# taz.de -- Forscherin über Wertschöpfungsketten: „Wenn Einzelne aufsteigen, steigen andere ab“
       
       > Wohlstand für alle durch globalen Handel? Laut Wirtschaftsgeografin
       > Christin Bernhold ist das unter kapitalistischen Bedingungen „eine
       > Illusion“.
       
 (IMG) Bild: Die einen schöpfen die Werte und zahlen dafür einen hohen Preis, wie dieser junge Goldminenarbeiter in Ghana. Andere profitieren
       
       taz: Frau Bernhold, Wohlstand durch Handel – alles eine große Lüge? 
       
       Christin Bernhold: Ja, die Mainstreamforschung zu globalen
       Wertschöpfungsketten verklärt, wenn nicht sogar den Handel insgesamt, so
       doch auf jeden Fall diese Wertschöpfungsketten als eine Art
       Gelegenheitsstruktur für kapitalistischen Fortschritt. Die Weltbank treibt
       das sogar auf die Spitze: Sie behauptet, dass [1][globale
       Wertschöpfungsketten weltweit zu höheren Einkommen, zu guter Arbeit und zu
       weniger Armut] beitrügen. [2][Unser Buch] korrigiert diese Darstellung und
       zeigt, dass Wohlstand für alle unter kapitalistischen Bedingungen eine
       Illusion ist.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Bernhold: Kapitalistische Wertschöpfungsketten sind im Kern eine
       Ausgestaltung internationaler Klassenverhältnisse. Unternehmen konnten
       verstärkt von geografisch ungleichen Ausbeutungsbedingungen in
       verschiedenen Staaten profitieren, die historisch durch Klassenkämpfe
       entstanden sind. Nach den 1970er-Jahren haben große Unternehmen aus den USA
       und Europa zunehmend [3][in Ländern mit niedrigeren Produktionskosten
       investiert und dort Beschäftigte ausgebeutet] oder Zulieferbetrieben Preise
       diktiert. Wertschöpfungsketten haben die Ausbeutung von Lohnabhängigen
       verschärft, die Naturzerstörung intensiviert und in den vergangenen Jahren
       auch zur Verschärfung geopolitischer Rivalitäten beigetragen. Denn wenn
       Einzelne aufsteigen, steigen andere ab, und das führt zu Konflikten.
       
       taz: Dennoch hat die Anzahl der Menschen in absoluter Armut abgenommen,
       während der globale Handel zugenommen hat. Gibt es da keinen Zusammenhang? 
       
       Bernhold: Je nachdem, wo man geografisch hinguckt, hat die absolute Armut
       abgenommen. Das ist insbesondere im aufsteigenden China der Fall, aber
       nicht weltweit verallgemeinerbar. Gleichzeitig wurde aber auch Ausbeutung
       intensiviert, viele Beschäftigte in globalen Wertschöpfungsketten verdienen
       nicht einmal genug, um ohne massive Extraarbeit über die Runden zu kommen.
       
       taz: Die Debatte ist ja nicht ganz neu. Wieso hatten Sie das Bedürfnis,
       gerade jetzt Ihr Buch zu veröffentlichen? 
       
       Bernhold: Unser Buch ist eine Debattenintervention, die die Darstellung der
       Weltbank korrigiert und gleichzeitig Klassenverhältnisse ins Zentrum der
       Analyse stellt: Um zu verstehen, warum Ausbeutung genuin zu
       Wertschöpfungsketten dazugehört, müssen wir verstehen, wie kapitalistische
       Ausbeutung insgesamt funktioniert.
       
       taz: Was wäre ein Lösungsvorschlag? Begrenzter Welthandel und jedes Land
       kümmert sich eigenständig um die Produktion seiner Güter? 
       
       Bernhold: Nein, weder halte ich einen Prozess der Verteilung von
       produzierten Gütern, die notwendig sind, um Bedürfnisse zu befriedigen, per
       se für das Problem – noch nationale Standortpolitik für die Lösung. Wenn es
       etwa darum geht, wie genau es schaffbar ist, für Menschen lokal Löhne zu
       verbessern, kann man nicht darauf vertrauen, dass kapitalistische Staaten
       und Unternehmen es durch Innovationsprozesse richten werden. Dann müssen
       Arbeits- und soziale Kämpfe unterstützt werden. Allgemein müssen wir über
       nachhaltige Produktions- und Verteilungsweisen diskutieren, die nicht an
       kapitalistischen Profiten orientiert sind.
       
       taz: Zuletzt fiel vor allem [4][Donald Trump und die USA durch eine
       isolationistische Zollpolitik] auf. Handelt Donald Trump dadurch quasi aus
       Versehen antikapitalistisch? 
       
       Bernhold: Nein, ganz und gar nicht. Das, was heute passiert, dieser
       Handelskrieg, ist unter anderem ein Ergebnis eines langfristigen Prozesses
       der kapitalistischen Entwicklung in globalen Wertschöpfungsketten. Jetzt
       geht es Trump meines Erachtens darum, die aufsteigende Konkurrenz aus China
       einzudämmen, aber keinesfalls darum, antikapitalistisch zu agieren. Im
       Gegenteil: die Vormachtstellung der eigenen kapitalistischen Unternehmen
       soll dadurch verteidigt werden.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.worldbank.org/en/publication/wdr2020
 (DIR) [2] https://global.oup.com/academic/product/capitalist-value-chains-9780198887836?cc=de&lang=en&
 (DIR) [3] /Aus-Le-Monde-diplomatique/!5751560
 (DIR) [4] /Neue-Strafzoelle-bis-50-Prozent-/!6104412
       
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