# taz.de -- CTM-Festival in Berlin: Wasser, Eis und Dissonanzen
       
       > In Berlin findet das CTM-Festival für abenteuerliche Musik statt. Im
       > Fokus stehen etwa japanische Lärmbuddhisten und ein Deathmetalchor aus
       > Kanada.
       
 (IMG) Bild: So schön wars im Mittelalter: Deathmetal-Gesangsverein Growlers Choir aus Montréal im Radialsystem
       
       CTM-Festivalzeit ist eine eigene Jahreszeit, in der die ganze Welt auf
       Berlin blickt. Nur, dieses Mal sieht sie erst mal: wenig. Berlin ist
       neblig, kalt und eisglatt. Da kommt nostalgische Stimmung auf, so war’s
       damals, als das Festival in seinen Flegeljahren um die Jahrtausendwende
       noch in der Maria am Ostbahnhof stattfand und trotz einsetzendem
       antielektronischem Backlash (erinnert sich noch jemand an die the-Bands?)
       und schmalem Budget verlässlich britzelnde Höhepunkte bot.
       
       Damals gehörte die Kälte standardmäßig zum Programm. Inzwischen ist sie
       klimawandelbedingt eher rar. So oder so, das strenge Winterwetter 2026 ist
       wie gemacht für den Hund von Baskerville. Vor dem Ungeheuer hat selbst die
       Berliner Stadtreinigung (BSR) Angst, und streut die Wege hin zum Treptower
       Festival-Stützpunkt Haus der Visionäre lieber nicht. Und so strömen die
       Massen nicht zum Eingang, sie straucheln, rutschen und tapern.
       
       Drinnen bietet sich das vertraute Bild, jung, alt, international und
       vielfältig ist das Publikum. Basecaps, Schals, Hoodies mit Slogans sind zu
       sehen, oft in Signalfarbe Schwarz. [1][Das CTM-Festival ist eine
       Lernwerkstatt, in der zugeschaut <i>und</i> mitgebaut wird.] Es ist eh
       besser in Bewegung bleiben, denn die Raumtemperatur im Haus der Visionäre
       ist unwesentlich höher als vor der Tür.
       
       ## Ein echter Headcleaner
       
       [2][Lautstärke spendet Trost.] Besonders, als Eye & C.O.L.O. aus Osaka die
       Halle in einen Ballerspiel-Soundscape tunken: Darmwinde von Gött:innen und
       fiepende Sinustöne, dazu Blastbeats von 200 Bpm aufwärts und gelegentliches
       Geblöke. Ein Headcleaner zur trüben Weltlage. Wer Yamantaka Eye von seiner
       Noiserockband Boredoms kennt, weiß, dass Lärm hier nie Selbstzweck ist,
       sondern Ausdruck einer zenmeditativen Entladung. Out-of-Body-Music, die den
       Shit mit Verve zurückfloatet. Dabei stehen Eye und sein Kollege C.O.L.O.
       wie Buddhastatuen mit Headsets weitgehend reglos vor den Laptops. Im
       Publikum wird getanzt.
       
       Direkt aus dem Mittelalter, vielleicht aber auch nur aus Montréal hat der
       Deathmetal-Gesangsverein Growlers Choir den Weg ins Radialsystem gefunden,
       einem weiteren CTM-Stützpunkt. Diesmal ist die Raumtemperatur behaglich,
       die wie Zisterzienser in simple Kutten gekleideten Sänger:innen, kühlen den
       Saal trotzdem aus. Während sie die Stufen der Zuschauertribüne röchelnd wie
       zur Hinrichtung hinabschreiten, taucht der Hund von Baskerville wieder vor
       dem inneren Auge auf.
       
       Sodann wird gekrächzt und geräuspert, was die Stimmbänder hervorbringen.
       Chorleiter (und Komponist) Pierre-Luc Senécal dirigiert – auf Augenhöhe mit
       den Sänger:innen – und spielt die düstere Musikkulisse am Laptop ein.
       Wieder prasseln Blastbeats, Gitarren jaulen höllisch auf, dazwischen immer
       wieder abrupte Breaks, die Gesangsarrangements sitzen und passen sich ins
       böse Musikbett ein.
       
       ## Wie man graphisch komponiert
       
       Trotz Kühlschranktemperatur herzerwärmend ist der Workshop mit dem
       polnischen Komponisten Marcin Pietruszewski im Haus der Visionäre. Die
       Straßen sind immer noch nicht gestreut, aber dafür erklärt der in Weimar
       und Newcastle lehrende Künstler anschaulich, wie man grafisch komponiert.
       [3][Mit dem Opensource-Programm Supercollider zeichnet Pietruszewski Klänge
       am Bildschirm] und erschafft mit einer Koordinatenachse Musik: Schraffuren
       auf der X-Achse bilden Timbre (Frequenzen), die auf der Y-Achse Pitch
       (Tempo) ab.
       
       Der alte Menschheitswunsch, Sound zu visualisieren ist hier Wirklichkeit
       geworden. Ihn habe die Frage umgetrieben, wie gut ein Algorithmus Klang
       beschreiben könne, erklärt der polnische Künstler und verweist auf den
       griechischen Elektronikpionier Iannis Xenakis und dessen Idee einer
       stochastischen Musik. Am Bildschirm wirkt es, als schaue man einem EKG zu,
       wenn es einen Herzmuskel darstellt.
       
       Tief Leonie und die von ihr verursachte Kälte bremst nicht nur Teile des
       Nahverkehrs aus, auch das CTM-Programm steht auf der Kippe, als der Flug
       der Kanadierin Kara-Lis Coverdale ausfällt. Spontan springt die Berliner
       Stimmakrobatin Lyra Pramuk ein. Vorher ist noch die Britin feeo an der
       Reihe. Dicht an dicht schmiegen sich Besucher:innen im voll besetzten
       Radialsystems halbkreisförmig an die Singer-Songwriterin und ihren
       Gitarristen Caius Williams heran. Von Kälte ist in feeos Texten die Rede,
       von unmarkierten Gräbern und allerlei Düsterem, ihre Stimme aber erwärmt
       den Raum.
       
       ## Tonlagen und Klangfolgen
       
       An Tirzah erinnert ihr Vortrag, an Beth Gibbons auch, ziemlich harmonisch
       für ein Festival, das sich 2026 eigentlich dem Dissonanten verschrieben
       hat. „Dissonate <> resonate“ lautet das CTM-Motto. Hymnisch schließt Pramuk
       daran an, performt mit wehenden Ärmeln die Songs ihres [4][neuesten Albums
       „Hymnal“]. In diesem Gesangsbuch hat Pramuk wenig Text notiert, sie
       konzentriert sich auf Tonlagen und Klangfolgen.
       
       Untermalt wird das auf großer Leinwand mit einem Film von Lucy Beech, auf
       dem sich glossig-glänzende Lippen in Großaufnahme öffnen und schließen,
       Wimpernbögen sich ineinander verheddern, Wasser gegen Kanalwände wogt und
       Vogelschwärme flattern. „This is the time and this is the record of the
       time“, zitiert Pramuk immer wieder Laurie Andersons „From the Air“, von
       deren Debüt „Big Science“ aus dem Jahr 1982. Die Zeiten, ja die Zeiten.
       
       Am Ende schafft es Coverdale noch. Da haben sich die Reihen aber schon
       gelichtet. Die Künstlerin versteht Musik als Fürsorge, komponiert für
       Atemarbeit und psychedelisch unterstützte Therapien. Als Soundtrack eines
       ins Surreale entglittenen Märchenfilms könnte man sich das vorstellen, was
       sie da hervorfrickelt. Alle denkbaren Spannungsbögen kleidet sie aus,
       dissonant, konsonant, tatsächlich heilsam. Hunde haben da keine Chance.
       
       30 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /26-Ausgabe-des-Berliner-CTM-Festivals/!6066416
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 (DIR) [3] https://www.marcinpietruszewski.com/
 (DIR) [4] /Album-Hymnal-von-Lyra-Pramuk/!6097600
       
       ## AUTOREN
       
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 (DIR) Julian Weber
       
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