# taz.de -- To-do-Listen machen glücklich: Streicheinheiten für die Seele
       
       > Unsere Autorin schreibt manchmal Dinge auf, die sie schon erledigt hat –
       > nur, um sie durchzustreichen. Eine Liebeserklärung an To-do-Listen.
       
 (IMG) Bild: Das Auflisten der Dinge ist ein meditatives Ritual
       
       Den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet. Gerade bin ich von
       einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause gekommen, habe die Schuhe von mir
       geworfen und mir ein Feierabendbier geöffnet. Jetzt sitze ich vor meiner
       To-do-Liste und atme aus. „Endlich!“, denke ich.
       
       Ich nehme ein Lineal und spitze meine bunten Stifte sorgfältig an, schlage
       mein Notizbuch auf und beginne wie eine Streberin, die ihre
       Schulhausaufgaben erledigt, triumphierend alles durchzustreichen, was nicht
       mehr in die Kategorie [1][„To do“], sondern bereits zur Kategorie „Done“
       gehört. Und augenblicklich ist die Welt in Ordnung.
       
       Schon tagsüber, während ich produktiv bin, freue ich mich, weil ich später
       vieles aus meiner Liste durchstreichen darf. Kein Häkchen, kein „Check“,
       sondern die Wörter sauber in der Mitte zu durchqueren, wie mit einem
       präzisen Schwertstreich. Ich möchte weiterhin erkennen können, was ich zu
       tun hatte und sehen, dass es bereits getan ist.
       
       Frühmorgens, frisch geduscht, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand
       und meinem Lieblingsmüsli auf dem Tisch, erstelle ich eine neue Liste,
       bevor ich mit der tatsächlichen Arbeit beginne. Mein erster Lieblingsmoment
       des Tages.
       
       Das Auflisten der Dinge, die ich zu erledigen habe, nehme ich nicht als
       lästige Erinnerung an meine Pflichten wahr, sondern als meditatives Ritual.
       Und als eine Art „Guilty Pleasure“. [2][Während andere länger als geplant
       durch TikTok- oder Instagram-Videos swipen], widme ich mich meinen Listen.
       
       Ich erstelle, datiere, sortiere sie neu. Manchmal muss ich einen Teil der
       Punkte in eine neue Liste übertragen. Abends dann der Höhepunkt:
       durchstreichen. Ha! Das liebe ich so sehr, dass ich manchmal sogar etwas
       auf eine Liste setze, das längst getan ist, nur um mit dem Stift über die
       Zeile hin und her zu fahren. Oder etwas, das ich ohnehin tun werde.
       „Duschen“, zum Beispiel.
       
       Ich weiß von Freund*innen, die ihre Listen thematisch ordnen, nach mehr und
       weniger unangenehmen Aufgaben trennen, oder sie in privat und beruflich
       aufteilen. Bei mir geht alles wild durcheinander: existenzielle Fragen und
       banale Hausarbeit, Arztbesuche, Geburtstagskinder.
       
       Ganz unabhängig vom Inhalt geben mir meine Listen das Gefühl, nicht nur
       meine Verpflichtungen, sondern auch meine Gedanken organisieren zu können –
       und damit mein Leben. Das bedeutet, Kontrolle zu haben, ergo erwachsen zu
       sein. Vielleicht brauchen Kinder deshalb keine To-do-Listen?
       
       ## To-do-Listen reduzieren Stress
       
       Wie genau man diese gedankliche Organisation betreibt, ist natürlich
       individuell. Manche Menschen nutzen dafür ein Programm oder einen digitalen
       Planer. Andere löschen ihre alten Listen oder werfen sie in die Mülltonne.
       Für mich muss eine Liste auf Papier stehen und da bleiben, wo sie war,
       nämlich im Notizbuch. So kann ich bei Bedarf nach hinten blättern und mir
       selbst auf die Schulter klopfen: Was mir zuvor unmöglich vorkam, war es
       dann doch nicht.
       
       [3][Psycholog*innen sagen], dass wir uns Dinge besser merken und sie
       strukturieren können, wenn wir sie aufschreiben, statt sie nur im
       Gedächtnis zu behalten. Das entlastet unser Gehirn und reduziert Stress,
       weil wir die Gedanken auslagern. Wenn wir etwas von einer Liste
       durchstreichen, versteht unser Gehirn: Das ist getan! Und weil wir
       Fortschritte lieben, schüttet jedes Durchstreichen eine Minidosis Dopamin
       aus.
       
       Doch auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als seien To-do-Listen
       dazu da, so schnell wie möglich zu verschwinden – im Stil von
       Agentenfilmen: „Diese Liste wird sich in fünf Tagen selbst zerstören“ –,
       ist die Wahrheit eine andere. To-do-Listen sind eine fortwährende
       Tätigkeit. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ein
       Möbiusband, ein Sisyphos. Sobald das Ende in Sichtweite ist, beginnt alles
       wieder von vorn. Es gibt ja immer etwas zu tun.
       
       „Nothing is harder to do than nothing“ lautet der erste Satz des
       Bestsellers „How to Do Nothing“ von Jenny Odell. Ob die US-amerikanische
       Autorin recht hat, weiß ich nicht, ich habe das Buch noch nicht gelesen.
       Aber es steht auf meiner To-do-Liste, irgendwo zwischen „AOK anrufen“, „N.
       Kino?“ und „Text über To-do-Listen fertigschreiben“.
       
       Ich nehme voller Freude einen angespitzten roten Stift und streiche den
       letzten Punkt durch.
       
       18 Feb 2026
       
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