# taz.de -- Irans Waffenarsenal: Angeschlagen, aber nicht wehrlos
       
       > Zwölf Tage Krieg mit Israel haben Irans Militär einen herben Schlag
       > versetzt. Doch der Wiederaufbau des Arsenals läuft derzeit auf
       > Hochtouren.
       
 (IMG) Bild: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, steht auf dem antiamerikanischen Protestplakat in Teheren, am 28. Januar 2026
       
       Als Benjamin Netanjahu US-Präsident Donald Trump Mitte Januar mahnte, einen
       möglichen Militärschlag gegen den Iran zu verschieben, wurde viel darüber
       spekuliert, was die Gründe für sein Zögern sein könnten. Noch im Dezember
       hatte Israels Premier auf eine „zweite Runde“ gegen den Erzfeind in Teheran
       gedrängt. Strategische Überlegungen könnten eine Rolle gespielt haben. Ein
       geschwächtes Regime ist in Israels Interesse, ein Regimekollaps könnte aus
       israelischer Sicht aber neue Gefahren bergen. Entscheidend dürfte aber das
       Zeitfenster gewesen sein. Denn wenn es darum geht, den Gegner unter
       möglichst geringen Verlusten möglichst empfindlich zu treffen, dann ist
       Timing alles.
       
       Teherans wichtigster Abschreckungsfaktor ist sein Arsenal aus ballistischen
       Mittelstreckenraketen. Damit kann [1][das Mullahregime] fast jedes
       beliebige Ziel im Nahen Osten treffen, bis nach Tel Aviv. Obwohl es Israel
       im Juni 2025 gelang, Hunderte Depots und Raketenwerfer zu zerstören,
       blieben dem Iran nach Ende des Zwölftagekriegs nach israelischen
       Schätzungen immer noch rund 1.500 Raketen und 200 Raketenwerfer. Hinzu
       kommt eine unbestimmte Anzahl an Kamikazedrohnen, die jedoch leichter
       abzufangen sind.
       
       Damit könnte der Iran Israel für mehrere Tage unter Beschuss nehmen, ein
       Szenario, auf das Israel noch nicht vorbereitet ist. Denn auch die
       israelischen Abwehrkapazitäten wurden in den zwölf Tagen verbraucht, die
       Vorräte an Arrow-Abfangraketen gingen schon langsam zur Neige. Seitdem
       versucht Israel, seine Abwehrfähigkeiten wiederherzustellen, bleibt dabei
       aber abhängig von US-amerikanischer Unterstützung. Die traf erst in den
       vergangenen Tagen ein, etwa in Form des Flugzeugträgers „USS Abraham
       Lincoln“.
       
       Für die USA kommt die Bedrohung iranischer Kurzstreckenraketen hinzu.
       Israel können sie zwar nicht erreichen, dafür aber verschiedene
       amerikanische Standorte wie den Al-Udeid-Stützpunkt in Katar. Militärisch
       ist das Mullahregime also angeschlagen, aber nicht wehrlos. In den letzten
       Monaten arbeitete es daran, seine Militärkapazitäten wieder aufzustocken.
       Tatkräftige Hilfe kam dabei aus Peking.
       
       ## Schwachpunkt Luftabwehr
       
       Dort verfolgt man das Szenario eines Zusammenbruchs des Regimes mit großer
       Sorge, allein schon aus energiepolitischen Gründen: Seit der
       Wiedereinführung amerikanischer Sanktionen wurde Peking zum Hauptabnehmer
       iranischen Erdöls – mit einem Sanktionsrabatt von rund 10 US-Dollar pro
       Barrel. Nun beliefert China die iranische Armee mit sensiblen Komponenten
       ballistischer Raketen. Dazu gehören Chemikalien für Raketentreibstoff, aber
       auch Mikroprozessoren, mit denen es für den israelischen Geheimdienst
       technisch schwieriger werden soll, iranische Raketen durch Cyberattacken
       außer Gefecht zu setzen.
       
       Irans größter Schwachpunkt ist die schwache Luftabwehr. Während des
       Zwölftagekriegs konnte Israel fast ungehindert den iranischen Luftraum
       nutzen, um Angriffe auf das Land zu fliegen. Im Dezember warnte der frühere
       iranische [2][Präsident Hassan Rohani], dass der Luftraum für den Feind
       immer noch „vollkommen sicher“ sei.
       
       Wie lange das noch so bleibt, ist fraglich. Denn auch hier kann Teheran auf
       chinesische Unterstützung zählen. Durch den Erwerb fortschrittlicher
       chinesischer Radarsysteme könnte Iran bald über Anti-Stealth-Radare
       verfügen, die im Gegensatz zu konventionellen Radarsystemen in der Lage
       sind, feindliche Tarnkappenflugzeuge zu erkennen.
       
       Und da könnte noch mehr kommen: Im vergangenen Monat meldete ein iranisches
       Medienunternehmen unter Berufung auf ungenannte Militärquellen, dass der
       Iran an chemischen und biologischen Sprengköpfen arbeite. Das
       Damoklesschwert einer iranischen Atombombe ist ebenfalls nicht endgültig
       beseitigt. Während die wichtigsten iranischen Nuklearstandorte in
       [3][Fordo], Natanz und Isfahan laut den USA „weitgehend zerstört wurden“,
       wurden in den letzten Monaten Aktivitäten an einem neuen Nuklearstandort
       namens Pickaxe Mountain verzeichnet, der offenbar noch tiefer in der Erde
       verborgen liegt.
       
       Das ideale Zeitfenster, Iran anzugreifen, war aus israelischer Sicht,
       zumindest bis vor Kurzem, noch nicht da. Das liegt in erheblichem Maße an
       Irans schlagkräftigem Raketenprogramm. Doch das derzeitige Zeitfenster
       könnte sich dank chinesischer Rückendeckung auch bald wieder schließen.
       
       30 Jan 2026
       
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