# taz.de -- Die Wahrheit: Wider den Lückenschluss
> Schambefreite Autogeilheit ist es, was die Kfzler antreibt. Autobahnen
> noch und nöcher – ohne die kann Deutschland eben einfach nicht.
Ein frustrierter U-Bahn-User („Zurückbleiben, bitte!“) und eine gut
gelaunte Autobahn-Ingenieurin („Mit mir nicht!“). Mit diesem Plakatmotiv
buhlt die Autobahn GmbH in den Hamburger U-Bahnen um frisches Personal. Das
dann wohl mithelfen soll, den einzigen, aber umso niederträchtigeren Zweck
dieser Lobbyorganisation zu erfüllen. Nämlich weiterhin und ungebremst
Voraussetzungen zu schaffen für die unermesslichen Zumutungen, Zerstörungen
und Zernichtungen durch das Kfz.
Allein in unserer Gegend planen sie, Hunderte Kilometer an neuen
Fernstraßen durch die Natur zu prügeln. Dabei gibts hier rundum bereits
vier Autobahnen. Zu keiner ihrer Auffahrten sind's mehr als acht Kilometer.
Trotzdem – oder wie ich mal behaupte – gerade drum knattern jeden Tag
12.000 Autos durch unser Dorf. Viele davon voll schnell; aber klar, weiß
man ja: Die müssen alle immer ganz dringend zur Arbeit. Auch sonn- und
feiertags müssen die das. Nachts sogar manchmal ganz besonders dringend.
Schade natürlich, wenn nicht alle dort ankommen. Dann heulen hier die
Sirenen und man hört die Feuerwehr oder den Notarzt mit ihren super lauten
Martinshörnern ausrücken. Und ein paar Tage später kann man im Wochenblatt
die Fotos sehen von dem, was übrig bleibt, wenn es wieder mal einer nicht
geschafft hat. So viel zum Märchen von den Kfz-Belästigungen, die weniger
werden durch mehr Straßen. Das Gegenteil ist der längst auch
wissenschaftlich belegte Fall.
„Aber wir sind aufs Kfz angewiesen“, hupen dann die Kfzler sofort wie
angestochen. Oder wie die Autler hier auf dem Land immer quaken: „Ja, wenn
ich in der Stadt lebte, mit ÖPNV vor der Haustür und kurzen Wegen. Dann
bräuchte ich kein Auto.“ Allerdings zeigen die kfz-verseuchten Städte, dass
das bloß eine dumme Ausrede ist. Tatsächlich ist es die schambefreite
Autogeilheit, die – wie von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD)
gerade wieder bestätigt („Richtig geile Autos!“) – die Kfzler antreibt. Auf
dem Land genauso wie in den Städten. Und überhaupt: Wer auf was angewiesen
ist, sollte mal zur Suchtberatung.
## Für immer einparken
Für immer einparken sollte aber, wer glaubt, mit der Autobahn GmbH den
Lückenschluss üben zu müssen. So sagen sie nämlich in Autobahnerkreisen
gern zu neuen Autobahnen: Lückenschluss. Tatsächlich handelt es sich dabei
meist um teure und ganze Landschaften zerfressende Straßenungetüme, zu
deren einzigen Befürwortern – neben den gewerblichen Autobahnern und den
übrigen Verfechtern steinzeitlicher Mobilitätskonzepte – jeweils stets nur
ein paar Tausend regionale Kfzler gehören, die auf der Betonierung ihrer
Privilegien beharren. Bundesweit, das hat erst kürzlich eine Umfrage
ergeben, werden mehrheitlich keine neuen Autobahnen gewünscht.
„Zurückbleiben, bitte!“, das ist nicht nur ein schwer bemühter
Reklame-Claim, sondern dürfte vor allem das sein, was Mitarbeiter der
Autobahn GmbH täglich ihrer Scham zurufen. Anders können die ihren Job doch
gar nicht machen.
22 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Fritz Tietz
## TAGS
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Autobahnbau
(DIR) Autobahn
(DIR) Autoverkehr
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Raser
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Fahrrad
(DIR) Satire
(DIR) Fernsehen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Klapprig durch die Nacht
Eine wacklige Fahrt zum Hamburger Fahrradstrich „Loop“, wo steile Monteure
jeden Geschlechts Ständer ausklappen und Schläuche einziehen.
(DIR) Die Wahrheit: Wohnmobile zu Kasernen
Marsch, marsch: Die Bundeswehr will Truppenteile ohne Obdach bei Campern
einquartieren.
(DIR) Die Wahrheit: Vanillepudding am Fenster
Der Heinz-Wolf-Fanclub tagt in Uelzen. Die Jünger des
ZDF-Nachrichtensprechers sind durchaus kritisch und wünschen sich ihn
offensiver am Pult.