# taz.de -- David Lynch als bildender Künstler: Ein Visionär des Unheimlichen
       
       > David Lynch war auch bildender Künstler. Das wurde von seinem Ruhm als
       > Filmregisseur überstrahlt. Nach seinem Tod könnte sich das ändern.
       
 (IMG) Bild: Fotografierte auch sich selbst: David Lynch, „Ohne Titel (Berlin 5364: 21)“, 1999
       
       Es ist nicht sehr laut, nicht einmal besonders enervierend, aber an gefühlt
       jedem Ort in der Ausstellung wahrnehmbar: ein in Dauerschleife wiederholtes
       Sirenengeheul, das sich durch den Gehörgang im Hirn einnistet als Zeichen
       unablässiger Beunruhigung. Die Quelle dieser permanenten akustischen
       Penetration findet sich gleich am Eingang zur Prager
       David-Lynch-Ausstellung „Up in Flames“. Hier ist „Six Men Getting Sick“
       installiert, Lynchs erstes Filmexperiment, das 1967 entstand.
       
       Damals, als der Künstler ein junger Mann war und an der Pennsylvania
       Academy of the Fine Arts studierte, entwickelte er das dringende Bedürfnis,
       Bilder in Bewegung zu bringen; und so ist „Six Men Getting Sick“ genau
       genommen ein animiertes Gemälde. Menschliche Organe und Gesichter in
       unterschiedlichen Stadien der Verwüstung und schmerzhaften Verzerrung sind
       darauf zu erkennen.
       
       Damit ist in dieser Installation neben dem Grundimpuls, Kunst zu bewegen,
       ein weiteres Kernelement des Lynch’schen Schaffens schon zentral enthalten:
       der menschliche Körper/Organismus, seine Fragilität und Zerstörbarkeit –
       und auch die widersprüchliche, um nicht zu sagen perverse Lust an jenem
       Ekel, der von Vorgängen des Verfalls ausgelöst werden kann.
       
       „Up in Flames“ umfasst mehr als vierhundert Exponate und füllt die
       Ausstellungsräume im Erdgeschoss des DOX aus, des großen Museums für
       zeitgenössische Kunst, das 2008 im Prager Stadtteil Holešovice eröffnet
       wurde. Vom Frühwerk bis zu David Lynchs letzten Jahrzehnten deckt die Schau
       alle Phasen seines Schaffens ab, dabei inhaltlich einen klaren Schwerpunkt
       setzend: „Wir hatten von Anfang an vorgehabt, uns auf Arbeiten auf Papier
       zu konzentrieren“, erklärt Kurator Otto M. Urban.
       
       ## Bruder Kafka
       
       „Aquarelle, Zeichnungen, Lithografien, Fotografien. Auch die Kurzfilme, die
       wir in der Ausstellung zeigen, basieren fast alle auf Zeichnungen.“ Mit
       diesem Konzept sei es letztlich gelungen, auch David Lynch von dem
       Ausstellungsprojekt zu überzeugen. Den Ausschlag habe gegeben, dass Lynch
       sehr angetan gewesen sei vom Katalog zur Ausstellung „Kafkaesque“ über
       Franz Kafkas Einfluss auf die bildende Kunst, die 2024 vom DOX ausgerichtet
       wurde. Darin wurden auch ein paar Lynch-Lithografien gezeigt.
       
       Kafka sei für ihn „the one artist I feel could be my brother“, hatte Lynch
       einmal in einem Interview erklärt, sich damit ganz selbstverständlich als
       ebenbürtig neben dem Schriftsteller platzierend. 2024, [1][hundert Jahre
       nach Franz Kafkas Tod], war David Lynch schon sehr krank – [2][er starb am
       16. Januar 2025, wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag]. Dennoch war für
       das Prager Team auf einmal alles möglich, nachdem es, wie Otto M. Urban
       erzählt, vorher Jahre gedauert habe, den Kontakt zum Künstler überhaupt
       herzustellen.
       
       Aber dann habe er doch noch im September 2024 Lynch in seinem Atelier in
       Los Angeles besuchen und mit diesem persönlich über Einzelheiten der
       geplanten Ausstellung sprechen können. „Er hat uns völlig freie Hand
       gegeben. Aber eines, das war ihm wichtig, wollte er auf gar keinen Fall:
       dass wir in der Ausstellung Ausschnitte aus seinen großen Kinofilmen
       zeigen.“ Das hatten sie ohnehin nie vorgehabt.
       
       Tatsächlich ist in einer Hinsicht kaum ein größerer Kontrast zwischen den
       Bildwelten, die sich aus Lynchs Spielfilmen eingeprägt haben, und den im
       DOX präsentierten Arbeiten denkbar: So expressiv, ja plakativ er in vielen
       seiner Filme Farbe einsetzte, so radikal konnte er sein beim bewussten
       Verzicht auf Farbigkeit. In seinen kleinen Arbeiten auf Papier ist beinahe
       ausschließlich Schwarz vorherrschend.
       
       ## Die verschiedenen Tiefen von Schwärze
       
       Wie bewusst er früh die grafischen Möglichkeiten und verschiedenen Tiefen
       von Schwärze auslotete, ist etwa in der Zeichnung „Crucifixion“ von 1973
       erkennbar, in der eine gewaltige Menge an Tinte dafür aufgewendet wurde,
       unterschiedlich strukturierte schwarze Flächen herzustellen.
       
       Daneben wird eine Wand im Ausstellungssaal eingenommen von kleinformatigen,
       schwarz-weißen Aquarellen, auf denen scheinbar abstrakte Formen zu sehen
       sind, die aber unabweisbar an Wunden auf Menschenhaut erinnern, an
       Aufplatzungen, Kratzer, krude Tätowierungen. Oft ist der papierene
       Bildträger tatsächlich verwundet, trägt sichtbare Einritzungen.
       
       Das Ganze ist von sehr eigentümlicher Schönheit. Der menschliche Körper in
       seinen Einzelteilen zieht sich als Grundthema durch Lynchs Kunst. Köpfe
       tauchen in immer neuen Varianten auf; niemals vollständig oder unversehrt,
       sondern hier radikal reduziert, dort halb verwest, und oft nur erkennbar
       anhand vager äußerer Umrisse. Ekel-Lust-Höhepunkt in diesem Zusammenhang
       ist die filmische Installation „Ant Head“, worin Ameisen, akustisch
       untermalt mit einem energetischen Schlagzeugsolo, emsig durch eine stark
       deformierte Kopfskulptur wuseln, die alle Anzeichen fortgeschrittener
       Verwesung trägt.
       
       ## Er verfremdet das Schöne
       
       Lynch geht auch oft, vor allem in fotografischen Arbeiten, den umgekehrten
       Weg, ästhetisiert nicht das Versehrte, sondern verfremdet das Schöne oder
       Begehrenswerte ins Unheimliche. Weibliche Körper stellt er nicht als
       vollständige Akte dar, sondern zerlegte sie in hochgradig künstlich
       ausgeleuchtete Körperschnipsel, ausgestellt auf einschüchternd
       großformatigen Bildern.
       
       In einem Interieur scheint ein Zeppelin durchs Zimmer zu schweben –
       vielleicht ist es derselbe, der im Kurzfilm „The Bug Crawls“ unbeteiligt in
       der Ferne seinen Weg über den Horizont nimmt, während ein gigantischer
       Käfer über ein Haus krabbelt, in dem es brennt. Bruder Kafka ist oft nicht
       weit.
       
       David Lynch mag zwar gestorben sein, aber seine Kunst wirkt noch sehr
       lebendig – und ist, wie es scheint, nun erst recht auf internationaler
       Bühne unterwegs. In den letzten Jahrzehnten arbeitete Lynch immer wieder
       mit Lithografien und vertraute in diesem Bereich vollständig auf die
       Expertise des Pariser Studios Idem Éditions, das noch mit Maschinen aus dem
       19. Jahrhundert arbeitet (er drehte auch einen kurzen [3][Dokumentarfilm
       darüber, der auf Youtube abrufbar ist]). Sehr viele Lynch-Lithografien
       entstanden in Paris; etliche Serien daraus sind jetzt in Prag ausgestellt.
       
       Und es wird wohl noch mehr Kunst von David Lynch zu sehen geben. Derzeit
       bereitet die New Yorker Pace Gallery, die sein bildnerisches Werk vertritt,
       zwei Ausstellungen vor: In der Berliner Dependance von Pace werden bald
       Skulpturen und Bilder des Multikünstlers zu sehen sein, darunter einige
       Berlin-Fotografien. Die Galerie bereitet für diesen Herbst auch eine große
       Ausstellung in Lynchs Heimatstadt Los Angeles vor.
       
       ## Beliebt bei internationalen Sammlern
       
       Kunstwerke von David Lynch seien bei internationalen Sammlern sehr gefragt,
       bekundet Pace. Zu welchem Preis seine Ölmalereien, Lithografien oder
       Aquarelle verkauft werden, will die Blue-Chip-Galerie, die zu den größeren
       Playern auf dem Kunstmarkt gehört, auf taz-Nachfrage allerdings nicht
       offenlegen.
       
       Im Prager DOX lässt sich das surreale Ausstellungserlebnis stilecht
       abschließen mit dem Besuch des real existierenden hauseigenen Zeppelins:
       eines hölzernen, filigran wirkenden Solitärs, den der tschechische
       Architekt Martin Rajniš 2016 als zusätzlichen Veranstaltungsort über das
       DOX bauen ließ und der nun dort hoch oben, scheinbar schief über dem Haus
       schwebend, visuell einen poetischen Kontrapunkt zur modernistischen
       Betonsachlichkeit des Hauptgebäudes setzt.
       
       Die Tür dieses „Gulliver Airship“ ist stets offen, das Innere zugänglich,
       aber bewacht. Ein junger Mann sitzt neben dem Eingang in luftiger Höhe und
       scheint sich über jede Person zu freuen, die den Kopf hereinsteckt. Der
       Innenraum des Luftschiffs ist terrassenartig in mehrere ebene Flächen
       gegliedert worden, auf denen man sitzen oder sich bewegen kann – wenngleich
       Letzteres am besten behutsam, denn es scheint, als falle man etwas nach
       vorn, wenn man auf den hölzernen Bodenplanken steht. Kommt dieses leichte
       Schwindelgefühl etwa von einer Überdosis lynchesker Bilderwelten? Aber
       nein, erklärt der junge Mann beruhigend, das sei keine Sinnestäuschung. Der
       Boden falle wirklich etwas ab.
       
       15 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /100-Todestag-Franz-Kafka/!6013202
 (DIR) [2] /Nachruf-auf-Regisseur-David-Lynch/!6062889
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=V_VKCjeMzhg
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
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