# taz.de -- Massenproteste in Iran: Fragen und Antworten zur Internet-Sperre
> In Iran sollen tausende Menschen getötet worden sein. Seit Donnerstag ist
> das Netz dort blockiert. Was bedeutet der Internet-Blackout für die
> Menschen?
(IMG) Bild: Vom Total-Blackout betroffen: Handy-Bildschirm, auf dem ein iranischer VPN-Dienst erscheint
Im Zuge der aktuellen Massenproteste gegen das iranische Regime mehren sich
die Berichte über massenhafte Tötungen von Regimegegner*innen. Am Montag
[1][berichtet der Exil-Sender Iran International gar von einem Massaker an
mindestens 12.000 Menschen]. Die meisten Menschen sollen dabei am
vergangenen Donnerstag und Freitag ermordet worden sein.
Ebenfalls seit Donnerstag erlebt Iran eine vollkommene technische
Kommunikationssperre. Es ist nicht das erste Mal, dass in Iran Massenmorde
von Internetabschaltungen und Informationszensur flankiert werden. Das
Regime versucht damit, seine Verbrechen zu verschleiern und die
Organisation von Protesten zu erschweren.
Die aktuelle Kommunikationssperre ist die umfassendste, die Iran je gesehen
hat. Die taz hat mit Exil-Iraner*innen und IT-Expert*innen über den
aktuellen Stand, technische Hintergründe und Gegenstrategien gesprochen.
Was ist der Stand bei der Sperre des Internets in Iran?
Das Land erlebt seit dem Abend des 8. Januars eine landesweite Abschaltung
des Internets. Weder können Internetseiten angesteuert werden noch
Messengerdienste genutzt oder Telefonate geführt werden – weder über
Mobiltelefonie und noch über Festnetz. So umfassend kam eine
Kommunikationsblockade in Iran noch nicht vor.
Ein exil-iranischer Aktivist berichtete der taz: „Ich mache mir jeden Tag
große Sorgen. Meine Familie ist noch in Iran und ich habe seit dem 8.
Januar keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich erreiche sie nicht per Telefon,
erhalte keine Nachrichten, nichts.“ Im ganzen Land herrsche derzeit eine
totale Informationssperre.
Laut [2][dem „Internet Outage Detection and Analysis“-Dienst] des Georgia
Institute of Technology in den USA sind die Internetverbindungen im
niedrigen einstelligen Bereich des Normalwerts. Nur ein Prozent der
IP-Adressen, die international erfasst werden, funktionieren. Laut dem
IT-Experten Alp Toker, Gründer der Plattform [3][NetBlocks], die weltweit
Internetblockaden untersucht, ist die wenige verbleibende Kommunikation für
die Regimepropaganda reserviert, die sehr gezielt zugelassen wird.
Kam eine solche Internetsperre schon mal vor?
Bereits bei den Protesten 2017 und 2018 blockierte das Regime in Iran
gezielt bestimmte Messengerdienste wie Telegram und störte regional den
Mobilfunk. Bei der Revolte im Jahr 2019 wurde das Internet für insgesamt
zwölf Tage abgeschaltet und zensiert. Bereits 2019 nutzte das Regime die
[4][Kommunikationssperre für Hunderte Morde an Regimegegner*innen.] Auch
2022 sowie während des Israel-Iran-Krieges im Juni 2025 schaltete das
Mullah-Regime das Internet teilweise und regional aus.
Funktionieren Telefongespräche in Iran?
Betroffen von der aktuellen Kommunikationssperre in Iran sind nicht nur
Internetverbindungen, sondern auch Telefongespräche über Mobiltelefone und
Festnetzleitungen.
Seit Montagmorgen gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass manche
Festnetz-Gespräche von Iran nach außen wieder funktionieren. Der IT-Experte
Toker warnt allerdings, dass diese sehr wenigen Gespräche vom Regime streng
überwacht werden. Eine offene Kommunikation ist darüber nicht möglich. Das
erschwert es auch Journalist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen,
sich gegenseitig über das Ausmaß der Repression und der Gewalt des Regimes
zu informieren.
Wie ist es für das iranische Regime technisch möglich, die komplette
Kommunikation nach außen abzuschalten?
Die digitale Infrastruktur in Iran ist besonders gut kontrollierbar. Es
[5][existiert nur eine einstellige Anzahl an Verbindungen aus dem Land
heraus ins weltweite Internet]. Diese Schnittstellen, aber auch der Rest
der Internet-Infrastruktur, ist zentralisiert und wird durch das Regime
kontrolliert.
In Deutschland beispielsweise ließe sich eine solche vollkommene
Internetblockade dagegen kaum realisieren. Hierfür existieren zu viele
einzelne „Brückenköpfe“ ins weltweite Internet.
Funktioniert das „nationale“ Internet im Inneren von Iran?
Nein. Auch innerhalb des Iran soll die Internetkommunikation unmöglich
sein.
Eigentlich hatte das Regime das sogenannte „Nationale Informationsnetzwerk“
(kurz NIN) ab 2013 genau dafür entwickelt: Durch dieses landeseigene
Netzwerk sollten Bankingdienste, Gesundheitsportale und
Regierungskommunikation auf iranischen Servern gehostet sein. Sie sollten
somit auch abrufbar sein, wenn die Internetkommunikation nach außen
abgeschnitten wird. So sollten unter anderem die Kosten eines kompletten
Blackouts für das Regime vergleichsweise gering gehalten werden. Mehr als
sechs Milliarden Dollar hat die Regierung in das NIN investiert.
Wie Recherchen von taz, Netzpolitik und Correctiv im Jahr 2022 aufdeckten,
[6][war an diesem iranischen Zensurprojekt auch eine deutsche Tarnfirma des
iranischen Unternehmens Arvancloud beteiligt.]
Wie kommuniziert das Regime?
Einer der wenigen, der von der Internet-Sperre nicht betroffen ist, ist
wohl Ajatollah Ali Chamenei. Auf der Social-Media-Plattform X postet er –
oder zumindest das Social-Media-Team des 86-jährigen obersten Führers –
weiterhin Propaganda im Sinne des Regimes: Er teilt gegen die USA aus,
stellt die Proteste als fremdgesteuert dar und lobt Videos patriotischer
Gegenproteste im Land.
Es scheint, als ließen die Zensoren des Regimes sehr gezielt einzelne
Kommunikation zu – jene ein Prozent an Verbindungen, die sich noch
beobachten lassen. Amin Sabeti, exiliranischer IT-Experte und Gründer der
[7][Organisation Certfa], die sich auf Cybersicherheit im Zusammenhang mit
dem Iran spezialisiert hat, erklärt das mit einer Art „Whitelisting“, also
einer umgedrehten Zensur. Dabei werden alle Verbindungen gekappt – bis auf
wenige einzelne, die gezielt zugelassen werden. Auch Regime-Institutionen
mit einer festen, identifizierbaren Internetadresse kann so die
Kommunikation weiterhin möglich sein.
Lässt sich beziffern, was der Shutdown für Iran kostet?
Vor ein paar Jahren bezifferte die iranische Handelskammer die Kosten einer
kompletten Abschaltung des Internets für die iranische Wirtschaft mit etwa
1,5 Millionen Euro pro Stunde. Der Monitoringdienst [8][NetBlocks] rechnet
für Iran mit Kosten von etwa 31 Millionen Euro pro Tag.
Wie gelangen Informationen überhaupt noch nach draußen?
Eine der wenigen Möglichkeiten, Informationen auf digitalem Weg aus Iran
nach außen dringen zu lassen, ist die Kommunikation über Satelliten. Die
günstigste Variante dabei ist das „Starlink“-System des US-Milliardärs Elon
Musk. Wie das Fachportal [9][Netzpolitik.org] und auch [10][etwa der
britische Independent] berichten, soll es mehrere Zehntausend
„Starlink“-Geräte in Iran geben.
Iranische Internetaktivisten [11][berichteten in der Nacht zu Dienstag,
dass es aktuell möglich sei, Starlink-Geräte in Iran mit einem kostenlosen
Abonnement zu aktivieren] und zu betreiben. Der IT-Experte Sabeti
bestätigte der taz, dass dies seit Montag möglich sei.
„Ich habe es geschafft, für ein paar Minuten eine Verbindung herzustellen,
nur um zu sagen, dass es hier ein Blutbad gibt“, berichtete etwa Saeed, ein
Geschäftsmann aus Teheran, [12][der New York Times].
Die Satelliten-Geräte wurden wohl unter anderem von Aktivist*innen ins
Land geschmuggelt. „Sie helfen Menschen dabei, Informationen in völliger
Dunkelheit zu versenden, wenn diese aufgrund der Abschaltung des Internets
in der Steinzeit leben“, sagt Sabeti. Wer damit erwischt werde, müsse damit
rechnen, wie ein ausländischer Spion behandelt zu werden. Es drohe die
Todesstrafe.
Was unternimmt das Regime gegen Starlink-Sender?
Selbst gegen diese Art der Satelliten-Kommunikation scheint sich das
islamistische Regime mittlerweile gewappnet zu haben. So berichtet das
[13][Exil-Medium Iran Wire] unter Berufung auf den Cybersicherheit-Experten
Amir Rashidi, dass auch Starlink-Verbindungen mittlerweile gestört würden.
Seit Donnerstagabend werde rund 80 Prozent der Starlink-Kommunikation
blockiert. Dies betrifft anscheinend vor allem die Städte. Das Regime
scheint mit militärischen Störsendern dagegen vorzugehen, die im Land
verteilt sind und aus China oder Russland stammen könnten.
Exil-Iranische Aktivist*innen berichteten der taz zudem, dass die
Sicherheitskräfte des Regimes in einigen Gebieten auf die Dächer von
Gebäuden und in die Häuser zu eindrängen, um nach Starlink-Terminalantennen
zu suchen.
Was könnte man von außen tun, um Menschen bei der Kommunikation zu helfen?
Individuell kann man den Menschen in Iran in der aktuellen Situation
zumindest technisch kaum helfen. Bei früheren Versuchen des Regimes, das
Internet zu zensieren, war es möglich, die Kommunikation über sogenannten
Proxy-Server umzuleiten und VPN-Tunnel zu nutzen, wobei die Kommunikation
selbst verschlüsselt werden kann. Auch die TOR-Technologie hilft dabei,
anonym zu surfen. Wer über einen TOR-Browser surft, wird bei dem Zugriffe
auf eine Webseite über verschiedene Zwischenstationen geleitet werden, um
die Herkunft zu verschleiern.
Aber all diese genannten Gegenmaßnahmen und technischen Umwege helfen in
der aktuellen Situation einer vollkommenen Kommunikationssperre nicht
weiter. Denn derzeit sind die Verbindungen ins weltweite Internet aus Iran
schlicht komplett abgeschaltet. Wo kein digitaler Verkehr fließt, kann man
sich auch nicht als jemand anderes tarnen.
Eine der wenigen effektiven technischen Maßnahme gegen die aktuelle
Kommunikationssperre wäre es, mehr Satelliten-Technologie wie Starlink ins
Land zu schmuggeln.
Was kann ich als Einzelne*r tun?
Das Regime in Iran wird diese Art der vollkommenen Internetsperre nicht für
immer aufrechterhalten können. Wer mit den Protestierenden in Iran auf
technischem Weg von Deutschland aus solidarisch sein will, kann sich
bereits jetzt beispielsweise am TOR-Projekt beteiligen.
Die einfachste Möglichkeit dazu ist es, die [14][Browser-Erweiterung
„Snowflake]“ zu installieren. Damit stellt man dezentral einen Teil der
eigenen Internetbandbreite zur Verfügung und hilft jetzt schon Menschen,
die anonym über einen TOR-Browser surfen wollen, weil man das Netz
erweitert, über das die Kommunikation verschleiert wird. Sobald in Iran
wieder Verbindungen ins Ausland möglich sind, werden Menschen einen großen
Bedarf haben, etwas sicherer zu kommunizieren. Darauf sollten sich auch
kommerzielle Anbieter von VPN-Diensten einstellen.
13 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.iranintl.com/202601135717
(DIR) [2] https://ioda.inetintel.cc.gatech.edu/country/IR?from=1767273440&until=1768310240&view=view1
(DIR) [3] http://netblocks.org/
(DIR) [4] https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/iran-behoerden-schalteten-internet-ab-um-massentoetungen-zu-vertuschen
(DIR) [5] https://netzpolitik.org/2022/meerbusch-iran-connection-deutsche-firma-in-aufbau-des-abgeschotteten-internets-im-iran-verstrickt/
(DIR) [6] /Iranische-Tarnfirmen-in-Deutschland/!5885984
(DIR) [7] https://certfa.com/
(DIR) [8] https://netblocks.org/cost/
(DIR) [9] http://netzpolitik.org/
(DIR) [10] https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/iran-protests-internet-blackout-starlink-elon-musk-b2898840.html
(DIR) [11] https://x.com/TooshehSTAR/status/2011234723704815893
(DIR) [12] https://www.nytimes.com/2026/01/13/world/middleeast/iran-protester-deaths.html
(DIR) [13] https://iranwire.com/en/features/147476-why-theres-no-starlink-access-during-nationwide-shutdown-in-iran/
(DIR) [14] https://snowflake.torproject.org/de/
## AUTOREN
(DIR) Jean-Philipp Baeck
(DIR) Nicholas Potter
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