# taz.de -- Planstadt Eisenhüttenstadt mit Historie: Mittelalter oder Sozialismus?
       
       > Eisenhüttenstadt und Fürstenberg sind zwei ungleiche Schwestern. Die eine
       > hat mit Wegzug zu kämpfen, die andere pflegt still ihre Exklusivität.
       
 (IMG) Bild: Alte Pracht an der Oder, heute ein Ortsteil von Eisenhüttenstadt: Fürstenberg
       
       Wer auf malerische Stadtansichten steht, sollte in Fürstenberg auf die
       Brücke gehen. Hinter dem Kanal, der ein paar Hundert Meter weiter in die
       Oder mündet, erhebt sich, ungewohnt für Brandenburg, die Altstadt auf einem
       imposanten Hügel. Steil fallen die Gassen hinunter zum Bollwerk, über allem
       thront die mächtige Nikolaikirche. Wäre Canaletto einmal hier gewesen, er
       hätte eine Vedute gemalt.
       
       Wer vom Bahnhof kommt, nähert sich Fürstenberg von der Landseite. In der
       Fellertstraße reihen sich einstöckige und zweistöckige Ackerbürgerhäuser
       aneinander, dazwischen stehen schmucke Beamtenhäuser aus den 1920er Jahren.
       Die Straße führt zum Marktplatz von Fürstenberg mit dem 1900 im Stil der
       Neorenaissance gebauten Rathaus.
       
       Allzu lange hat das Rathaus seine Funktion nicht erfüllen können. „1961
       wurde Stalinstadt in Eisenhüttenstadt umbenannt“, erinnert Oliver Funke.
       „Und Fürstenberg, das bis dahin neben Stalinstadt selbständig gewesen war,
       wurde kurzerhand eingemeindet.“
       
       Oliver Funke ist Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft Gewi, wie das
       kommunale Wohnungsunternehmen in Eisenhüttenstadt heißt. Vor ein paar
       Jahren, als die Sanierung der sozialistischen Planstadt im wesentlichen
       vollendet war, hat er sich entschlossen rüberzumachen. Rüber über den
       Oder-Spree-Kanal und die Bahnlinie, rein nach Fürstenberg (Oder), die 1250
       gegründete mittelalterliche Schwester der sozialistischen Stahlstadt aus
       dem Jahr 1950. 46 Wohnungen hat die Gewi in den Beamtenhäusern der
       Fellertstraße saniert. Bald sind die bezugsfertig.
       
       Eingetaucht ist Oliver Funke damit auch in einen anderen urbanen Kosmos.
       „Es gibt in Fürstenberg Familien, die dort seit Generationen leben“, sagt
       er und macht damit deutlich, dass eine junge Stadt mit ganz anderen
       Problemen zu kämpfen hat als eine altehrwürdige. „In die Planstadt sind
       1950 Familien gekommen, die bestanden aus Papa, Mama und Kindern. Aber Oma
       und Opa wohnten noch in Sachsen oder Thüringen.“
       
       Und noch einen Unterschied gibt es in dieser Städteschwesternschaft mit dem
       beachtlichen Altersunterschied von 700 Jahren. Es ist der Wohnungsmarkt,
       Funkes ureigenes Feld. In der aus den Wohnkomplexen I bis IV bestehenden
       Kernstadt, die seine Gewi in Eisenhüttenstadt saniert hat, liegen die
       Neuvermietungsmieten bei 6,50 Euro den Quadratmeter nettokalt. „In
       Fürstenberg werden die Wohnungen im sanierten Altbau für zehn Euro
       vermietet“, sagt Oliver Funke.
       
       ## Nach Osten oder nach Westen?
       
       Wer am Bahnhof des heute 24.000 Einwohner zählenden Eisenhüttenstadt
       ankommt, muss sich entscheiden. Nach Osten oder nach Westen? Sozialistische
       Stadt oder Mittelalter? Elendig langer Fußmarsch über eine drei Kilometer
       lange Straße, gesäumt von Brachen, Autohäusern und Bauruinen? Oder ein
       hübscher Spaziergang über die Fellertstraße mit ihren Ackerbürger- und
       Beamtenhäuschen in Richtung Altstadt und hinunter zum Oder-Spree-Kanal?
       
       Es ist nicht einfach, in Eisenhüttenstadt anzukommen, auch wenn neben dem
       Charme der Fürstenberger Altstadt tatsächlich noch etwas anderes lockt. Das
       einzigartige Ensemble der DDR-Baugeschichte der 50er und 60er Jahre, von
       US-Schauspieler Tom Hanks einmal als sozialistisches „great and wonderful
       life“ bewundert.
       
       Es sind Schwärmereien wie diese, die Eisenhüttenstadt immer wieder zum
       place to be machen. 2024 wurde es vom Reisemagazin Geo Saison sogar als
       eines der attraktivsten Reiseziele weltweit gekürt, neben Städten wie
       Hamburg, Brüssel, Oslo, London, Paris oder Madrid. Doch der kosmopolitische
       Modernismus der frühen 50er, Stalins Zuckerbäckerstil, der ihm folgte, der
       konservative Rückgriff auf nationale Bautraditionen Ende der 50er und die
       Zeilenbauten der Sechziger sind zwar unter Architekturstudierenden ein Must
       have. Immerhin kann sich die Planstadt mit dem Titel des größten
       Flächendenkmals Deutschlands schmücken. Vor dem schleichenden Tod schützt
       er die Stadt nicht.
       
       Von den 50.000 Menschen, die nach der Vereinigung in der Stadt gewohnt
       haben, ist mehr als die Hälfte gegangen. Das Eisenhüttenkombinat Ost EKO,
       in dem einst 12.000 Beschäftigte arbeiteten, zählt heute nur noch 2.500
       Mitarbeiter. Und die Aussichten sind nicht zukunftsfest. Weil grüner Stahl
       noch teuer und auf dem Markt kaum nachgefragt ist, hat der Stahlkonzern
       ArcelorMittal einen Förderbescheid von 1,3 Milliarden Euro zur Umstellung
       auf ökologische Stahlproduktion zurückgegeben. Seitdem geht die Angst um.
       Hätte eine Stahlstadt ohne Stahl Zukunft?
       
       Gerne zieht man im Osten Brandenburgs an der Grenze zu Polen deshalb einen
       Vergleich mit Krakau und der dortigen Stahlstadt Nowa Huta. Auch diese
       beiden Stadtschwestern zeichnet ein großer Altersunterschied aus. Doch Nowa
       Huta, wo der Hochofen längst ausgeblasen ist, lebt vom Zuzug aus dem
       benachbarten und teuren Krakau. Von Fürstenberg kann Eisenhüttenstadt nicht
       leben. Vergleich Ende.
       
       Noch immer verliert Eisenhüttenstadt um die 500 Bewohner pro Jahr. Gestoppt
       konnte der Aderlass nur 2015 und 2022, als erst die syrischen und dann die
       ukrainischen Flüchtlinge kamen. Inzwischen beträgt der Leerstand in der
       Gebäudewirtschaft Gewi wieder 18 Prozent.
       
       ## Einladung zum Probewohnen
       
       Auch deshalb hat sich Oliver Funke entschieden, zusammen mit der Stadt im
       vergangenen Jahr [1][zum kostenfreien Probewohnen] einzuladen. Für die
       beiden Gästewohnungen haben sich 2.000 Interessenten beworben. „Damit hat
       keiner gerechnet“, freut sich Funke noch heute. „Sogar die internationalen
       Medien haben darüber berichtet.“ So schrieb der Guardian: „A free flat for
       a fortnight: the German city offering perks to fight depopulation“ – „Eine
       kostenlose Wohnung für zwei Wochen. Wie eine deutsche Stadt gegen den
       Bevölkerungsverlust kämpft.“
       
       Funke führt das Medienecho auch darauf zurück, dass die beiden
       Gästewohnungen, die seine Gewi zur Verfügung stellte, in der vielleicht
       interessantesten Straße der Stadt liegen. Denn anders als in den vier
       Wohnkomplexen der Kernstadt mit ihrer jeweils typischen Baugeschichte, ist
       die Lindenallee als „Magistrale“ der Stadt ein wildes, fast schon
       amerikanisches Sammelsurium an Baustilen.
       
       Das neoklassizistische Friedrich-Wolf-Theater gibt es in der Lindenallee,
       aber auch modernistische Einkaufszeilen, Punkthochhäuser und das einstige
       Hotel Lunik, zu dem sich jeder in die Stadt eine Geschichte erzählen kann.
       Für viele hat es eine ähnliche Bedeutung wie der Palast der Republik in
       Berlin. [2][Nach einem Bericht in der taz] hat es der Spekulant Ulrich
       Marseille an die Gewi verkauft, die es nun wiederbeleben will.
       
       „Die Bilder in den Medien haben dazu geführt, dass wir insgesamt sieben
       Wohnungen vermieten konnten“, freut sich Oliver Funke. Auch deshalb soll
       das Probewohnen in diesem Jahr wiederholt werden – mit vier statt zwei
       Wohnungen.
       
       In der Fürstenberger Fellertstraße wird Oliver Funke keine Gästewohnungen
       anbieten. Auch wenn sie deutlich teurer sind als in der Planstadt – „wir
       haben keine Fördermittel in Anspruch genommen und sind da an die zehn
       Euromarke gegangen“ – ist die Nachfrage riesig. „Wir hätten da jede Wohnung
       dreimal vermieten können“, sagt Funke.
       
       So bleibt vorerst alles wie es war und ist. Fürstenberg mit seiner Altstadt
       ein gehobener Wohnstandort, auch wenn dort inzwischen viele Geschäfte leer
       stehen und das einzige gehobene Restaurant geschlossen hat. Und
       Eisenhüttenstadt, das ungewöhnliche Ensemble stalinistischer und
       sozialistischer Architektur, das alle schätzen – und viele verlassen.
       
       25 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Probewohnen-in-Eisenhuettenstadt/!6110036
 (DIR) [2] /Hotel-Lunik-in-Eisenhuettenstadt/!5931537
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Eisenhüttenstadt
       
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