# taz.de -- KI-Musik auf Streamingplattformen: Aus Spotify wird Slopify
> Menschen hören immer mehr KI-Musik. Ob sie es bewusst und gerne tun – da
> sind Zweifel angebracht.
(IMG) Bild: Sienna Rose: seelenlose KI-Soulsängerin
Die Stimme von Sienna Rose erinnert ein bisschen an die der
US-amerikanischen Sängerin SZA, ihre Beats an Neunziger-R’n’B und die
Akkorde in ihren Liedern an klassischen Motown-Soul.
Schauspielerin und Popstar Selena Gomez gefiel das offensichtlich, sie
unterlegte nach den Golden Globes Mitte Januar ein Instagram-Karussell mit
dem Rose-Song „Where Your Warmth Begins“. Bald darauf entfernte sie ihn
jedoch wieder. Denn Sienna Rose ist mutmaßlich kein echter Mensch – alles
an ihr [1][soll mit künstlicher Intelligenz] generiert worden sein.
Sienna Rose hat trotzdem bezifferbaren Erfolg. Aktuell erreicht sie laut
Spotify über vier Millionen monatliche Hörer:innen auf der
Musik-Plattform, ihre Songs wurden Millionen Male gestreamt. Sie ist nicht
die einzige künstliche Künstlerin, die reale Erfolge vorweisen kann. Auch
der Folk-Barde Jacub macht von sich reden, sein Song „Jag vet, du är inte
min“ („Ich weiß, du gehörst nicht mir“) klettert die Viral-Charts mit den
in Schweden meistgespielten Songs von Spotify hoch – und wurde von den
offiziellen Charts ausgeschlossen, weil auch seine Musik KI-generiert sein
soll.
Sienna Rose und Jacub sind keine Einzelfälle. Die Menge an KI-Musik auf den
Streaming-Plattformen [2][nimmt rasant zu]. Der Service Deezer
identifiziert mit einer eigens entwickelten Technologie seit Januar 2025
die dort hochgeladene KI-Musik und kennzeichnet sie deutlich für
Hörer:innen.
## Menschen können KI kaum mehr erkennen
Schon damals meldete der französische Dienst den Upload von 10.000
KI-Musikstücken pro Tag, laut den neuesten Zahlen sind es bereits 60.000.
Das sind über anderthalb Millionen KI-Stücke pro Monat. Und da Deezer von
denselben Digitalvertrieben beliefert wird wie jeder andere Streamingdienst
auch, ist auch auf anderen Plattformen von einer ähnlichen Zahl auszugehen.
KI-Musik erreicht unweigerlich ein Publikum: 18- bis 44-Jährige hören sie
bis zu drei Stunden in der Woche – das geht aus einer Umfrage der
Investmentbank Morgan Stanley hervor, auf die sich das Online-Magazin
„Sherwood News“ des Fintech-Unternehmens Robinhood Markets kürzlich bezog.
Nur stellt sich die Frage, was genau das heißt – über die konkreten
Ergebnisse der nur für Insider:innen der Finanzbranche gedachten
Umfrage ist wenig bekannt. Offen bleibt sowieso: Tun diese Menschen das
auch bewusst und gerne?
Das Wenige, was über die Umfrage von Morgan Stanley bekannt ist, weckt
Zweifel. Zum einen macht aktuell nur Deezer transparent, dass es sich bei
der Musik von etwa Sienna Rose und Jacub um KI-generierte handelt. Die
Angaben der Befragten können nur auf Schätzungen beruhen. Laut einer im
Auftrag von Deezer vom Marktforschungsinstitut Ipsos durchgeführten Studie
können 97 Prozent der Menschen nicht mehr zwischen KI-generierter und
menschengemachter Musik unterscheiden. Es geht also nicht nur Selena Gomez
so. Wer kann da schon sagen, wie viel KI-Musik er oder sie regelmäßig hört?
Auffällig ist ebenso, dass die meisten der Befragten KI-Musik vorrangig
über Youtube und Tiktok zu konsumieren meinen. Dort spielt Musik insgesamt
zwar eine große Rolle, wird aber zumeist als Hintergrund-Soundtrack
verwendet. Die experimentelle elektronische Musiklegende Aphex Twin etwa
konnte kurzzeitig bei Youtube mehr monatliche Hörer:innen als der
Popstar Taylor Swift erreichen, weil sein 25 Jahre altes Stück „QKThr“ in
vielen „Shorts“ verwendet wurde (so werden Kurzvideos im Vertikalformat auf
der Plattform genannt). Das heißt nicht, dass er mehr Fans als Swift hätte
oder die meisten Hörer:innen wissen, von wem der Soundtrack überhaupt
stammt.
Zwar scheinen die Zahlen zuerst nahezulegen, dass KI-Musik unter jungen
Erwachsenen mittlerweile Akzeptanz erfährt. Doch eine genauere
Auseinandersetzung mit den spärlichen Informationen über die Ergebnisse der
Umfrage lässt eine andere Deutung zu: Es herrscht Verwirrung darüber, was
echt und was KI-generiert ist. Insbesondere gilt das dort, wo Musik eine
schöne Nebensache darstellt. Das lässt sich auch über die
Streaming-Plattform sagen, wo Sienna Rose und Jacub so erfolgreich sind:
Spotify.
## KI-Musik soll unauffällig sein
Der [3][Erfolg von Spotify] baut maßgeblich auf künstlicher Intelligenz
auf. Im Jahr 2014 erwarb das schwedische Unternehmen die Firma Echo Nest.
Mittels deren künstlich-intelligenter Auswertung von Musikstücken konnte
Spotify seine personalisierten Empfehlungen optimieren. KI war das
Alleinstellungsmerkmal, mit dem Spotify zum Marktführer aufsteigen konnte.
Durch sie konnte die Plattform den automatisierten Hintergrund-Soundtrack
für jede Gelegenheit anbieten.
Nach gut einem Jahrzehnt Spekulationen lüftete die Autorin Liz Pelly das
Geheimnis um „fake artists“, die Stimmungsplaylists wie „Piano Chill“
bevölkerten, in ihrem Anfang 2025 erschienenen Buch „Mood Machine: Spotify
and the Costs of the Perfect Playlist“.
Dahinter verbarg sich laut Pellys Recherche das Spotify-interne Programm
„perfect fit content“ (zu Deutsch „passgenauer Inhalt“): Die Plattform
beauftragte Produktionsfirmen damit, sie mit anonymisierter
Wandtapetenmusik zu beliefern, die von Spotify massenweise in prominenten
Playlists platziert wurde. Spotify zahlte dafür vergleichsweise geringe
Tantiemen und sparte also Geld, wegen der milliardenfachen Plays lohnte
sich die Sache aber für die Produktionsfirmen dennoch gewaltig. Das
Publikum bekam davon nichts mit.
Mit der millionenfach auf Spotify gepumpten KI-Musik perfektionieren nun
anonyme Dritte die Masche mit den passgenauen Inhalten: Ob die im Sommer
bekannt gewordene KI-Band Velvet Sundown oder Sienna Rose und Jacub – sie
alle ahmen beliebte Genres nach und bieten sich als Alltagsklangkulisse an.
Ein großer Teil ihres Erfolgsrezepts besteht darin, überhaupt nicht
aufzufallen und sich vielmehr in den Flow der Gleichförmigkeit des
Playlists-Ökosystems einzuschmuggeln. So wird aus Spotify sukzessiv Slopify
(mit dem englischen Begriff „Slop“, oder Mansch, werden minderwertige,
KI-generierte Masseninhalte bezeichnet).
## Spotify-Algorithmus könnte ausschlaggebend sein
Im Vergleich mit anderen Plattformen zeigt sich dann auch, dass Sienna Rose
und Co. fast nur auf Spotify viele Plays generieren. Der Verdacht liegt
nahe, dass das vorrangig mit den dort herrschenden algorithmischen Logiken
zu tun hat. Der bei dem Dienst über acht Millionen Mal gestreamte
Sienna-Rose-Song „Into the Blue“ kommt bei Youtube auf nur 330.000 Plays.
Ein Blick auf das Künstlerprofil der seelenlosen Soul-Diva bei Deezer lässt
noch tiefer blicken: Auf der Plattform, wo KI-Musik konsequent aus den
algorithmischen Empfehlungen entfernt wird, hat Sienna Rose nur knapp 300
„Fans“.
Als Fans bezeichnet Deezer Hörer:innen, die sich proaktiv mit der Musik von
Künstler:innen beschäftigen und etwa die Musik favorisieren, schreibt
die Plattform auf Anfrage. Weil KI-Musik im Playlist-Ökosystem von Deezer
praktisch kaum vorkommt, kann die Plattform im Gegensatz zur bloßen
Play-Anzahl bei Spotify konkrete Zahlen darüber liefern, wie viel KI-Musik
willentlich und wissentlich abgespielt wird. Zwischen 1 und 3 Prozent aller
Plays würden laut letzten Zahlen auf KI-Musik entfallen, hieß es Ende
Januar.
Das sind allemal recht wenige Plays, und die meisten von ihnen sind laut
Deezer so fake wie die Musik: 85 Prozent der Plays von KI-Musik kämen durch
Streaming-Manipulation zustande – Bots streamen Bot-Musik. Und der Rest?
„Wir können nicht für andere Plattformen sprechen“, teilt das Unternehmen
der taz mit. „Aber auf Deezer sind legitime Streams von KI-Musik weitgehend
auf Neugierde zurückzuführen.“ Die Medienberichterstattung über Sienna Rose
und Co. dürfte der treibende Faktor sein.
KI-Musik ist überall, sie wird aber nicht überall viel gehört. Auch spricht
aus den Zahlen noch keineswegs, dass der Slop von einem substanziellen Teil
des Publikums akzeptiert, proaktiv gehört und gemocht wird. Obwohl kaum
noch jemand KI-generierte und menschengemachte Musik auseinanderhalten
kann: Der Unterschied bleibt vielen wichtig.
6 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rollingstone.de/sienna-rose-ki-debatte-ai-musik-3091121/
(DIR) [2] /Empoerung-ueber-KI-generierte-Popmusik-Die-Schlacht-ist-nicht-mehr-zu-gewinnen/!6142281
(DIR) [3] /Von-Spotify-zur-Waffenschmiede/!6097149
## AUTOREN
(DIR) Kristoffer Cornils
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