# taz.de -- Kuratorin über Kunst im Krieg: „Im Krieg lebst du dein bestes und schlechtestes Leben“
       
       > Die ukrainische Kuratorin Alona Karavai spricht über Sinn und Hoffnung
       > von Kultur im Konflikt. Wenn die Gesellschaft im steten Ausnahmezustand
       > ist.
       
 (IMG) Bild: „Lachen ist verdächtig“. Die Neue Nationalgalerie in Berlin wurde mit einem Tarnnetz bedeckt, wie es in der Ukraine verwendet wird
       
       taz: Frau Karavai, das letzte Mal trafen wir uns vor der Neuen
       Nationalgalerie in Berlin. An der Fassade des Museums hing die
       Kunstinstallation „Lachen ist verdächtig“ von Fabian Knecht, die Sie
       zusammen mit dem Künstler dort angebracht hatten. Können Sie beschreiben,
       was wir dort gesehen haben? 
       
       Alona Karavai: Dort hingen lila, grüne, gelbe und weiße Tarnnetze – und
       meine Lieblings-Tarnnetze, die mit den Kirschblüten – über dem
       Mies-van-der-Rohe-Gebäude. Es sind alles selbstgemachte Netze, die sich
       militärisch nicht wirklich nutzen ließen. Seit 2022, in jedem Kultur- und
       jedem Community-Zentrum in der Ukraine, versammeln sich die Menschen, um
       solche Tarnnetze anzufertigen. Eine richtige Bewegung. Die Arbeit von
       Fabian Knecht handelt also vom Zusammenhalt, davon, wie die Menschen
       zusammenkommen und versuchen, ihre Wirkmacht wiederzufinden – auch in
       komplizierten Situationen.
       
       taz: Woran denken Sie, wenn Sie auch hier in Deutschland solche Tarnnetze
       an einer Gebäudefassade sehen, ist hier etwa der militärische Look in der
       Kunst angekommen? 
       
       Karavai: Ich würde das ungern so sehen. Aber dieses Gefühl, dass sich
       einiges verändert hat, das habe ich schon. Neulich wurde ich bei einer
       Podiumsdiskussion gefragt, wann ich verstanden habe, dass Krieg ist in der
       Ukraine. Ich komme aus Donezk, und ich habe gemeint, dass es für mich
       diesen Moment gar nicht gab. Irgendwie hatte sich der Zustand einfach
       eingeschlichen. Und dann habe ich gewagt zu sagen: Vielleicht ist er hier
       auch schon angekommen – wir sehen es nur nicht. Also diese ersten
       Anzeichen, dass das Leben sich längst verändert hat. Der Krieg hat ganz
       unterschiedliche Formen, man erkennt ihn nicht sofort.
       
       taz: Wann haben Sie gemerkt, dass sich die ukrainische Gegenwartskunst
       aufgrund des Kriegs verändert hat? 
       
       Karavai: Das ist ja sehr subjektiv. Das Jahr 2014 veränderte für nur wenige
       Künstlerinnen und Künstler etwas. Erst um 2019 oder 2020 herum kam dann bei
       einem Teil [1][der ukrainischen Kunstszene] der Gedanke auf, sich jetzt
       doch einmal mit dem Donbass oder der Krim auseinanderzusetzen. Für den
       anderen Teil schien das alles schon wieder vorbei. 2022 hat sich dann
       plötzlich alles verändert, für fast alle.
       
       taz: Wie gehen die ukrainischen Künstlerinnen und Künstler mit dem Krieg
       um? Geht es eher darum, den Reality-Check im Ausstellungsraum vorzuführen,
       oder um Eskapismus? 
       
       Karavai: Eskapismus gibt es kaum. Das vermissen einige Leute – und ich
       vermisse das auch. Es gibt ziemlich wenige Künstlerinnen und Künstler, die
       sagen: Okay, wir gehen jetzt in die abstrakte Form. Die [2][jetzige Kunst
       in der Ukraine] ist sehr realitätsnah. Man ist fast darin gefangen, kann
       über nichts anderes sprechen. Da spielt auch so etwas wie Selbstzensur eine
       Rolle, denn es gibt diese große Sache, die Katastrophe, die alles andere
       ausblendet. Dann sind die kleinen privaten Katastrophen unwichtig. Obwohl
       auch sie Räume eröffnen, in denen man über etwas anderes nachdenken kann,
       über die Zukunft, über Visionen. Diese Räume sind notwendig. Wir brauchen
       ebenso eine Kunst dafür, Kunst muss auch verschieden sein können.
       
       taz: Was denken Sie, ist hier die Forderung angekommen, dass die Kunst sich
       verändern muss? 
       
       Karavai: Ich würde sagen, es ist nicht angekommen. Ich sehe in der Kunst
       hier ziemlich viel Business as usual, auch viel formalen Perfektionismus.
       
       taz: Vermutlich ist sie nicht angekommen – aber ich habe dazu auch eine
       Theorie: Die westliche Kunst lebt ganz viel von der Selbstbehauptung,
       radikal zu sein. Wenn man jetzt zum Beispiel nicht in einem System wie
       China lebt oder nicht in einem Krieg, ist es schwer mit der Radikalität.
       Vielleicht sind Teile der Kunstszene im Westen ein bisschen neidisch auf
       den Ausnahmezustand in der Ukraine. 
       
       Karavai: Also, ich weiß nicht. Aber wie Sie das so sagen, muss ich an meine
       Tochter denken. Sie ist 14 Jahre alt. Sie versucht immer wieder zu
       protestieren, obwohl es bei mir nicht so viel zu protestieren gibt. Deshalb
       fängt sie schon bei superkleinen, unwichtigen Dingen an zu widersprechen.
       Ich selbst möchte viel lieber ein langweiliges Leben leben, ich habe genug
       vom Ausnahmezustand.
       
       taz: Protestieren Sie nicht auch? 
       
       Karavai: Wir organisieren zwar keine Demos, aber zum Beispiel haben wir
       erstmals mit Erfolg eine Klage gegen den Stadtrat von Iwano-Frankiwsk
       eingereicht, weil dieser unserer Meinung nach seine Befugnisse
       überschritten hat. Er hatte in einem Appell an das Parlament Werchowna Rada
       in Kyjiw ein Abtreibungsverbot und entsprechende Verfassungsänderungen
       gefordert. [3][Das konnten wir nicht hinnehmen.] Gerade ist die Stadt aber
       leider in Berufung gegangen.
       
       taz: Sie sind künstlerisch tätig und zivilgesellschaftlich engagiert? 
       
       Karavai: Ja, das eine geht ohne das andere nicht. Und das ist bei mir seit
       2014 so. Man muss beides machen, denn es geht auch um die Zukunft, um die
       Zeit nach dem Krieg. In welcher Gesellschaft wollen wir dann leben? Wenn
       das eine misogyne Gesellschaft ist, in der Frauen zum Beispiel kein Recht
       auf Abtreibung haben, dann wäre es auch nicht nötig, dass wir uns jetzt
       gegen Russland verteidigen.
       
       taz: Aber Zeiten des Krieges sind auch nicht die Zeiten für Frauen. 
       
       Karavai: Ja und nein. Wir sprechen ganz viel darüber, was jetzt Feminismus
       in der Ukraine bedeutet. In diesem Moment zum Beispiel, in dem ich jetzt in
       Berlin bin und viele meiner männlichen Kollegen das aufgrund ihres
       Kriegsdiensts nicht können. Es gibt gerade so eine ganz, ganz kurze
       Periode, in der Frauen mehr Freiheit haben als Männer. Mal schauen, wie
       lange das anhält. Früher haben Männer Frauen gejagt, und jetzt – im Krieg –
       jagen Männer Männer und Frauen können irgendwie ihr Ding machen.
       
       taz: Und Sie machen viel. 
       
       Karavai: Bei uns sind politische, soziale und kuratorische Fragen sehr eng
       miteinander verbunden. Wir haben ein gemeinsames Ausstellungs- und
       Künstlerprogramm, das Künstler, die jetzt gerade an der Front sind, mit
       denen zusammenbringt, die nicht kämpfen müssen. Wir geben auch Künstlern
       [4][im Kriegsdienst die Möglichkeit, als Künstler weiterhin präsent zu
       bleiben.] Das ist uns ein Anliegen. Oder wir arbeiten an Programmen für
       Künstlerinnen, die im Ausland sind. Denn natürlich gibt es auch gewisse
       Spannungen zwischen denen, die geblieben sind, und jenen, die gegangen
       sind.
       
       taz: Sie werden bestimmt immer danach gefragt, ich frage Sie jetzt auch: In
       Ihrer Rolle als politische Beobachterin und kulturelle Übersetzerin, wie
       sieht Ihr Blick in die Zukunft aus? 
       
       Karavai: Ich war neulich bei dieser Podiumsdiskussion, die hieß „Trümmer
       und Träume“. Ich bin für die Trümmer zuständig. Unsere Ausstellung „Where
       It All Goes“ im Asortymentna Kimnata wurde von meinem Kollegen, dem Kurator
       und Künstler Clemens Poole, als sehr pessimistisch beschrieben. Ja, es war
       eine ziemlich postapokalyptische Ausstellung. Sie spiegelt auch meine
       Vorstellung davon wider, wie es weiterlaufen könnte. Es wird komplizierter
       werden, schwerer, aber der Krieg wird irgendwann vorbei sein. Und dann ist
       vielleicht die größte Schwierigkeit für die ukrainische Kunstszene, wieder
       zu lernen, langweilig zu leben. Das ist nicht einfach. Denn in Zeiten des
       Krieges lebst du dein bestes und dein schlechtestes Leben gleichzeitig. Du
       fühlst alles viel stärker. Dann wieder zum Langweiligen, Normalen
       zurückzukehren – denn es ist ja nicht normal, alles so gleichzeitig so
       stark zu fühlen – wird vermutlich eine große Herausforderung für diejenigen
       von uns, die das alles jetzt überleben werden.
       
       taz: Glauben Sie, das wird ausreichend verstanden, zum Beispiel von Ihren
       Kollegen hier in Deutschland? 
       
       Karavai: Das wird sogar romantisiert, dieser [5][ganze Trend rund um
       Resilienz und Courage] und „Be brave like Ukrainians“. Stimmt, das alles
       gibt es – aber nur, weil es eine unnormale Situation ist. In normalen
       Situationen muss man nicht so resilient sein, muss man nicht so hartnäckig
       sein. Und was mich stört, ist, dass diese Unnormalität wieder zur
       Normalität wird.
       
       30 Dec 2025
       
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