# taz.de -- Alfred Roesler-Kleint über seinen Roman: „Casablanca“ lag in Schönefeld
       
       > Alfred Roesler-Kleint verließ einst frustriert das DDR-Fernsehen, um
       > Songs für „City“ zu texten. In seinem Roman „Pfefferminzhimmel“ blickt er
       > zurück.
       
 (IMG) Bild: Die Musiker von „City“ bei einer Studioaufnahme 1979
       
       taz: Sie sind 1949 im westdeutschen Siegerland geboren. Dort haben sie noch
       oft die Ferien verbracht, nachdem ihre Eltern, der Vater war KPD-Mitglied,
       mit Ihnen 1955 nach Ost-Berlin gezogen war. Erinnern Sie sich, wann Sie
       sich als Ost-Berliner empfanden? 
       
       Alfred Roesler-Kleint: Im April 1960, in der Woche nach Ostern. Die liebe
       katholische Verwandtschaft vom Dorf war der Meinung, dass „dä Jong“ aus
       Berlin, also ich, die Erstkommunion empfangen sollte und hatte mir einen
       getragenen Anzug und eine armlange Kerze besorgt. Der örtliche Pfarrer
       sollte mir den letzten Schliff in Sachen Religion geben und stellte mich
       den anderen Kindern als „der arme Junge aus dem Osten“ vor, wo es angeblich
       nichts zu essen gab. Das war ein Fehler, denn meine Antwort war: „Wir haben
       so viel zu essen, wir schmeißen sogar was weg!“ Sprach's, stampfte mit dem
       Fuß auf und verließ die Veranstaltung. Ich hatte also gar keine andere
       Wahl, als mich als Ost-Berliner zu fühlen und zu behaupten. Das war eine
       Sache des Stolzes.
       
       taz: Gerade erschien Ihr Roman „Pfefferminzhimmel“. Er trägt den Titel
       eines Songs der Berliner Band City aus den 1980er Jahren, für den Sie
       damals den Text verfassten. Er ist Liebesroman und Gesellschaftsroman
       zugleich und fußt auf Ihrer persönlichen Geschichte in den Jahren 1980 bis
       1992. Warum haben Sie das Buch so spät geschrieben? 
       
       Roesler-Kleint: In diesen Jahren ist ungeheuer viel passiert, politisch wie
       privat. Manches im Roman habe ich so erlebt, anderes hätte so passieren
       können. Auslöser waren auch Gespräche mit westdeutschen Freunden, oft
       Jüngeren. Wenn wir von unserem Leben erzählten, saßen sie mit großen Augen
       da. Ihre Biografien wirkten oft geradliniger. Da gab es ein Auslandsjahr,
       vielleicht eine Scheidung, aber insgesamt war alles überschaubar.
       Ostdeutsche Lebensläufe sind häufig komplizierter, widersprüchlicher. Und
       wenn dann jemand fragt: „So habt ihr gelebt?“, merkt man, wie wenig bekannt
       Vieles noch ist. Deshalb habe ich die Aufforderung „Schreib das doch mal
       auf!“ wörtlich genommen.
       
       taz: Ihr Roman wird als Reise in ein verschwundenes Land beschrieben. Lässt
       Sie die DDR nicht los – oder Ihre eigene Geschichte? 
       
       Roesler-Kleint: Das Land ist verschwunden, aber die Menschen sind noch da.
       Sie tragen ihre Erfahrungen mit sich – auch meine Frau Scarlett und ich.
       Wir haben schon in der DDR freiberuflich gearbeitet, mussten sehen, wie wir
       klarkommen. Nach der Wende haben wir uns langsam ein neues Leben aufgebaut,
       das inzwischen länger dauert als das alte. Es gibt also keinen
       nostalgischen Blick zurück. Es geht eher darum, zu verstehen, wie sehr
       diese Jahre uns geprägt haben.
       
       taz: Sie gaben Ende der 1970er Ihre Stelle als Kulturredakteur beim
       DDR-Fernsehen auf. Weil Sie die Arbeit nicht mehr mit Ihrem Gewissen
       vereinbaren konnten? 
       
       Roesler-Kleint: Wir wollten uns nicht der Propaganda verschreiben, sondern
       etwas Eigenes machen. Natürlich gab es Spielräume, aber auch Verbote,
       Kritik und Druck. In einer beklemmenden Situation sagte ein befreundeter
       Kollege zu mir: „Ich möchte einfach nur woanders sein.“ Dieses Gefühl
       kannte ich gut. Ich wollte auch woanders sein, aber ich wusste nicht, wo
       dieses „woanders“ sein sollte. Nicht unbedingt im Westen, aber auch nicht
       in der bestehenden Enge. Dieses diffuse Sehnen tauchte später [1][im Song
       „Pfefferminzhimmel“] auf. Gleichzeitig war das Leben nicht nur bedrückend.
       Es gab Liebe, Freundschaften, Abenteuer.
       
       taz: Als Sie das DDR-Fernsehen verließen, waren Sie Anfang 30 und
       arbeitslos. 
       
       Roesler-Kleint: Ja, aber ich hatte Glück mit Freunden, die mir Jobs
       verschafften. Ich renovierte Wohnungen, grub Gärten um und schrieb
       TV-Kritiken für die Zeitschrift Unterhaltungskunst. Es war ein
       improvisiertes Leben, unsicher, aber auch frei. Ich habe in dieser Zeit
       viel gelernt.
       
       taz: Texter für City wurden sie eher zufällig?
       
       Roesler-Kleint: Ich habe schon als Schüler mit Sprache gespielt. Als die
       Beatles auftauchten, versuchte ich ihre Texte ins Deutsche zu übertragen.
       Aber ich sah das nie als Beruf. Über einen Bekannten kam der Kontakt zu
       City zustande. Ursprünglich sollte ich vorhandene Musik betexten. Das erste
       Ergebnis war aber unbefriedigend, deshalb sagten Scarlett und ich: Nein,
       wir schreiben zuerst die Texte. Diese Reihenfolge sicherte uns Freiheit.
       
       taz: Auf dem 1987 veröffentlichten City-Album „Casablanca“, für das Sie die
       Texte verfassten, wurden ungewöhnlich offen DDR-Tabuthemen wie die Mauer
       angesprochen. 
       
       Roesler-Kleint: Gemeinsam mit Toni Krahl (dem Sänger der Band – Anm. d.
       Red.) formulierten wir klarer, was viele dachten. Das Publikum wartete
       förmlich darauf, dass jemand Dinge ausspricht, die offiziell nicht gesagt
       werden durften. Uns ging es nicht um Provokation um ihrer selbst willen,
       sondern darum, auszuloten, was sagbar ist. Wir wollten dieses Land von
       innen heraus verändern, nicht von außen kommentieren. Wir verstanden uns
       als Ideengeber. Wir gaben Impulse und die Band machte daraus etwas
       Größeres. Oft wurde die Musik stärker als der reine Text.
       
       taz: Der Song „Casablanca“ ist eine Reminiszenz an den berühmten Liebesfilm
       mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart. Sie selbst erlebten eine
       dramatische Abschiedsszene am Flughafen Schönefeld. 
       
       Roesler-Kleint: 1980 stand ich dort und winkte meiner ersten Frau, die mich
       verlassen hatte, und meinem Sohn nach, die nach Kanada ausreisten. Ich
       wusste nicht, ob ich sie wiedersehen würde. Diese Situation erinnerte mich
       an Casablanca: Abschied unter politischen Vorzeichen, das Gefühl, jemanden
       zu verlieren, ohne Gewissheit auf ein Wiedersehen. Viele in der DDR kannten
       solche Momente.
       
       taz: 1988 schrieben Sie den Song „Rüdersdorf“. Warum gerade dieser Ort, der
       gleich hinter Berlin in Brandenburg liegt? 
       
       Roesler-Kleint: In meiner Jugend sind wir dort oft baden gegangen in einen
       See im ehemaligen Kalksteinbruch, weil er abseits der üblichen Berliner
       Badestellen lag. Später wurde ich zur Armee eingezogen, und der Fahneneid
       fand im Zementwerk Rüdersdorf statt. Plötzlich stand ich dort in Uniform,
       unglücklich wie nie. Diese Gegensätze haben sich eingeprägt. Musikalisch
       gab es die Idee, ein Album mit Songs von Randy Newman auf Deutsch zu
       machen. „Rüdersdorf“ orientierte sich lose an „Baltimore“.
       
       taz: Beim Rocksommer 1988 in Berlin-Weißensee durften City das Lied „Halb
       und halb“ nicht singen, weil es die geteilte Stadt Berlin thematisierte.
       Stattdessen las Toni Krahl Ihren Text vor. Wie haben Sie das erlebt? 
       
       Roesler-Kleint: Ich war nicht direkt an der Bühne, erinnere mich aber genau
       an die Atmosphäre. Es war ein Wagnis. Man wusste nicht, ob die Band dafür
       abgestraft würde. Als der Applaus einsetzte, war klar: Das war richtig.
       Nicht weil sofort Grenzen fielen, sondern weil sichtbar wurde, dass man
       sich etwas trauen kann.
       
       taz: 1989 gehörten Sie zu denen, die sich immer mehr trauten. 
       
       Roesler-Kleint: Es war eine Zeit zwischen Angst – niemand wusste, ob die
       DDR-Führung, ebenso wie die Chinesen, gewaltsam Proteste niederschlagen
       würde – und wachsendem Mut. Es gab Wahlbeobachtungen, Friedensmärsche,
       offene Diskussionen und immer wieder stellte auch ich mir mit meiner Frau
       Scarlett die Frage: Trauen wir uns das? Wir wollten die DDR umkrempeln,
       etwas Eigenes schaffen, nicht einfach eine Kopie der alten Bundesrepublik
       werden. Wir saßen zu Hause, schrieben Lieder, und irgendwann war klar:
       Jetzt müssen wir mitmachen, uns einmischen.
       
       taz: Auf der größten Demonstration der DDR, am 4. November 1989 am
       Alexanderplatz, hat der Schauspieler Tobias Langhoff einen Text von Ihnen
       verlesen. Wie kam es dazu?
       
       Roesler-Kleint: Ich wollte mich beteiligen, konnte aber selbst keine Rede
       halten. Also schrieb ich einen Text, der von Menschen inspiriert worden
       war, die wir kannten und die in der DDR als Verräter angeklagt und
       abgeurteilt worden waren. Zum Beispiel [2][Walter Janka]. Es ging um
       Schuld, um verschwiegenes Unrecht und darum, die einstigen Täter nicht
       davonkommen zu lassen. Tobias Langhoff hat den Text vorgelesen.
       
       taz: Bald darauf wurden Sie Chefredakteur beim Deutschen Fernsehfunk (DFF),
       dem umbenannten DDR-Fernsehen, das in den ersten Jahren schon mal so hieß. 
       
       Roesler-Kleint: Ein Freund von mir versuchte, das Fernsehen zu reformieren,
       und bat mich, ihm zu helfen. Also kehrte ich an den Ort zurück, mit dem ich
       eigentlich abgeschlossen hatte. Plötzlich war ich Chef von Menschen, die
       ich zuvor teilweise verachtet hatte. Es ging darum, den Betrieb am Laufen
       zu halten und gleichzeitig Strukturen für die Zukunft zu entwerfen. Wir
       wollten eine ostdeutsche Senderstruktur aufbauen, die kooperiert statt sich
       zersplittert. Letztlich setzten sich die Interessen der Politik und
       bestehender ARD-Anstalten durch, die sich neue Sendegebiete und
       Gebührenzahler sichern wollten. Trotzdem bin ich stolz auf diese anderthalb
       Jahre. Wir haben Reformen angestoßen und versucht, Transparenz
       herzustellen.
       
       taz: Sie leiteten dann den Aufbaustab des Ostdeutschen Rundfunks
       Brandenburg (ORB) und haben versucht, in der Unterhaltung neue Ideen
       umzusetzen. Warum hat das kaum geklappt?
       
       Roesler-Kleint: Ich hatte einige Ideen, etwa „Fritz! Die Melk-Show“, eine
       Satiresendung fürs flache Land, oder eine Rockmusiksendung mit Tamara Danz
       als Moderatorin. Aber ich kam mit dem Intendanten Rosenbauer nicht klar.
       Wir hatten beide ein starkes Selbstbewusstsein. Er suchte und fand Leute,
       die besser zu ihm passten.
       
       taz: Weshalb Sie Mitte der 1990er unzufrieden das Handtuch warfen und
       erneut freier Autor wurden. Ihre persönliche Geschichte wiederholte sich
       ein wenig? 
       
       Roesler-Kleint: Ich war auf einen Abstellposten abgeschoben worden, habe
       dort aber wenigstens noch die Vorabendkrimiserie „Zappek“ für die ARD
       entwickeln und betreuen können, mit Uwe Kockisch in der Hauptrolle.
       Inzwischen war aber auch eine neue City-Platte mit meinen Texten
       erschienen: „Rauchzeichen“. Das nahm ich als Signal, den trägen
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verlassen und wieder in die Freiheit zu
       wechseln. Ich bekam eine Abfindung und begann, gemeinsam mit Scarlett
       Drehbücher für Fernsehspiele zu schreiben. Zu zweit schreiben hat sich
       bewährt.
       
       Der Roman „Pfefferminzhimmel“ ist im Verlag am Park erschienen, 448 Seiten,
       26 Euro.
       
       9 Apr 2026
       
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