# taz.de -- Die Kittelschürze im Osten: Ein unverwüstliches Stück DDR
       
       > Die Dederonkittelschürzen waren ein Markenzeichen des Ostens. Im
       > Erzgebirge werden sie für das nostalgische Gefühl noch immer produziert.
       
 (IMG) Bild: Scherzartikel aus DDR-Produktion, die meist von Frauen hergestellt wurden. Und die trugen eben Ost-Kittelschürzen
       
       Heißer Sommer. Irgendwann in den 1970ern. Alles schwitzt. Nur Oma und
       Mutter nicht so krass. Denn die haben einen Hauch von fast nichts an. Nur
       Schlüpfer und BH und drüber eine Kittelschürze ohne Ärmel. Meist mit einem
       hübschen Blumenmuster in den buntesten Farben. Und immer aus einem
       hauchdünnen Stoff namens Dederon, ein DDR-Kunstwort für eine Polyamidfaser,
       die in ihren Eigenschaften dem westlichen Nylon ähnelt: robust und billig,
       pflegeleicht und knitterfrei sowie superschnell trocknend.
       
       Die Kittelschürze war praktisch, wenn das Drunter sauber bleiben sollte.
       Allein wegen der aufgesetzten Taschen für Taschentücher, Bonbons, Schlüssel
       oder Lippenstift. Und nie blieb ein Fussel hängen. Sie war gesellschaftlich
       akzeptiert, keine Frau musste sich in dem proletarischen Kleidungsstück
       genieren.
       
       Viele Frauen (nicht alle) jeden Alters trugen zu DDR-Zeiten diese
       Kittelschürze wie eine äußerst praktische Dienstuniform für alle
       anfallenden Hausarbeiten, aber auch in Einrichtungen der Kinderbetreuung
       (es gab Kinderkittelschürzen), im Handel und in vielen Betrieben. Das
       zeigte kürzlich eine [1][Berliner Ausstellung] mit Bildern der
       [2][Fotografin Helga Paris,] die zu DDR-Zeiten gern in die Produktion ging,
       um dort Arbeiterinnen zu porträtieren. Zum Beispiel Mitte der 1980er Jahre
       in einer Ostberliner Textilfabrik: Alle trugen Kittelschürze beim
       selbstbewussten Posieren vor der Kamera.
       
       Nach dem Mauerfall zogen die ostdeutschen Frauen ihre Kittelschürzen „made
       in GDR“ nicht mehr an. Einige kauften sich westdeutsche Exemplare vom
       ersten Westgeld, weil die vermeintlich besser waren, na ja, war aber nicht
       so. Und der ostdeutsche Markt wurde mit Billigware aus China überschwemmt.
       Aber auch die zog bald niemand mehr an – die Kittelschürze war aus der Mode
       gekommen.
       
       Verschwunden aber ist sie nie ganz. Es gab und gibt sie immer zu kaufen.
       Als Billigprodukt aus Polyester, aus Dederon in den letzten
       inhabergeführten Textilläden und eben online. Im Ossiladen, einem
       Ostprodukteversand mit Sitz in Stendal (Sachsen-Anhalt), gibt es alte
       DDR-Originalware und rund 3.500 Artikel von gut 120 Herstellern, die die
       (nun wieder beliebten) DDR-Marken bis heute produzieren. Die
       Dederonkittelschürze „in hellem Blau im locker-leichter Schnitt – tolles
       Muster und leuchtende Farben“ sind dort aktuell für 32,99 Euro zu haben.
       „Tauchen Sie ein in die Vergangenheit und erleben Sie den nostalgischen
       Charme der DDR“, wird das gute Stück beworben. Mit dem Hinweis: „Made in
       Ostdeutschland!“
       
       ## Produziert in Eibenstock
       
       Produziert wird die Kittelschürze in Eibenstock, einer Kleinstadt im
       Westerzgebirge. Heute ist die [3][Schürzenfabrikation Hans Schuster] nach
       eigenen Angaben alleiniger Hersteller von Dederonkittelschürzen in
       Deutschland.
       
       Einst als Stickerei gegründet, gibt es den Betrieb seit 1957. Die
       Kittelschürzen kamen erst Anfang der 1960er Jahre dazu, erzählt Birgit
       Mädler, Inhaberin und Tochter des Firmengründers, als die DDR die Betriebe
       verpflichtete, Konsumgüter herzustellen. Der Staat mit seiner
       Planwirtschaft wollte Kinderschürzen haben. Und die aus Eibenstock hatten
       eine Besonderheit, nämlich gestickte Motive: Blumen, Teddys, Mäuse oder
       Matrjoschkas.
       
       Die 64-Jährige ist mit und in der Firma aufgewachsen. Es handelt sich um
       ein kleines privates Unternehmen mit rund 50 Näherinnen, das nie
       verstaatlicht wurde, wie Mädler berichtet. „Die meisten Näherinnen haben
       das in Heimarbeit gemacht, das war damals im Erzgebirge recht verbreitet.“
       
       Beruflich hat Mädler zunächst ihren eigenen Weg eingeschlagen, studiert und
       in einer Lederfabrik gearbeitet und in der Wendezeit Kinder bekommen. Nach
       dem Mauerfall wurde sie arbeitslos wie so viele werktätige Frauen in
       Ostdeutschland. Ihr Betrieb wurde zugemacht. Was lag da näher, als im
       elterlichen Betrieb auszuhelfen?
       
       Doch nach der Wende wollte keiner mehr Kinderschürzen kaufen. „Zu
       DDR-Zeiten hatte jedes Kind im Kindergarten eine Kinderschürze“, sagt
       Mädler. „Das hatte sich von heute auf morgen erledigt.“ Als kleiner Betrieb
       und „mit diesem Nischenprodukt“ habe sich die Firma aber besser über Wasser
       halten können als die größeren Textilbetriebe im Osten. Der wirtschaftliche
       Einbruch sei in den ersten Jahren nach der Wende dennoch „massiv“ gewesen,
       nur noch vier Näherinnen hätten für die Schürzenfabrikation gearbeitet. Und
       das Sortiment wurde um die Kittelschürzen für Frauen erweitert.
       
       2007 hat Mädler die Firma übernommen, sie beschäftigt heute nur noch eine
       Näherin, die auf Zuruf arbeitet. Sie habe ja kein Geld in die Firma stecken
       müssen, sagt sie, auch weil sie mit den alten Maschinen von einst
       weiterarbeitet. Nur die Stoffballen sind neu und werden in einer Firma in
       Frankenberg (in der Nähe von Chemnitz) mit den verschiedenen Motiven
       bedruckt. Im Jahr stellt sie rund 500 Kittelschürzen her. Man kann sie über
       die Homepage der Firma, per Mail oder Anruf bestellen.
       
       ## Der Tradition wegen
       
       Birgit Mädler muss von den Kittelschürzen nicht leben. Sie macht das aus
       „Spaß an der Arbeit“ und der Tradition wegen. Sie verdient ihr Geld mit
       einer halben Stelle als Bildungsreferentin für fairen Handel über einen
       Eine-Welt-Verein. Anhand der Schürzenproduktion in ihrem Betrieb vermittelt
       sie zum Beispiel Schulklassen den Wert ihrer Arbeit im Kontrast zu den
       Zuständen der Textilproduktion in asiatischen Billiglohnländern.
       
       Die Kittelschürzen haben „mein ganzes Leben bestimmt“, sagt Mädler. Und
       wenn sich jemand beim Kauf einer Kittelschürze freut oder an früher, etwa
       an die Oma in ihrer Kittelschürze, erinnert wird, „dann ist das für mich im
       Prinzip der Lohn“, sagt sie. „Das hat ein nostalgisches Moment“, die
       Kittelschürze sei eben „ein Stückchen Heimat“.
       
       Sie selbst trägt natürlich Kittelschürze: „Wenn ich in den Betrieb
       reinkomme, dann ist der Griff zur Schürze automatisch, weil man sich auf
       Arbeit ohne Schürze gar nicht wohlfühlt.“
       
       Die Dederonkittelschürzen seien langlebig, sagt Birgit Mädler. Und von den
       anfallenden Stoffresten werden Klammerkleidchen und Einkaufsbeutel
       hergestellt. Die sind eine prima Alternative zu Plastiktüten und
       Baumwollbeuteln, weil sie die guten Stoffeigenschaften von Dederon haben
       und „nachhaltig und unverwüstlich“ sind.
       
       5 Feb 2026
       
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