# taz.de -- Tödliche Messerattacke in Uelzen: Rechtsextreme Motivation wird immer wahrscheinlicher
       
       > Ein Deutscher hat einen 30-jährigen Algerier getötet. Die Polizei sieht
       > keine Anhaltspunkte für ein rechtsextremes Motiv. Nun gibt es neue
       > Hinweise.
       
 (IMG) Bild: Da gab es nur die AfD und noch keine tödliche Messerattacke: Anti-Nazi-Demo in Uelzen im August 2022
       
       8. September 2025: Ein 26-jähriger Deutscher geht in Uelzen auf zwei
       migrantisch gelesene Minderjährige los. „Ihr seid nicht die ersten
       Ausländer, die ich kaputt schlage“, soll er zu ihnen gesagt haben, so eine
       anonyme Quelle gegenüber der taz. Er bedroht sie und zeigt ihnen das Beil
       und die Axt, die er mit sich trägt. Er wird festgenommen, die Polizei geht
       nicht von einem „fremdenfeindlichen“ Motiv aus. Das Ermittlungsverfahren
       wird kurze Zeit später aufgrund einer Opportunitätsentscheidung
       eingestellt.
       
       [1][„Opportunitätsentscheidung“] – das bedeutet: im Ermessen der Polizei
       oder der Staatsanwaltschaft wäre ein Verfahren nicht verhältnismäßig. Es
       wird aufgrund geringer Schuld oder mangelndem öffentlichen Interesses
       eingestellt, meistens, um die Behörden zu entlasten.
       
       [2][11. Januar 2026:] Derselbe Mann sticht dem 30-jährigen Ayoub F. in der
       Uelzener Innenstadt mit einem Küchenmesser in den Rücken. Er trifft die
       Lunge und Aorta, Passant*innen rufen einen Rettungswagen. Ayoub F.
       stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus an den schweren Verletzungen.
       
       Wieder wird der Mann festgenommen, wieder geht die Polizei zunächst nicht
       von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. [3][Gegenüber der Lokalzeitung
       az-online heißt es]: „Gleichwohl das Opfer tatsächlich nicht deutscher
       Staatsangehöriger ist, liegen greifbare Anhaltspunkte dafür, dass es sich
       um eine ausländerfeindlich oder religionsfeindlich motivierte Tat handelt,
       zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor“. Ayoub F. kommt aus Algerien. [4][Die
       örtliche AfD spricht von einem „bundesweiten Messertrend“, es wird
       gefordert, die Nationalität und den Namen des Täters öffentlich zu machen]
       – bis herauskommt, dass dieser Deutscher ist.
       
       Was ist eigentlich in Uelzen los? 
       
       Die AfD ist in Uelzen im Stadt- und Kreisrat mit zwei Abgeordneten
       vertreten. In letzter Zeit soll sich die Lage zugespitzt haben: Immer
       häufiger seien eindeutig gekleidete Nazis aufgetaucht, so berichtet es eine
       Person der Antifa, die aufgrund der sich häufenden Bedrohungen anonym
       bleiben will.
       
       Die Person erzählt von 12-Jährigen, die Springerstiefel, weiße Schnürsenkel
       und Bomberjacke tragen. Von Antifaschist*innen, die auf offener Straße
       bedroht werden. Von einem bundesweit vernetzen Kampfsportler, der mit
       Hakenkreuzflagge und Maschinengewehr posiert und Naziaufmärsche
       organisiert. Von Rechtsextremen, die Plätze, an denen linke Kundgebungen
       angemeldet werden, im Vorhinein mit Buttersäure beschmutzen. Und: von der
       Polizei, die häufig keinen Handlungsbedarf sieht.
       
       [5][Olaf Meyer] von der antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen hat schon
       andere Zeiten erlebt. „Da ist man etwas abgeklärter“, sagt er. „Es gibt in
       Uelzen keine organisierte Nazistruktur mehr. Von den rechten Skinheads aus
       den Baseballjahren sind eigentlich nur noch Rechtsrockgruppen übrig
       geblieben. Aber alle paar Jahre ploppen hier junge Nazis auf.“ Ein
       maßgeblicher Kader der jungen Nationalisten soll vor kurzem in [6][die
       Region] gezogen sein, man müsse beobachten, was das mit der rechten Szene
       mache. Die langjährige Erfahrung mache ihn auch misstrauisch gegenüber der
       Polizei: „Sobald die Polizei sagt: da ist nichts, wissen wir: da ist auf
       jeden Fall was.“
       
       In den Sozialen Medien heißt es immer häufiger: Der Mann, der Ayoub
       abgestochen hat, das war ein Nazi. Ein Foto von dem mutmaßlichen Täter geht
       rum, es zeigt ihn beim Hitlergruß. Mehrere Menschen, die antifaschistische
       Recherchearbeit in der Region leisten, sagen gegenüber der taz: Der Täter
       sei ihnen zwar vorher nicht bekannt gewesen, sie gehen jedoch stark davon
       aus, dass er rechtsextrem sei.
       
       Auch bei der Staatsanwaltschaft seien mittlerweile „weitere Hinweise über
       den Beschuldigten eingegangen, die eine fremdenfeindliche Grundhaltung
       seinerseits nahelegen“. Die Ermittlungen dauern noch an. Die neuen Hinweise
       würden auch die Tat im September „in einem anderen Licht erscheinen lassen,
       das entsprechende Verfahren ist aber bereits abgeschlossen, kann aus
       Rechtsgründen auch nicht wiederaufgenommen werden“, so ein Sprecher der
       Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte solle außerdem fachpsychiatrisch
       untersucht werden.
       
       24 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/recht-a-z/323805/opportunitaetsprinzip/
 (DIR) [2] https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/59488/6194081
 (DIR) [3] https://www.az-online.de/uelzen/stadt-uelzen/fussballvereine-im-kreis-uelzen-trauern-um-ayoub-tatwaffe-war-ein-kuechenmesser-94123139.html
 (DIR) [4] https://www.az-online.de/uelzen/stadt-uelzen/kolumne-zum-toedlichen-messerangriff-in-uelzen-facebook-tiktok-und-co-verkommen-zu-asozialen-netzwerken-94127642.html
 (DIR) [5] /Antifa-Sprecher-ueber-Rechte-in-Lueneburg/!6071712
 (DIR) [6] /Mit-Kreuzen-gegen-voelkische-Siedler/!6055544
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amanda Böhm
       
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