# taz.de -- Kittelschürzen-Ausstellung in Lübeck: „Eine Uniform für Hausfrauen“
       
       > Ästhetik der Kittelschürzen: Für die Kulturwissenschaftlerin Stefanie
       > Reis sind sie eine Augenweide, die die Geschichte der Frauen erzählen.
       
 (IMG) Bild: Die Ästhetik der Muster: Kittelschürzen nach jedem optischen Geschmack
       
       taz: Frau Reis, Sie hängen Kittelschürzen in eine Ausstellung – warum? 
       
       Stefanie Reis: Erstens sind die Kittelschürzen eine Augenweide, die Stoffe,
       die Muster sind allein aus ästhetischen Gründen eine Ausstellung wert.
       Zweitens erzählen die Kittelschürzen in der Ausstellung andere Geschichten,
       als sie in den vergangenen Jahrzenten erzählt oder eben nicht erzählt
       wurden. Nämlich die Geschichte der Frauen, die sie trugen.
       
       taz: Woher stammen die Kittel, die Sie zeigen? 
       
       Reis: Die Kittelschürzen, die meine Kollegin Simone Graber, Modedesignerin
       und Upcycling-Expertin, und ich in der Musik- und Kongresshalle Lübeck
       zeigen, stammen aus Lübeck und Umland. Ich habe 2023, nach dem Tod meiner
       Großmutter, begonnen, mich mit Kittelschürzen zu befassen, und Menschen
       gebeten, Kittel, Fotos und ihre Geschichten dazu zu schicken. Aus diesem
       Materialschatz ist unter anderem der weltweit erste Kittelschürzen-Podcast
       entstanden, „Im Kittel mit …“, der parallel zur Ausstellung am 15. Januar
       startet.
       
       taz: Gab es Kittelschürzen eigentlich schon immer oder lassen sie sich
       zeitlich verorten? 
       
       Reis: Sie entstanden als Arbeitskleidung für Frauen im Ersten Weltkrieg,
       Hooverette genannt nach dem 31. Präsidenten der Vereinigten Staaten,
       Herbert Hoover. Als eine Art weiblicher Uniform sollten Kittelschürzen das
       kriegswirtschaftliche Haushalten propagieren, um die Männer an der Front
       mental zu unterstützen, und weiblicher Arbeit den Anstrich von
       Professionalität und Hygiene verleihen.
       
       taz: Seit wann und warum trugen Frauen in Deutschland Kittel? 
       
       Reis: Nach dem Krieg verbreitete sich das Kleidungsstück in weiten Teilen
       der Welt. In Westdeutschland begann ihre Hochphase nach dem Zweiten
       Weltkrieg zur Wirtschaftswunderzeit. Damit und mit den Rollenbildern der
       Zeit ist der Kittel eng verknüpft.
       
       taz: Wie war das in der DDR? 
       
       Reis: Das Interessante an der Kittelschütze ist, dass sie tatsächlich auf
       beiden Seiten der Grenze getragen wurde. Aber es gab Unterschiede, allein
       im Material: Die ikonische Ost-Schürze besteht aus Dederon. Und die Rolle
       der Frau war [1][die der Arbeiterin, die ihren Beitrag zum Sozialismus
       leistete und damit die Schütze auch öfter jenseits des Haushalts trug.]
       
       taz: Heute trägt kaum jemand Kittel. Warum ist es Ihnen wichtig, dieses
       Thema zu bearbeiten? 
       
       Reis: Die Kittelschürze besitzt die Strahlkraft einer Zeitzeugin. Es hängen
       Erinnerungen dran, an Großmütter, die Kittel trugen, und Mütter, die sie
       bewusst abgelegt haben. Sich heute damit zu befassen, beleuchtet die
       unsichtbare Arbeit von Frauen und ihre Rebellion gegen tradierte Rollen.
       Ein Aspekt, an den vor allem meine Projektpartnerin Simone Graber anknüpft:
       Kittel schonen die Kleidung darunter. Das ist eine pragmatische und
       gleichzeitig [2][modische Nachhaltigkeit, über die wir gerade in Zeiten von
       Fast Fashion nachdenken sollten:] Werfe ich Kleidung weg, ziehe ich
       Einweg-Schürzen aus Plastik an oder trage ich Kittel, damit gute Kleidung
       länger hält?
       
       taz: Tragen Sie selbst Kittelschürze? 
       
       Reis: Regelmäßig! Selbst mein Mann zieht sie beim Kochen an. Ich bin mit
       einem besonderen Stück auch schon in der Elbphilharmonie gewesen. Ich mag
       das Spiel, klassische Kittel im neuen Kontext auftauchten zu lassen. Dieses
       Spiel spielt auch die Modemarke Miu Miu, die ihre aktuelle
       Frühjahrskollektion auf Schürzen basieren lassen. Wobei Miu Miu eine
       Hochglanz-Oberfläche zeigt, ich dagegen geflickte Schürzen und Erinnerungen
       an konkrete Frauenleben – aber die Wiederentdeckung der Kittelschürzte als
       Modeobjekt finde ich spannend. Natürlich denke ich an meine Oma, wenn ich
       eine Schürze anziehe. Aber ich feiere auch, dass im Jahr 2026 Menschen in
       Kittelschützen die Freiheit haben, ganz neu gesehen zu werden.
       
       13 Jan 2026
       
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