# taz.de -- Oscar-Kandidat „Hamnet“: Ein bodenlos scheinender Schmerz
       
       > Mit großer emotionaler Wucht erzählt Chloé Zhaos „Hamnet“ von
       > Shakespeares Ehe und der Trauer um ein Kind. Für die Oscars wird der Film
       > hoch gehandelt.
       
 (IMG) Bild: Für Agnes (Jessie Buckley) kommt in „Hamnet“ das Geschehen auf der Bühne mit ihrem eigenen Leben zusammen
       
       Die ersten Reaktionen auf Social Media hörten sich an wie
       Katastrophenberichte: „Ich war am Boden zerstört“; „… hat mich völlig
       fertig gemacht“. Von Zuschauern wurde erzählt, die wie gelähmt in ihren
       Sitzen verharrten und noch nach den Credits vor sich hin weinten; andere
       mussten angeblich einander an den Händen halten.
       
       Aber es war „nur ein Film“ – im konkreten Fall Chloé Zhaos „Hamnet“, der
       auf den Herbstfilmfestivals von Telluride und Toronto Premiere feierte.
       Nichts gegen [1][die anhaltende Bedeutsamkeit von Shakespeare], aber die
       Aufführungen seiner Stücke rufen heutzutage wohl nur selten solche tiefen
       emotionalen Resonanzen hervor.
       
       Chloé Zhao beginnt ihren Film mit einem schriftlichen Hinweis: Im England
       des 16. Jahrhunderts seien die Namen Hamnet und Hamlet tatsächlich
       austauschbar gewesen. In dieser beiläufig daherkommenden Beobachtung steckt
       der Auftakt eines Gedankenexperiments: Warum hat William Shakespeare,
       dessen einziger Sohn Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren verstarb, seinem
       rund drei Jahre später entstandenen Drama den Titel „Hamlet“ verliehen?
       Kein Künstler, kein Autor würde ein Stück zufällig nach dem eigenen
       gestorbenen Sohn benennen. „Es musste etwas bedeuten“, so formuliert es
       Maggie O’Farrell, die Autorin der Vorlage zu Zhaos Film, im Interview mit
       der New York Times.
       
       ## Zwei Seiten einer Medaille
       
       Dabei ist O’Farrells 2020 erschienener „Hamnet“ kein autobiografischer
       Shakespeare-Roman, der sich auf neue historische Recherchen beruft, sondern
       eine Spekulation über die lange Spur der Trauer um ein Kind und wie sie
       sich in einem Schaffen niederschlägt. Gleichzeitig werden die Namen
       Hamnet/Hamlet eben nicht austauschbar verwendet, sondern als zwei Seiten
       einer Medaille.
       
       Wenn das Stück „Hamlet“ die Shakespeare-Seite ist, die wir alle kennen, so
       erzählt „Hamnet“ von der anderen Seite, der Unterseite, wenn man so will,
       von dem, wo wir nur wenig bis gar nichts wissen, vom Privatleben
       Shakespeares, seiner Ehe, seinen Kindern und vor allem von seiner Frau Anne
       Hathaway, die manchmal auch als Agnes bezeichnet wird. Denn auch Anne und
       Agnes waren seinerzeit noch austauschbar.
       
       ## Menschen in Landschaften
       
       Diese Agnes, gespielt von Jessie Buckley, steht im Zentrum von „Hamnet“.
       Chloé Zhao stellt sie mit der ihr eigenen Sensibilität für Menschen in
       Landschaften – siehe die ungeschminkte Frances McDormand in der
       winterlichen Wüste von [2][„Nomadland“] – als junge Frau mit Verbindung zur
       Natur vor. Mit einem Falken auf dem Arm durchstreift sie den Wald, als wäre
       er ihr ganz persönlicher Garten. Zhao und ihr Kameramann Łukasz Żal filmen
       ihn, als hätte er die Dimensionen eines Dschungels, mit lichter Decke,
       schimmernd-feuchtem Untergrund und vielstimmiger, eigener Geräuschkulisse.
       Agnes scheint vertraut mit allen Zweigen und Nischen, in denen sich ein
       nützliches Kräutlein verbergen könnte.
       
       Auf einem ihrer Wege begegnet sie dem jungen William ([3][Paul Mescal]),
       der noch kein Schriftsteller ist, sondern seinem verbitterten,
       verschuldeten Handschuhmacher-Vater beistehen muss, indem er die Söhne der
       Nachbarn in Latein unterrichtet. Ihr erstes Treffen ist ein echtes
       „meet-cute“ mit artigem Hin und Her von geistreichen Bemerkungen. Im
       Anschluss gibt es ein verstecktes Lächeln auf den Lippen beim
       Auseinandergehen, in dem sich gleichsam die Freude auf die Zukunft zu
       erkennen gibt.
       
       Zweifel und Widerstände werden bezwungen, das junge Paar liebt sich, Agnes
       wird schwanger, es wird geheiratet, auch wenn Shakespeares Eltern mit
       missmutigen Mienen dastehen. Das erste Kind ist eine Tochter, Susanna.
       Agnes hat einen prophetischen Traum, in dem zwei Kinder dereinst an ihrem
       Grab stehen. Aber dann kommt sie bei der nächsten Schwangerschaft mit
       Zwillingen nieder, Hamnet und Judith. Die Tragödie ist angekündigt. Welches
       der drei wird nicht überleben?
       
       Der wenig zu Aberglauben neigende William verlässt irgendwann die
       ländlichen Gefilde und geht nach London. Der Film aber bleibt ganz bei
       Agnes, die ihn dazu aufgefordert hat, um sein Schreiben zu befördern. Wie
       William seine Stimme findet, zum Theater kommt, wird kaum erwähnt und
       schlägt sich nur in wenigen Zitaten nieder, etwa wenn die drei Kinder die
       Auftaktszene aus „Macbeth“ mit den drei Hexen nachspielen: „Wann kommen wir
       drei uns wieder entgegen, / Im Blitz und Donner, oder im Regen?“
       
       Erstaunlicherweise weicht Zhao den sich anbietenden Klischees kaum aus:
       Agnes hegt tatsächlich etwas von der Widersprüchlichkeit einer „suburban
       Housewife“, die die Abwesenheit des Mannes gleichzeitig genießt und
       bemängelt, nicht etwa, weil sie ihren Gatten so vermisst, sondern weil er
       als Vater den Kindern so fehlt.
       
       ## Der untröstliche Zwillingsbruder
       
       Und dann kommt die Pest, zuerst erkrankt Judith, für die man das Schlimmste
       befürchtet. Zwillingsbruder Hamnet ist darüber untröstlich, legt sich zu
       ihr ins Bett – und stirbt quasi an ihrer Stelle. Zum tragischen Höhepunkt
       wird der Moment, an dem William verspätet nach Hause kommt und als Erstes
       erleichtert ist, das Töchterchen wohlauf zu sehen, bevor er begreifen muss,
       was mit Hamnet geschehen ist. Es kommt wie in modernen Beziehungsdramen
       auch: Die Trauer belastet das eheliche Verhältnis ungemein.
       
       Als eines der Motive für ihr Buch benennt O’Farrell die Absicht, Anne
       Hathaway vor den Unterstellungen all der Shakespeare-Forscher zu erretten,
       die in den zurückliegenden 400 Jahren ihre eigene Lieblingsspekulation ohne
       große sachliche Basis entwickelt hatten: nämlich dass William seine Frau
       Anne gehasst habe.
       
       In Zhaos Film wird daraus ein klassischer Emanzipationstopos: Zwar wird
       Agnes nicht wie etwa [4][Glenn Close in „The Wife“] von 2017 als die wahre
       Autorin der Zeilen des großen Mannes enthüllt, aber die Gewichtung des
       Films stellt sie mit ihrer ungezähmten, emotionalen Power doch als
       treibende Kraft heraus. Ihr Einfluss war wichtig, damit der Sohn aus
       strengem Elternhaus den Mut finden konnte, aus den Konventionen
       auszubrechen und nach eigenen Regeln zu schaffen.
       
       ## Fesselnde Darstellung
       
       Jesse Buckley ist [5][großartig in dieser Rolle]. Man kann das anerkennen,
       selbst wenn man den Film als solchen gar nicht so besonders mag. Ihr leicht
       schräges Lächeln, ihre kehlige Aussprache, wie sie ihr Kinn zittern lassen
       kann und den Zuschauer mit der Darstellung eines bodenlos scheinenden
       Schmerzes fesseln kann, ist einmalig. (Der Oscar gilt ihr als sicher).
       Einer solchen Naturgewalt gegenüber muss Paul Mescal als Shakespeare
       notwendig verblassen.
       
       Trotzdem ist es seine im Hintergrund gehaltene Autorschaft, die schließlich
       die Antwort liefern soll auf die Frage danach, was es bedeutet, dass
       Shakespeare seinen „Hamlet“ nach dem verstorbenen Sohn benannte. Wer eine
       intellektuelle Formulierung erwartet, wird enttäuscht: Zhaos Film liefert
       eine rein emotionale Auslegung, das aber mit einer Wucht, die für die
       eingangs geschilderten Reaktionen sorgt.
       
       Agnes verschlägt es zur Premiere nach London. Im Globe Theatre steht sie in
       der ersten Reihe und ist zuerst empört darüber, dass der Name ihres Sohns
       auf der Bühne ausgesprochen wird. Es wirkt so, als habe sie keinen Begriff
       davon, was ein Theaterstück ist und wie es funktioniert, aber sie lässt
       sich mitreißen, staunend, mit offenen Augen und Ohren. Und dann, am Ende,
       streckt sie ihre Hand aus, als wolle sie das von ihrem Mann geschaffene
       Kunstwerk berühren, und mit ihr tun es die anderen Zuschauer. Es wird ein
       derart starker Moment daraus, dass man ihn als große Metapher begreift, für
       das, was Kunst ist und wie sie uns bewegt, auch jenseits dessen, was wir
       verstehen.
       
       20 Jan 2026
       
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