# taz.de -- Europa-League-Match mit Team aus Israel: Von erdrückender Schwere
       
       > Rund um das Fußballspiel zwischen dem SC Freiburg und Maccabi Tel Aviv
       > wird über Völkermord, Antisemitismus und Israelhass gesprochen. Was ist
       > da los?
       
 (IMG) Bild: Ausnahmezustand in Freiburg: fast überall Polizeipräsenz beim Spiel gegen Maccabi Tel Aviv
       
       Es hat ein wenig gedauert. Aber gut drei Stunden vor Spielbeginn löst sich
       die leicht angespannte Stimmung im „Jaffa“ mithilfe von Musik. Die Anlage
       im israelischen Restaurant wird aufgedreht. Zu traditionellen Klängen wird
       um die Tische getanzt. Mittendrin hat sich Lokalbesitzer Billal Aloge
       eingereiht, ein Muslim, kurdischer Syrer, der mit der Eröffnung des „Jaffa“
       Anfang 2025 der jüdischen Community in Freiburg einen Ort der Begegnung
       geschaffen hat. Doch dazu später mehr.
       
       Vor der Fußballpartie zwischen dem SC Freiburg und Maccabi Tel Aviv soll
       das „Jaffa“ auch Anlaufstelle für die Fans aus Israel sein. Freibier steht
       für sie bereit, und 1.000 israelische Fahnen hat Billal Aloge organisiert.
       Es überwiegen die Stammgäste, aus Israel sind unter den Tanzenden nur
       wenige, für den Gästebereich im Stadion wurden [1][eh nur knapp 100 Tickets
       verkauft.]
       
       Draußen rund um das Lokal wacht die Polizei mit einem massiven Aufgebot.
       Knapp zehn Einsatzwagen und ein paar Motorräder sind zu sehen. Unbekannte
       Besucher müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen. „Es gibt schon
       auch eine Angst“, sagt Aloge. In den Tagen vor dem Fußballspiel, berichtet
       er, habe er wieder vermehrt antisemitische Aufkleber abkratzen müssen.
       
       An einem anderen Ort früherer jüdischer Begegnung in Freiburg, am Platz der
       Alten Synagoge, demonstrieren nach Polizeiangaben fast zeitgleich 650
       Menschen gegen diese Partie und unter anderem für den Ausschluss des
       israelischen Sports in Europa. Und sie beklagen, [2][ein Genozid in Gaza
       würde normalisiert werden.]
       
       ## Spielergebnis nur eine Randnotiz
       
       Die Themen, die schon seit Monaten vor der Fußballpartie zwischen dem SC
       Freiburg und Maccabi Tel Aviv in der Stadt verhandelt werden, sind von
       erdrückender Schwere. Es geht nicht um Aufstellungen und Taktikfragen,
       sondern um Völkerrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, um
       Israelhass und Antisemitismus. In dieser Gemengelage scheint dann auch der
       1:0-Erfolg des SC Freiburg am Donnerstagabend nicht mehr als eine Randnotiz
       zu sein.
       
       Der Ton der Debatte ist schon Mitte November [3][mit einer Internetpetition
       von dem Freiburger Bündnis „Solidarität für Palästina“ gesetzt.] Die drei
       Hauptforderungen: Ausschluss der Maccabi-Fans vom Spiel in Freiburg,
       Ausschluss von Israel aus dem europäischen Fußball, Ticketeinnahmen des SC
       Freiburg sollen nach dem Vorbild des norwegischen Fußballverbands
       palästinensischen Opfern in Gaza zugutekommen.
       
       Sowohl die Stadt Freiburg als auch der SC Freiburg distanzieren sich in
       Stellungnahmen klar von diesem Ansinnen. Das Gespräch mit der Stadt und dem
       Verein habe man deshalb erst gar nicht gesucht, sagen die drei Vertreter
       des Bündnisses. Die Differenzen scheinen unüberbrückbar. Treffpunkt ist
       zwei Tage vor dem Spiel eine Eckkneipe nahe der Uni mit dunklem Interieur.
       
       Zwei Frauen und ein Mann sind gekommen, die möglichst wenig Persönliches
       preisgeben wollen – um etwa mögliche künftige berufliche Nachteile zu
       vermeiden. Lediglich Vornamen, von denen auch nicht alle richtig sind. Grob
       geschätzt sind sie um die 30 Jahre alt. Eine promoviert, einer arbeitet,
       eine will dazu nichts sagen. Sarah, Annie und Avram nennen sie sich. Es
       soll sowieso ausschließlich „um die Sache gehen“. Avram ist jüdischer
       Israeli, trägt einen SC-Freiburg-Schal, und verwahrt sich am offensivsten
       gegen den Antisemitismusvorwurf, den sich die Gruppe wegen ihrer
       Ausschlusswünsche eingehandelt hat. „Die Tendenz, israelkritische Meinungen
       als antisemitisch zu framen, weisen wir entschieden zurück. Der israelische
       Staat versucht, jüdisches Leben mit sich gleichzusetzen.“
       
       ## In Haftung für ihre Regierung?
       
       Dem Vorwurf, zu pauschalisieren und mit [4][den Boykottforderungen]
       wiederum alle Maccabi-Fans für die israelische Regierungspolitik in Haftung
       zu nehmen, sieht sich Avram indes ebenso ausgesetzt. Bilden die
       Maccabi-Fans nicht das ganze Spektrum der israelischen Gesellschaft ab,
       gibt es unter ihnen nicht explizite Gegner von Ministerpräsident Netanjahu?
       „Es geht um mehr als Netanjahu. Es geht um Völkermord im Gaza. Auch die
       israelische Linke denkt, dass das Militär im Gaza einen guten Job gemacht
       hat. Fast keiner sagt, ich gehe nicht in die Armee“, antwortet Avram.
       
       Es sei gängige Praxis im Sport, Verletzung von internationalem Recht zu
       sanktionieren, behauptet Sarah. Gegenbeispiele weist sie als Whataboutism
       zurück. Für Avram ist nicht die Frage relevant, warum der Krieg im Gaza
       größere Aufmerksamkeit bekommt als andere kriegerische Konflikte. Er
       fordert: „Wir sollten das Thema Israel nicht vermeiden.“ Annie ergänzt:
       „Wir wollen das verschiedene Leid nicht gegenseitig ausspielen.“
       
       Das „Bündnis Solidarität mit Palästina“ leistet auch praktische Arbeit vor
       Ort. Weil in Amsterdam beim Gastspiel von Maccabi Tel Aviv deren
       rechtsextreme Fans arabisch gelesene Läden attackiert hätten, habe man in
       entsprechenden Freiburger Geschäften Kärtchen mit Telefonnummern für eine
       Rechtsberatung nach möglichen Angriffen verteilt, erzählt Sarah. „Wir sehen
       diese Läden gefährdet.“ [5][Über die in Internetchats verabredete „Jagd auf
       Juden“ in Amsterdam,] die auch in die Tat umgesetzt wurde, verliert sie
       kein Wort.
       
       Etwa 1.500 Menschen haben ihre Internetpetition unterschrieben. Ein Erfolg?
       Sarah sagt: „Es gibt kein festgelegtes Ziel. Es geht darum, für das Thema
       zu sensibilisieren.“ Friedlichen Protest und keine Übergriffe auf
       Freiburgerinnen und Freiburger durch Maccabi-Fans würden sie als Erfolg
       ihres Engagements werten.
       
       ## Morddrohungen wegen der Speisekarte
       
       Friedlich ist es am Donnerstag in Freiburg beim Protest als auch vonseiten
       der Maccabi-Fans geblieben. Schon im Vorfeld hatte die Polizei erklärt,
       dass es fraglich sei, ob von der [6][berüchtigten rechtsextremen
       Ultra-Gruppierung „Fanatics“] überhaupt jemand komme. Wo die Behörden die
       Bedrohungslage besonders hoch einschätzen, kann man an diesem Tag vor dem
       israelischen Restaurant „Jaffa“ sehen.
       
       Das nur sehr wenig genügt, um zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe in
       Deutschland zu werden, hat Besitzer Billal Aloge erlebt. Einst war der
       kurdische Syrer in Freiburg nämlich als erfolgreicher Gastronom zweier gut
       laufender arabischer Restaurants namens „Damaskus“ bekannt. Sie wurden auch
       von älteren Mitgliedern der jüdischen Community in Freiburg besucht. Der
       Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober auf Israel bewog ihn, ein kleines
       Zeichen der Anteilnahme auf seiner Speisekarte zu setzen. Er pries dort die
       Auberginencreme Baba Ghanoush als israelische Speise an. „Ich wollte meinen
       israelischen, meist älteren Besuchern sagen: ‚Ihr seid willkommen‘. Ich
       habe gesehen, wie stark betroffen sie von dem Terrorangriff waren.“ Auf dem
       Instagram-Account seines Lokals postete er ebenfalls die Neuerung.
       
       Prompt erhielten er und seine Frau Mord- und Branddrohungen sowie übelste
       Beschimpfungen. Aloge berichtet von Hunderten von Telefonanrufen. Ein
       Großteil ihrer arabischstämmigen Freunde kündigte ihnen über Nacht die
       Freundschaft. Boykottaufrufe im Internet gab es sowieso. Das Lokal stand
       kurz vor der Pleite, als selbst zum Saisonhöhepunkt, zum Zuckerfest,
       niemand mehr Tische reservieren wollte. „Wegen eines Essens auf der
       Speisekarte! Das kann doch nicht sein“, sagt Aloge. Nur noch die Polizei
       war da – wegen der Bedrohungslage – und wenige jüdische Stammgäste. Die
       rieten ihm, sich an den Sicherheitsdienst der Synagoge Freiburg zu wenden,
       weil der sich schließlich mit solchen Situationen auskenne.
       
       So wuchsen neue Verbindungen und der Entschluss, auf die Anfeindungen mit
       der Eröffnung eines israelischen Restaurants zu antworten. Etwa 700
       Menschen, so wird geschätzt, gehören in Freiburg zur jüdischen Community.
       Wie dankbar man in ihren Reihen Billal Aloge ist, mit dem „Jaffa“ einen
       gemeinsamen Ort zu haben, den es so bislang in der Stadt nicht gab, kann
       man an den sehr warmherzigen Begrüßungen im Restaurant ermessen. Die
       Geschichte vom muslimischen Gastronom, der in Freiburg antisemitisch in die
       Enge getrieben und dadurch politisch wurde, verbreitete sich bis ins
       israelische Fernsehen. Im Sommer sind regelmäßig Reisegruppen von dort im
       Freiburger Lokal zu Gast.
       
       ## „Bei uns ist jeder Gast ein Freund“
       
       „Ich mag Politik eigentlich nicht“, sagt Aloge zwei Tage vor der so hoch
       politisierten Fußballpartie. Er erfreut sich an dem einfachen freundlichen
       Miteinander in seinem Restaurant. Sein Koch David, der mit seiner Familie
       für das „Jaffa“ aus Israel nach Freiburg gezogen ist und in der Küche mit
       einer Kippa auf dem Kopf in den Töpfen rührt, arbeitet mit dem Moslem
       Mohamed zusammen. „Ich mag dich sehr, aber deine Regierung nicht“, habe
       Mohamed zu David einmal gesagt, berichtet Aloge. Das gefällt ihm sehr.
       
       In den vier Wänden des „Jaffa“ kann Billal Aloge der komplexen Konfliktlage
       im Nahen Osten mit entwaffnender Schlichtheit begegnen. „Bei uns ist jeder
       Gast ein Freund“, steht auf der Homepage des „Jaffa“. Auch die
       rechtsextremen Fans von Maccabi Tel Aviv, von denen im Vorfeld viel die
       Rede war, wären bei ihm willkommen, solange sie sich benehmen würden,
       versichert er. Ansonsten würde man sie der Polizei übergeben. Man müsse
       Schlechtem mit Gutem begegnen. Die Probe aufs Exempel erfolgt an diesem Tag
       nicht.
       
       Aloge hat eine Straßenbahn in Freiburg als Werbefläche für sein Lokal
       gemietet. „Schalömle“ steht auf der blauen Tram. Und vor dem Spiel gegen
       Maccabi Tel Aviv hat er via Instagram dafür geworben, diese solle zum
       Transport der Fans zum Stadion genutzt werden. Die Freiburger Verkehrs AG
       (VAG) erklärte in den Tagen vor dem Spiel, das müsse noch mit der Polizei
       abgesprochen werden.
       
       Just am Tag vor der Partie war die „Jaffa-Bahn“ in einen „klassischen
       Linksabbieger-Unfall“ verwickelt, wie die VAG auf Anfrage berichtete. Es
       gäbe keinerlei Hinweise auf eine absichtliche Beschädigung. Und die taz
       ließ man wissen: „Als städtisches Tochterunternehmen sind wir darüber
       hinaus der politischen Neutralität verpflichtet und beteiligen uns weder an
       einer Politisierung des Fußballspiels noch an einer Politisierung der
       Straßenbahn.“ Auch das klingt einfacher, als es wohl ist.
       
       23 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Maccabi-Tel-Aviv-in-Freiburg-zu-Gast/!6147396
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 (DIR) [4] /Sportboykotte-gegen-Israel/!6114875
 (DIR) [5] /Nach-der-Gewalt-in-Amsterdam/!6048824
 (DIR) [6] /Israelische-Fussball-Liga/!6105362
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Kopp
       
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