# taz.de -- Drei Jahre nach dem Beben in der Türkei: Hausen in Neubaugebieten ohne Seele
> Drei Jahre nach dem Beben lobt sich die Regierung für ihren Wiederaufbau.
> Kritiker sprechen dagegen von einer Katastrophe: Den Opfern ginge es
> schlecht.
(IMG) Bild: Motorradfahrt durch Ruinen: Der türkische Ort Kirikhan, knapp einen Monat nach dem verheerernden Erdbeben im Februar 2023
Das verheerende Erdbeben im Südosten der Türkei und in Syrien jährt sich an
diesem Freitag zum dritten Mal. [1][Es war eines der schlimmsten Beben seit
Menschengedenken. Es vernichtete ganze Städte, forderte allein in der
Türkei 54.000 bestätigte Todesopfer, etliche Menschen werden noch
vermisst]. Genaue Zahlen aus Syrien gibt es bis heute nicht.
Über die drei Jahre seit dem Beben gibt es zwei völlig unterschiedliche
Erzählungen. Die türkische Regierung ist vor allem stolz auf ihre
Wiederaufbauleistung. Es sei eine „weltweit einmalige Erfolgsgeschichte“,
lässt der Minister für Städtebau und Umweltschutz, Murat Kurum, wissen.
Ganz anders die Opposition. Angefangen damit, dass die Regierung in der
besonders betroffenen Region Hatay ganze drei Tage gebraucht habe, um nach
dem Beben überhaupt dort aufzutauchen, sei auch der Wiederaufbau eine
Katastrophe. Es werde nur auf Masse geachtet.
Tatsächlich rühmt sich Kurum, die staatliche Agentur für sozialen
Wohnungsbau Toki habe von den geplanten 450.000 neuen Häusern bis Ende 2025
bereits 70 Prozent fertiggestellt. 350.000 Wohnungen seien an Menschen
vergeben worden, die bei dem Beben 2023 ihre Wohnungen verloren hätten.
In diesen Tagen reist Kurum mit einer handverlesenen Gruppe ausländischer
Journalisten durch das ehemalige Katastrophengebiet. Ob die offiziellen
Zahlen an neu gebauten Gebäuden stimmen, ist schwer nachzuprüfen. Für
jeden, der durchs Krisengebiet reist, ist aber sofort zu erkennen, dass
nach wie vor Tausende Menschen in abgezäunten Arealen in Wohncontainern
hausen.
## Unwürdige Bedingungen
[2][Mindestens 200.000 Menschen lebten nach wie vor unter unwürdigen
Bedingungen], sagt jedenfalls CHP-Chef Özgür Özel, der dieser Tage
ebenfalls das Erdbebengebiet besucht. Unabhängige Städtebau-Experten
beschreiben den Wiederaufbau als industrielle Massenproduktion völlig
seelenloser Neubaugebiete, die mit den ehemaligen Städten nichts mehr zu
tun haben.
Demet Parlar, eine Istanbuler Ärztin, die sich in den Erdbebengebieten
engagiert, kritisiert vor allem das völlige Fehlen jedweder Infrastruktur.
„Es gibt keine Schulen, keine Krankenhäuser, und selbst die früheren
kommunalen Gesundheitsstationen werden nicht wieder aufgebaut. Den Leuten
dort fehlt es an allem, es gibt auch kein Internet.“ Eine Bekannte von ihr,
der eine neue Wohnung zugewiesen wurde, könne gar nicht das Haus betreten,
weil es zwischen den Häusern noch keine Straßen gebe und überall noch
gebaut werde, erzählt sie.
Für Menschen, die seit dem Beben in der Region geblieben sind, ist die
Situation vor Ort vielfach die Hölle. In Antakya, dem historischen
Antiochia, erzählen Erdbebenopfer, wie sie seit drei Jahren praktisch
ununterbrochen im Schmutz und Lärm von Baustellen lebten. „Seit dem Beben
liegt über Antakya eine Staubwolke, die das Atmen schwer und vor allem
viele Kinder krank macht“, erzählte eine Frau einer Reporterin von dpa.
Ganz schlimm aber sei, wie von oben herab der Staat mit den Erdbebenopfern
umgehe, berichtet Mevlüt Oruc. Er ist Journalist in Samandag, der
Hafenstadt von Antakya nahe der Grenze zu Syrien. „Die Menschen wollen
kooperieren und mithelfen, doch man lässt sie nicht“, sagt Oruc. „Die Pläne
werden ausschließlich von oben gemacht. Viele Opfer weinen, wenn sie sehen,
wie ihre Grundstücke enteignet werden, um dann darauf vierstöckige
Apartmenthäuser zu bauen. Auch ihre Zitrus- und Olivenhaine wurden
verstaatlicht.“
## Intakte Häuser wurden abgerissen
Tatsächlich hat man, um schnell und im industriellen Maßstab bauen zu
können, überall große Flächen enteignet und selbst intakte Häuser
abgerissen. Einige wenige Ausnahmen wurden bei historischen Gebäuden
insbesondere in Antakya gemacht. Hier hat das Kulturministerium Gebiete
abgesperrt, wo ehemals historische Gebäude standen. Sie sollen sorgfältiger
und langsamer wieder aufgebaut werden.
In Antakya ist das die berühmte Habibi-Necar-Moschee aus dem 7.
Jahrhundert, die bereits wieder in neuem Glanz erstrahlt. Der Wiederaufbau
von Kirchen und Synagogen kommt hingegen kaum in Gang, weil das Geld fehlt.
In Antiochia/Antakya, wo die erste christliche Gemeinde außerhalb von
Jerusalem entstand, kämpft Fadi Hurdigil, Vorsitzender der Stiftung der
griechisch-orthodoxen Gemeinde in Antakya, seit mehr als zwei Jahren für
den Wiederaufbau der Kirche. „Viele unserer Leute sind nach dem Beben
weggegangen, kommen aber jetzt wieder zurück“, erzählte er dpa. „Sie
brauchen einen Treffpunkt.“ Kürzlich habe der Staat wenigstens eine
Anschubfinanzierung zugesagt. Viele hoffen, dass es in Antakya künftig
wieder eine multikulturelle Stadtgemeinschaft geben wird.
6 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erdbeben-in-der-Tuerkei-und-Syrien/!5987248
(DIR) [2] /Ein-Jahr-nach-dem-Erdbeben-in-der-Tuerkei/!5987245
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
## TAGS
(DIR) Türkei
(DIR) EU-Türkei-Deal
(DIR) Schwerpunkt Syrien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zwei Jahre nach Erdbeben in der Türkei: Trauer und Wut – noch immer
Vor zwei Jahren erschütterte ein schweres Erdbeben die Osttürkei und Teile
Syriens. Zehntausende starben. Noch immer leben viele der Opfer in
Containern.
(DIR) Lage von Syrer:innen in der Türkei: In die Ecke gedrängt
Bis zu 600 Geflüchtete sollen derzeit täglich aus der Türkei nach Syrien
zurückkehren. Ihre Lage scheint sonst gerade im Erdbebengebiet ausweglos.
(DIR) Erdbeben-Gedenktag in der Türkei: In Hatay bricht sich die Wut Bahn
Am Jahrestag des Erdbebens kommt es in der Türkei zu Protesten gegen die
Regierung. „Mörder“ riefen wütende Teilnehmende in der Provinz Hatay.