# taz.de -- Zugfahren in der EU: Nachtzug nach Nirgendwo
> Bahnfahren in Europa heißt Planung, Geduld und gelegentlich ein Taxi über
> die Grenze. Dafür schenkt es Erinnerungen, die kein Flug liefern kann.
(IMG) Bild: Nachtzugfahren könnte so schön sein, wenn es etwa verlässliche Fahrzeiten und wettbewerbsfähige Preise gäbe
Es ist schon gegen 23 Uhr, aber die Kinder wollen immer noch nicht auf
ihren Liegen schlafen. Denn jetzt schiebt eine Rangierlok die Waggons des
[1][Nachtzugs Berlin–Malmö] im Hafen Sassnitz auf Rügen in den Bauch einer
Fähre. Ein Ruck geht durch den Zug, Räder und Schienen quietschen, dann
hören wir die mächtigen Schiffsmotoren wummern. Eisenbahnschienen in einer
Fähre – Bahnfans und Kinder sind fasziniert.
Die Bahnverbindung gibt es leider nicht mehr, aber meine Kinder und ich
haben dieses Abenteuer auch nach zehn Jahren nicht vergessen. So etwas
erlebt man halt nur, wenn man mit dem Zug unterwegs ist.
Ich fahre seit Jahren gern gemeinsam mit meinen Kindern mit der Bahn in den
Urlaub – auch zu so weit entfernten Zielen wie Spanien. Aus Überzeugung.
Denn [2][Flugreisen sind nun einmal sehr klimaschädlich] und für einen
Urlaub halte ich sie für kaum zu rechtfertigen.
Und wenn man beispielsweise Hochgeschwindigkeitszüge mit Nachtzügen
kombiniert und ausreichend interessante Zwischenstopps einplant, lassen
sich auch sehr weite Reisen gut gestalten. Aber die Bahngesellschaften
haben es uns oft schwerer gemacht, als es sein müsste.
## Früher existierten solche Verbindungen
Das dachte ich zum Beispiel, als ich mit meinen Kindern mit dem Nachtzug
aus Paris in dem Ort Cerbère an der Grenze zu Spanien ankam. Der
Regionalzug, der uns von dort nach Barcelona bringen sollte, fuhr einfach
nicht. Wegen Bauarbeiten auf der Strecke.
In der Fahrplandatenbank war das aber nicht vermerkt gewesen, zumindest
nicht wenige Tage vor unserer Abfahrt in Berlin. Es gab auch keinen
Ersatzverkehr. Am Ende mussten wir mit einem Taxi über die spanische Grenze
fahren. So einen Pfusch gibt es immer wieder – und offenbar auch überall.
Leichter wären solche Reisen, wenn es durchgehende Nachtzüge von
Deutschland nach Spanien gäbe. Oder zumindest von Paris. Dass das technisch
möglich wäre, beweist die Vergangenheit. Früher existierten solche
Verbindungen. Heutzutage enden die [3][Nachtzüge zum Beispiel in dem
Pyrenäen-Dorf Latour de Carol], wo ungefähr gar nichts los ist.
Eine Zumutung sind auch immer wieder die Toiletten der französischen
Nachtzüge. Ein Fallrohr leitet alles, was ins Klo kommt, direkt aufs
Gleisbett. Ja, auch Kot! Am Morgen waren die Toiletten in unserem Waggon
mit Papier verstopft, das Wasser alle. Würde eine Fluggesellschaft ihre
Kunden so behandeln? Warum ist so etwas bei der Bahn möglich?
Auch die Buchung von Zugreisen durch mehrere Länder sollte einfacher
werden. Um eine Reise nach Spanien zu buchen, habe ich jedes Mal unzählige
Stunden benötigt. Auf [4][bahn.de] lassen sich zwar grundsätzlich auch
Tickets von Staatsbahnen im Ausland kaufen, aber eben nur grundsätzlich.
In der Praxis sind die günstigsten Tarife dort oft erst spät oder gar nicht
erhältlich, manche Züge sind dort nie buchbar. Deshalb habe ich immer zum
Beispiel auf der Seite der französischen SNCF oder spanischen Renfe
gebucht. Dafür musste ich mich bei allen separat registrieren. Und mich mit
den Eigenheiten jeder Internetseite vertraut machen. Das dauert.
## Kommerzielle Internetseiten verlangen Provision
Es gibt zwar kommerzielle Internetseiten, die das grenzüberschreitende
Buchen erleichtern wollen. Aber sie verlangen eine Provision und manchmal
haben auch sie nicht alle tatsächlich existierenden Angebote.
Geradezu geheimnisvoll ist, dass die spanischen Regionalzüge von Frankreich
nach Barcelona weder im Fahrplan von Renfe noch von der SNCF auftauchen.
Die Daten lassen sich nur auf der Internetseite der katalanischen
Renfe-Tochter abrufen. Davon erfahren habe ich lediglich durch den Blog
[5][seat61.com] des britischen Bahnnerds Mark Smith.
Diese Seite übernimmt in weiten Teilen das, was die nationalen
Bahngesellschaften sträflich vernachlässigen: Sie zeigt für viele
Langstrecken in Europa die besten Optionen und Zugkombinationen. Inklusive
Tipps, wie man sich im Tarifdschungel der verschiedenen Bahngesellschaften
zurechtfindet.
Verwirrend ist auch, dass jedes Zugunternehmen unterschiedliche
Vorausbuchungsfristen hat. In Spanien und Frankreich ist völlig
intransparent, wann welche Verbindung buchbar wird. Aber auch dort gilt:
Wer später bucht, zahlt mehr. Deshalb lohnt es sich zu recherchieren, wann
der gewünschte Tarif online geht. Auch dabei geht viel Zeit verloren.
## Es gibt keinen Nachtzug nach Lissabon
Gern wären wir schon mal nach Portugal mit der Bahn gefahren. Aber dorthin
gibt es weder eine Hochgeschwindigkeitsstrecke noch einen Nachtzug. Solche
Lücken gibt es anderswo ebenfalls, besonders in Osteuropa.
Hält mich all das von Super-Fernreisen mit der Bahn ab? Natürlich nicht.
Die aufwendige Vorbereitung und Planung weckt bei mir Neugierde und einen
Jagdinstinkt. Am Ende bin ich immer stolz darauf, wie clever ich das alles
geplant habe.
Die langen Fahrzeiten wirken gar nicht mehr so lang, weil meine Kinder und
ich es als Abenteuer empfinden, Bahnsysteme und Züge anderer Länder
kennenzulernen. Wir haben viel mehr Gefühl für die Weite und Vielfalt
Europas entwickelt, weil wir eben nicht in zwei Stunden Tausende von
Kilometern abreißen, sondern in humanerer Geschwindigkeit reisen.
Auch die Zwischenstopps – wie zum Beispiel das Galette-Essen in einem
Pariser Restaurant vor der Abfahrt mit dem Nachtzug – machen Spaß. Außerdem
ist es schön, zumindest in puncto Reisen ein einigermaßen gutes
Klimagewissen zu haben. Und wenn dann noch Abenteuer wie die Nachtzugfahrt
auf die Fähre nach Schweden dazukommen, hat man am Ende mehr zu erzählen
als jeder Jetsetter.
17 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nachtzug-von-Stockholm-nach-Berlin/!5960724
(DIR) [2] /CO2-Emissionen-der-Luftfahrt/!6143539
(DIR) [3] /Nachtzug-von-Paris-nach-Latour-de-Carol/!5974558
(DIR) [4] https://bahn.de
(DIR) [5] https://seat61.com
## AUTOREN
(DIR) Jost Maurin
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