komitee (NOK) den Olympiaboykott. Vorausgegangen war
       jedoch eine politische Debatte, in deren Rahmen Willy Brandt sich im Geist
       seiner Entspannungspolitik für eine Teilnahme an den Spielen von Moskau
       aussprach. Auch Bundeskanzler Helmut Schmidt fand Boykott eigentlich
       falsch, beugte sich aber dem Druck der Schutzmacht USA, woraufhin der
       Bundestag sowie das NOK beschlossen, auf die Spiele zu verzichten.
       
       So wie damals geht es jetzt um die Frage, ob der Fußball als politisches
       Instrument auf der obersten Ebene des Weltgeschehens eingesetzt werden
       sollte.
       
       26 Jan 2026
       
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