# taz.de -- Jahrestag des Anschlags von Hanau: Und doch gedeiht Rassismus in Deutschland weiter
> Vor sechs Jahren wurden in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven
> ermordet. An diesem Tag gab es zwei Gruppen – und eine davon ist
> angewachsen.
(IMG) Bild: #saytheirnames: Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin
Ich weiß noch sehr genau, was ich am [1][20. Februar 2020] gemacht habe.
Und mit wem ich zusammen war. Es gibt wenige Tage im Leben, deren Ablauf
einem noch sechs Jahre später präsent ist. Neun Menschen erlebten diesen
20. Februar 2020 nicht, weil sie am Vortag aus rassistischen Motiven
ermordet wurden: Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili
Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat
Gürbüz und Gökhan Gültekin. Für ihre Familien, Freund*innen und die
Überlebenden des Anschlags hat sich alles verändert.
Ich selbst war 500 km entfernt in meiner Berliner Wohnung. Wie meist ging
mein erster Griff zum Telefon, noch bevor ich richtig wach war. Der Hashtag
#Hanau trendete und ich erinnere mich an den Prozess der Verwunderung: dass
das Internet den Namen der sonst medial nicht sonderlich präsenten Stadt
nannte, in der ich aufgewachsen war. Und ich erinnere mich an den Moment,
als ich den Grund verstand: Es hatte einen weiteren rassistischen Anschlag
in Deutschland gegeben. In der Stadt, in der ich aufgewachsen war.
Obwohl ich mir für den Tag vorgenommen hatte, das Haus nicht zu verlassen,
ging ich ins Büro. Ich wusste, dass ich dort – und auch schon auf meinem
Weg durch den Kiez – auf andere treffen würde, die genauso aufgewühlt waren
wie ich. Noch bevor ich ankam, hatte ich zwei weinende Nachbarn umarmt und
eine Freundin eingesammelt, die in ihrer Verzweiflung nicht wusste, wohin
mit sich.
Ich weiß, dass es an diesem Tag zwei Gruppen gab und man den Menschen sehr
schnell angesehen hat, zu welcher sie gehörten: Es gab die Betroffenen und
die Nichtbetroffenen. Das war keine Frage von Herkunft, Hautfarbe oder
sonstigen Identitäten. Es war eine politische Frage. Nie zuvor habe ich so
viele Menschen spontan in Trauer und Verzweiflung zusammenkommen sehen. Und
noch nie habe ich erlebt, dass sich in ganz verschiedenen politischen
Zusammenhängen so schnell organisiert wurde.
## Das Gefühl, dass alles stillsteht
Gegen 10.30 Uhr erfahre ich, dass um 18 Uhr eine Demo stattfinden soll.
Bereits mittags habe ich die ersten Interviews gegeben und Transparente
gemalt. Parallel zu dieser Geschäftigkeit, getrieben von Wut und
Aktionismus – der inneren Unruhe, der sich nicht leicht entkommen lässt –,
gab es die ganz stillen Momente der kollektiven Fassungslosigkeit. Das
Gefühl, dass alles stillsteht. Trauer, Tränen, Umarmungen.
Auf gewisse Weise ist immer noch der Tag danach. Nach Hanau. Jährlich teilt
die [2][Initiative 19. Februar] eine Liste mit Aktionen zum Jahrestag. Und
während es ermutigend ist zu sehen, dass diese Liste immer noch lang ist,
dass wir Hanau nicht vergessen, wächst die Frage was bleibt, außer der
Erinnerung, dem jährlichen Gedenken. Hinterbliebene und
Unterstützer*innen vor Ort kämpfen noch immer um Erinnerung,
Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen. Die mediale Aufmerksamkeit
dafür und das Interesse der Politik ist außerhalb des Februars gering.
Währenddessen gedeiht der Rassismus in Deutschland. Nicht nur am rechten
Rand. Und während rassistisches Reden und Handeln sich immer offener zeigt,
wird der Widerspruch dagegen leiser. Die Gruppe der Nichtbetroffenen
wächst. Eine Gewöhnung und Normalisierung setzt ein, die bedrohlich ist.
Sie kann – und das sollten wir dringend verhindern – [3][zum nächsten
rassistischen Anschlag] führen.
19 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /6-Jahrestag-des-Hanau-Anschlags-Mein-Sohn-ist-tot---und-es-wird-nicht-aufgeklaert/!6155672
(DIR) [2] https://19feb-hanau.org/
(DIR) [3] /Anschlaege-auf-Linke-und-Migranten/!6145195
## AUTOREN
(DIR) Simone Dede Ayivi
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