# taz.de -- Hanau-Überlebender stirbt an Spätfolgen: „Ich wünsche mir, dass Menschen einander nicht töten“
       
       > Ibrahim Akkuş ist mit 70 Jahren an den Folgen des rassistischen Anschlags
       > von Hanau gestorben. Er kämpfte gegen Einsamkeit und das Vergessenwerden.
       
 (IMG) Bild: Ibrahim Akkus, fotografiert im Februar 2025. Akkus lebte bis zum Schluss mit seiner Partnerin und seiner Tochter im Hanauer Stadtteil Kesselstadt
       
       „Wissen diese Menschen in Deutschland eigentlich, was ich durchgemacht
       habe?“, fragte Ibrahim Akkuş immer wieder bei fast jedem Treffen. Viele
       wussten tatsächlich nicht einmal, was ihm passiert war. Genau das
       beschäftigte und verletzte ihn am meisten. Ibrahim Akkuş, starb am 10.
       Januar im Alter von 70 Jahren an den Spätfolgen der Verletzungen, die er
       beim rassistischen Anschlag in Hanau erlitten hatte.
       
       Schon lange vor dem Anschlag war sein Leben von rechter Gewalt geprägt. Als
       Kurde hatte er in der Türkei Verfolgung und Faschismus in den Siebzigern
       aus nächster Nähe erlebt. Sein Bruder wurde dort von Rechten ermordet,
       nachdem dessen Asylantrag in Deutschland abgelehnt worden war. Dass die
       Gefährdungslage damals offenbar in Deutschland nicht ernst genommen wurde,
       ließ ihn bis zu seinem Tod nicht los.
       
       Trotzdem suchte er weiter nach Sicherheit in Deutschland, das er einmal als
       ein „Land der Hoffnung“ beschrieb. Dafür arbeitete er jahrelang auf
       Baustellen, von Leipzig bis Nürnberg.
       
       Sein Zuhause fand er schließlich in Hanau-Kesselstadt, wo er bis zu seinem
       Tod mit seiner Partnerin und seiner 19-jährigen Tochter lebte. Am Abend des
       19. Februar 2020 war er nur ein paar Blocks von seiner Wohnung entfernt, in
       der Arena-Bar. Er wollte dort seinen Bekannten Gökhan Gültekin in dessen
       Kiosk treffen, der auch an diesem Abend ermordet wurde. Der rechtsextreme
       Täter schoss in der Arena Bar achtmal auf Ibrahim Akkuş.
       
       ## „Ich kann diesen Tag nicht vergessen“
       
       Trotz seiner lebensgefährlichen Verletzungen konnte er sich bis zu seinem
       Tod sehr genau [1][an diesen Abend erinnern] – an die Schüsse, den Schock,
       die Angst und daran, wie Menschen starben. Nach dem Anschlag lag er
       monatelang im Krankenhaus und musste mehrfach operiert werden. Er bekam
       Beinprothesen und war dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen.
       
       „Ich kann diesen Tag nicht vergessen“, sagte er. Deshalb konnte er nachts
       nur mit Licht schlafen. Manchmal musste er schreien, oft brach er in Tränen
       aus. Er war sehr traurig, aber auch wütend.
       
       Das Gefühl, etwas Ungerechtes erlebt zu haben, ließ ihn in den letzten
       sechs Jahren nicht mehr los. Seine Wut richtete sich dabei nicht nur gegen
       Deutschland oder gegen die Umstände, die ihm dieses Leben aufgezwungen
       hatten, sondern auch gegen die Gesellschaft. Bis zu seinem Tod fühlte er
       sich vergessen und alleingelassen. „Niemand ruft an, niemand fragt nach
       mir, niemand kennt mich“, sagte er 2022. Dabei wollte er eigentlich nicht
       viel: einen Anruf, einen Besuch und „nur ein Zuhause und Geld für Essen“.
       Mehr nicht.
       
       Nach dem Anschlag musste die Familie mehrfach umziehen. Seine Partnerin und
       seine Tochter lebten bis zuletzt in einer nicht barrierefreien Wohnung. Das
       bedeutete, dass sie ihn beispielsweise auf dem Boden waschen mussten. Für
       Ibrahim Akkuş hieß das: kaum rausgehen können, kaum Licht, kaum frische
       Luft. Sein Leben beschrieb er mal als völlig isoliert, ohne Freunde: „Ich
       liege den ganzen Tag auf dem Rücken im Bett.“
       
       ## Die letzten 6 Jahre waren schmerzgeprägt
       
       Für seine Angehörigen bedeutete es permanente Pflege, Überforderung und
       Erschöpfung. Dafür schämte er sich, was aus dem einst „sehr starken Mann“,
       der „sehr offen und freundlich war“, geworden war. „Ich vermisse mein
       früheres Leben. Ich halte das kaum noch aus“, sagte er schon 2022.
       
       Er litt auch darunter, seiner Familie zur Last zu fallen. „Ich habe Angst,
       dass mein Kind und meine Frau mich irgendwann hassen. Sie leiden wegen
       mir“, [2][sagte er 2025]. Zuletzt ging es ihm nicht nur körperlich, sondern
       auch psychisch immer schlechter. So früh von seiner Familie abhängig zu
       sein, ans Bett gefesselt zu leben, ohne Perspektive, das machte ihn kaputt.
       Hinzu kam die Armut, die ihn in den letzten Jahren stark beschäftigte und
       zusätzlich belastete.
       
       Trotz allem sagte er immer wieder: Deutschland sei auch seine Heimat. Er
       wolle das Land nicht schlechtreden. „Die Menschen sind Geschwister. Ich
       wünsche mir, dass Menschen einander nicht töten. Dass es keinen Hass gibt.“
       
       46 Jahre seines Lebens verbrachte Ibrahim Akkuş in Deutschland, wo er sich
       ein Zuhause aufbauen wollte. Die letzten sechs Jahre waren geprägt von
       Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit, Armut und großem Leid – um sich selbst, um
       seine Familie und um seinen 1980 ermordeten Bruder. „Ich bin in meinem
       Leben nur dem Schmerz begegnet“, sagte er. Treffender lässt sich sein
       70-jähriges Leben kaum zusammenfassen. Am Freitag wurde Ibrahim Akkuş auf
       dem Neuen Friedhof in Offenbach beerdigt.
       
       16 Jan 2026
       
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