# taz.de -- Debatte um Arbeitnehmerrechte: Keine Straßenbahn für mehr Lifestylefreizeit
       
       > In Berlin ist es arschkalt und dann streikt auch noch die BVG. Das ärgert
       > viele, aber der Streik ist wichtig für die Angestellten und ein gutes
       > Leben.
       
 (IMG) Bild: Nur für eine Betriebsfahrt: Eine Tram verlässt am Montagmorgen den BVG Betriebshof Siegfriedstraße in Berlin-Lichtenberg
       
       Mehr arbeiten, mehr, mehr, mehr. Deutschland muss irgendwie fleißiger
       werden. Das ist im Wesentlichen die Botschaft, die einem seit Jahresbeginn
       um die Ohren gehauen wird. CSU-Chef Markus Söder startete mit der Forderung
       ins neue Jahr, kranken Arbeitnehmer:innen nicht mehr automatisch die
       volle Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag zu gönnen. Der Kanzler
       machte weiter: Friedrich Merz will die telefonische Krankschreibung gerne
       beenden. Zu viel Missbrauch, so die misstrauische Annahme.
       
       Die Mittelstandsunion brach vor wenigen Tagen, und [1][quer zur
       tatsächlichen Faktenlage], eine Diskussion über „Lifestyle-Teilzeit“ vom
       Zaun. „Mit einer 4-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes nicht
       erhalten“, sekundierte Merz. Und Söder legte am Montag in der ARD nach:
       Rente mit 63 abbauen und eine Stunde mehr arbeiten pro Woche habe ja wohl
       noch niemandem geschadet. Die innenpolitische Debattenlage im Januar war
       gefühlt so anstrengend wie zwei Teilzeitjobs plus das bisschen Haushalt und
       die zwei Kinder. Für nicht wenige Menschen ist das ja tatsächlich
       [2][gelebter Lifestyle].
       
       Inmitten dieses neoliberalen Frontalangriffs auf einst mühevoll errungene
       Arbeitnehmer:innenrechte platzt nun auch noch der Streik im ÖPNV.
       Die Gewerkschaft Verdi fordert eine Verringerung der Wochenarbeitszeit,
       eine Verkürzung der Schichtzeiten, eine Verlängerung der Ruhezeiten. Verdi
       fordert also, dass weniger gearbeitet wird – und eben nicht mehr, mehr,
       mehr.
       
       Das ist ein wohltuend erfrischender Beitrag zur aktuellen Leistungsdebatte.
       Denn die allermeisten arbeiten nicht zu wenig, sondern zu viel. Die
       Diskussion über vermeintliche Faulheit lenkt davon ab, dass wir eigentlich
       über anderes reden müssten: Zum einen halten Ehegattensplitting und
       Minijobs vor allem Frauen von Vollzeitjobs fern. Das [3][sagen
       Ökonom:innen immer wieder], aber es ändert sich nichts.
       
       Weil – und da wären wir bei einer zweiten Wahrheit – wenn alle Vollzeit
       arbeiten, wer holt dann um 15.30 Uhr die Kinder aus der Kita ab und pflegt
       die kranke Mutter? [4][Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu
       Hause versorgt.] Auch familiäre Fürsorge ist Arbeit, nur eben unbezahlt.
       Mit anderen Worten: Die Menschen sind nicht zu faul, im Gegenteil. Sie
       werden am Vollzeitlohnerwerb, so man das denn politisch für erstrebenswert
       hält, schlicht gehindert. Der ÖPNV-Streik wird für Unmut sorgen: keine
       Busse, und das bei dem Wetter! Ja, nervig. Aber es geht auch um etwas.
       Nämlich um die Frage, wie wir in diesem Land eigentlich arbeiten und, ja,
       nebenher auch noch leben wollen.
       
       2 Feb 2026
       
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