# taz.de -- Mimi Ọnụọhas Schau „Soft Zeros“ in Wien: Wenn die Technik verdrängt
> Können Algorithmen das Vergessen historischer Verbrechen korrigieren? Das
> bezweifelt die Künstlerin Mimi Ọnụọha in ihrer Wiener Ausstellung.
(IMG) Bild: „No one told me“ von Mimi Ọnụọha zitiert die Reaktionen zu einem gefundenen Massengrab in Texas, Ausstellungsdetail aus „Soft Zeros“
Wer entscheidet darüber, was erinnert wird – und was verschwindet? Können
Datensätze und Algorithmen jene Lücken schließen, die unser Gedächtnis
hinterlässt, oder reproduzieren sie es nur? In der Wiener Secession gräbt
die US-amerikanisch-nigerianische Künstlerin Mimi Ọnụọha in der Ausstellung
„Soft Zeros“ in den Tiefen des menschlichen wie strukturellen Vergessens.
Und sie fördert dabei die blinden Flecken der Systeme zutage, denen wir
zunehmend die Verwaltung von Geschichte anvertrauen.
Ọnụọhas Kunst ist tragisch und komisch zugleich, zugänglich und präzise,
und sie verweigert sich einer moralischen Eindeutigkeit. Ọnụọha setzt trotz
schwerer Sujets nicht auf Betroffenheit oder Anklage, sondern auf ein
leises, beharrliches Mitdenken. „Soft Zeros“ ist eine Ausstellung, die im
positiven Sinne verunsichert.
Im Zentrum steht die 15-minütige Videoarbeit „Ground Truths“ (2025).
Ọnụọha, Jahrgang 1989, erzählt darin vom sogenannten Convict Leasing, einem
kaum aufgearbeiteten [1][Kapitel US-amerikanischer Geschichte]: Schwarze
Menschen, kriminalisiert und inhaftiert, wurden bis in die 1920er Jahre
hinein systematisch als Zwangsarbeiter*innen ausgebeutet.
In der texanischen Stadt Sugar Land, nahe Ọnụọhas Geburtsort, stieß man bei
Bauarbeiten auf ein Massengrab mit den Überresten von 95 Menschen, die sich
buchstäblich zu Tode arbeiten mussten. Wie konnte diese Form der Gewalt so
restlos aus dem öffentlichen Erinnern der USA verschwinden?
Ọnụọha wird im Film selbst zur Protagonistin, die sich auf die Suche nach
Wahrheit begibt. Um mögliche weitere solcher Gräber in Texas aufzuspüren,
trainiert sie darin auch ein maschinelles Lernmodell. Offen spricht sie
über ihr Nichtwissen, über die mühselige Recherche, über unvollständige
Datensätze, algorithmische Sackgassen und die überwiegend abwehrenden und
ablehnenden Reaktionen auf ihre Nachfragen.
Ihr Film ist ohne Pathos, ohne dramatische Bilder, aber von feiner
Selbstironie. Seine Erzählung entfaltet sich in mehreren Kapiteln;
Aufnahmen von der Künstlerin, wie sie den Wald mit einem Spaten
durchstreift, wechseln sich mit Work-in-Progress-Szenen über die
Entwicklung von Datensätzen ab.
Der Raum, in dem das Video abgespielt wird, ist mit Kunstrasen
ausgekleidet. In dessen Mitte erhebt sich ein menschengroßer Hügel. Er
übersetzt die abstrakten Fragen des Films in eine physisch erfahrbare
Metapher: Erinnerung als etwas, das unter der Oberfläche liegt, überwachsen
und nivelliert ist – und gewaltig präsent.
Schon dieser erste Raum der Ausstellung macht Ọnụọhas Stärke deutlich: ihre
Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in klare, sinnliche Bilder zu überführen.
Leuchtend farbige Absperrbänder markieren durchlässige Grenzen. Auf ihnen
stehen Sätze, die Ọnụọha während ihrer Recherche zu „Ground Truths“ zu
hören bekam: „How could I have known“, oder „But I wasn’t there“.
## Ist etwas nicht geschehen, nur weil es keine Daten gibt?
Dahinter Fotografien. Sie deuten den Tod an, ohne ihn zu zeigen – Bilder
von Händen in der Erde, teils auf dem Boden platziert. Film, Hügel und
Fotos gemeinsam demontieren die trügerische Hoffnung, algorithmische
Systeme könnten das menschliche Vergessen korrigieren. [2][Stattdessen
erweisen sie sich als Spiegel eines Gedächtnisses, das geübt ist zu
verdrängen.]
Der Titel „Soft Zeros“ liefert dafür die begriffliche Klammer. In der
Statistik bezeichnet er Werte, die als Abwesenheit erscheinen, ohne dass
gesichert wäre, dass das Bezeichnete tatsächlich nicht existiert. Ist etwas
nicht geschehen, nur weil es keine Daten dazu gibt? Ọnụọha richtet ihren
Blick auf diese Leerstellen – unbequem und ohne falsche Versöhnung. Sie
verhandelt Geschichte ebenso wie die Mechanismen von Datentransfer und
technologischer Autorität.
Ihre Form von infotainment – irgendwo zwischen Essay und Erzählung – ist
von jener seltenen Qualität, die man sich häufiger wünschen würde. Vor
allem aber hinterlässt „Soft Zeros“ eine Frage: Wie können wir erinnern,
wenn Algorithmen zunehmend darüber entscheiden, was als erinnerbar gilt?
22 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anne Simone Kiesiel
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