# taz.de -- Urteil in Tunesien: Zwei Jahre Bewährung für humanitäre Arbeit
       
       > Weil sie Migranten geholfen haben, wurden fünf Aktivistinnen der der
       > Organisation „Terre d’Asile“ in Tunesien verurteilt. Menschenrechtler
       > haben es dort immer schwerer.
       
 (IMG) Bild: Forderung nach Freilassung der Mitglieder der NGO „Terre d’Asile Tunisie“ vor dem Gericht in Tunis im Dezember 2025
       
       In der Nacht auf Montag wurden fünf Aktivistinnen der Organisation „Terre
       d’Asile“ von einem Gericht in Tunis zu zweijährigen Haftstrafen auf
       Bewährung verurteilt. Neben der Präsidentin des tunesischen Zweigs der
       französischen Nichtregierungsorganisation FTDA und ihren Kolleginnen saß
       auch der Leiter des Lokalrates der Stadt Sousse auf der Anklagebank. Die
       Verurteilten waren vor zwei Jahren verhaftet und inhaftiert worden, weil
       sie angeblich Migranten ins Land gelockt und unterstützt hätten.
       
       Daneben hatte die Staatsanwaltschaft auch wegen Amtsmissbrauchs und
       persönlicher Vorteilsnahme ermittelt. Nachdem sich die Ermittlungen und die
       Untersuchungshaft trotz massiver Proteste der Zivilgesellschaft
       kommentarlos über Monate in die Länge gezogen hatten, ging plötzlich alles
       ganz schnell. Nachdem mitten in der Nacht die Rechtsanwälte der bisher
       Angeklagten angehört worden waren, verkündeten die Richter morgens um vier
       ihr Urteil.
       
       Noch in der Morgendämmerung wurden die ehemalige „Terre d’Asile“-Chefin
       Sherifa Riahi, ihre Mitstreiterinnen Imen Ourdani und die aktuelle
       FTDA-Geschäftsführerin Iyad Bousselmi von vor dem Gericht wartenden
       Freunden mit Freudentränen empfangen. Auch Mohamed Ikbal Khaled, der als
       unabhängiger Kandidat 2019 zum Bürgermeister der Hafenstadt Sousse gewählt
       worden, fand sich zu seiner Überraschung plötzlich auf der Straße wieder.
       
       Gegen 20 weitere für Migranten tätige und derzeit nicht inhaftierte
       Aktivistinnen und Angestellte der Stadt Sousse wird weiterhin ermittelt.
       Auch ihnen wird vorgeworfen, illegal in Tunesien lebenden Migranten mit
       Wohnungen, Lebensmittel oder in anderer Form geholfen zu haben,
       
       ## Sherifa Riahi kümmerte sich um Gestrandete
       
       Vor allem das Schicksal der landesweit bekannten 42-jährigen Sherifa Riahi
       verfolgten viele Tunesier mit einer Mischung aus Trauer und Wut. Die
       Designerin und Mutter zweier Kinder hatte seit 2012 für verschiedene
       [1][tunesische und internationale Nichtregierungsorganisationen]
       gearbeitet.
       
       Nach dem arabischen Frühling war Tunis zum Brennpunkt von Initiativen und
       Projekten zu Themen wie Demokratie, Feminismus und LGBTQI geworden. Jede
       Woche trafen sich Vertreter internationaler Organisationen mit
       Projektmanagern wie Sherifa Rihai, viele Teilnehmer kamen aus der
       Sahel-Region und anderen arabischen Ländern.
       
       Mit der seit 2015 eingeführten visafreien Einreise kamen nicht nur
       Studenten, sondern auch Migranten aus Westafrika. Für sie war Tunesien nur
       ein Sprungbrett nach Lampedusa.
       
       Doch nachdem die EU die tunesische Küstenwache mit modernster Technik
       ausgerüstet hat und libysche Milizen ihre Jagd auf Migranten verstärkt
       haben, harren Zehntausende in Sousse, Tunis oder den Olivenhainen nahe der
       Handelsstadt Sfax aus. Sherifa Rihai schloss sich wie dutzende andere
       Menschenrechtsaktivisten nach 2019 Organisationen an, die sich [2][um die
       Gestrandeten kümmerten].
       
       ## Aktivistinnen im Visier
       
       Weil die elf seit dem Arabischen Frühling gebildeten Regierungskoalitionen
       sich auf kein Asylgesetz einigen konnten, befinden sich die Migranten, aber
       auch die sie unterstützenden Hilfsorganisationen rechtlich auf unsicherem
       Terrain.
       
       Mehrere Dutzend [3][Menschenrechtsorganisationen und Bürgerinitiativen]
       wurden seitdem vorübergehend oder langfristig geschlossen, meist mit dem
       Vorwurf finanzieller Unregelmäßigkeiten oder dem Empfang von Geldern aus
       dem Ausland. Besonders im Visier stehen Aktivistinnen, die sich für die
       meist „Afrikaner“ genannten Migranten einsetzen.
       
       2022 hatte eine aus nur einem Dutzend Social-Media-Aktivisten bestehende
       Nationale Partei die Frustration der Tunesier über die anhaltend schlechte
       Wirtschaftslage in eine Kampagne gegen Migranten kanalisiert.
       
       Für viele weiterhin aktive tunesische Aktivisten ist das Thema Migration
       allerdings nur ein Vorwand. Tatsächlich sei die Verhaftungswelle die Rache
       des alten Systems für den Aufstand von 2011, glauben sie.
       
       6 Jan 2026
       
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