# taz.de -- Goldener Handschuh als Comic: Elegante Übergänge in den Albtraum
       
       > Ully Arndt, nicht für ernste Themen bekannt, hat den Frauenmörder-Roman
       > „Der Goldene Handschuh“ in einen Comic Noir verwandelt. Kann das gut
       > gehen?
       
 (IMG) Bild: Im Treppenhaus auf dem Weg in Honkas Bude oben im dritten Stock bemerkt eine Person Gestank
       
       Knapp zehn Jahre ist es her, dass [1][Heinz Strunks Roman] „Der Goldene
       Handschuh“ um den Frauenmörder Fritz Honka viel Aufsehen erregte.
       Anschließend kam der Stoff auch als Theaterstück [2][und Film] heraus. Nun
       ergänzt ein Comic die schaurige Hamburgensie um ein weiteres Format.
       Gezeichnet hat es Illustrator und Animationsfilmer Ully Arndt. Der ist für
       einiges berühmt, aber nicht gerade für ernste Inhalte.
       
       Gelernt hat Arndt ab Mitte der 1970er beim [3][Satiremagazin Mad]. Mit der
       gelben Hand „Rolf“ gewann er 1993 den [4][Wettbewerb um das Maskottchen zur
       Umstellung der Postleitzahlen]. Auch die Strips um Otto Waalkes'
       „Ottifanten“ und Klischee-Witze im [5][Magazin Playboy] produziert er. Und
       nun: Comic Noir. Kann das gut gehen?
       
       Strunk hatte Arndt freie Hand gelassen, nachdem der ihn vor neun Jahren mit
       Probezeichnungen aufgesucht hatte. Entstanden ist eine eigene
       Interpretation des Stoffs, mal kompakter, mal verharrend, mit ausgewählten
       Text-Zitaten, aber auch um neue Handlungsstränge erweitert, die Arndt
       hineinflicht. Sie unterstreichen geschichtliche Zusammenhänge.
       
       ## Norbert ähnelt einer Muräne
       
       Gleich im Bucheinband hilft der Abdruck eines alten Stadtplans, den
       Handlungsraum zu verorten, wie er zu Beginn der 70er Jahre war. Dann
       steigen wir hinab ins nächtliche Rotlichtmilieu, in die Kaschemme „Der
       goldene Handschuh“ in der Talstraße im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli.
       
       In Rottöne getaucht, werden die verlorenen Romangestalten vorgestellt; vor
       sich hin dämmernde „Schimmlige“, der Lude Fanta-Rolf mit Goldkettchen,
       Soldaten-Norbert von der Waffen-SS, dessen Physiognomie einer Muräne
       ähnelt. Hier schleppt Fiete die Frauen ab, die er kriegen kann. Gerda kommt
       mit, zu Fuß durch den Schnee, die Treppe hoch in seine Dachgeschosswohnung
       in Altona.
       
       Im nächsten Bild sitzen wir einem Mann gegenüber, der uns von einem
       geschnitztem Ethno-Holzthron herab grimmig über seinen fetten Bauch hinweg
       ansieht: Das ist die Parallelwelt des Reeders Wilhelm Heinrich von Dohren,
       kurz WH1, der mit seiner Familie an der gedeckten Tafel Platz genommen hat.
       
       Hier sind Dekadenz und Arroganz zu Hause, purer [6][Klassismus]. Ein Exkurs
       in die Sommerfrische von Sylt ist in die Farbwelt verblasster
       Agfa-Color-Fotos getaucht.
       
       Mit kurzen Texten werden die Versammelten vorgestellt, auch der Ursprung
       des geerbten Wohlstandes erläutert. Es gibt zwar Geld, aber auch Probleme:
       Gut sichtbar ist WH1' Hass auf seinen „degenerierten Nichtsnutz von Sohn“
       WH2, der sich im Taxi in den legendären Musikclub „Onkel Pö“ kutschieren
       lässt.
       
       Szenenwechsel: Ein Hausmeister entdeckt Leichenteile. Gezeigt wird aber nur
       ein Zeitungsbericht davon, auf den der Schatten des lesenden Ermittlers bei
       der Polizei fällt. Dann ist der junge Reporter Klaus zu sehen, der auf dem
       Kiez knipst. Und schließlich führt eine Metamorphose von Nacktfotos zu
       Albtraumbildern in Honkas Bude: elegante Übergänge, selbsterklärend.
       
       Ein Blick ins Vorleben Honkas erfordert dagegen textliche Erläuterung: So
       ist zu erfahren, dass nahe der Wohnsiedlung Neuwiedenthal die Baracken des
       Arbeitslagers, das zum KZ-Neuengamme gehörte, zu billigen Wohnquartieren
       umgenutzt wurden. Hier lebt der junge Rocker, der sich als Zuhälter
       versucht.
       
       ## Ein Hauch Expressionismus
       
       Der Stil ist hier deutlich weniger glatt als bei anderen Produkten aus dem
       Hause Arndt. Mit lebendigem Strich mixt er in den 70er-Jahre-Werbe-Look
       einen Hauch Expressionismus, lässt Bilder erzählen und zeigt durch Details,
       wie es damals war: Zigaretten-Werbung, Produkte wie Sprengel, Eckes
       Edelkirsch …
       
       Arndt kennt das noch aus seiner Kindheit. Er sei damals viel herumgekommen,
       sagt er, in allen Milieus: Sein Vater war Bierverleger, er begleitete ihn
       bei den Auslieferungen. Arndts Figuren sind plakativ, aber werten will er
       nicht. Das gelingt ihm.
       
       Farbe hilft, die Erzählstränge auseinanderzuhalten, bevor sie sich
       berühren, der „Sommer der Liebe“ da ist und sich alle auf den Weg zum Kiez
       machen: „Alles wird gut“ verspricht der Band für den zweiten Teil.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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