# taz.de -- Künstler Manfred Butzmann gestorben: Bildner von Berlins rauer Seele
> Der Künstler Manfred Butzmann irritierte die DDR mit anarchischen
> Plakaten. Nach dem Mauerfall erteilte er Berlin Abreibungen. Jetzt ist er
> gestorben.
(IMG) Bild: Manfred Butzmann bei einer Ausstellung 2009
In der Berliner Straße in Pankow stand mal das Kino „Tivoli“. In den
2000ern musste das Kino ganz dringend einem Discounter weichen. Dabei war
dort Filmgeschichte geschrieben worden: 1895 hatten an dieser Stelle die
Brüder [1][Skladanowsky erstmals Filme] mit ihrem Bioskop gezeigt.
Genau deshalb sind die Jahreszahlen 1895 und 1995 und die Namen von
Vorführgerät und Erfindern im Pankower Pflaster verewigt, als Mosaiken von
Manfred Butzmann, und auch an einer Kreuzung im benachbarten Prenzlauer
Berg: Am 14. September 1942 in Potsdam geboren, war aus ihm schon früh ein
Berliner geworden, wie er waschechter kaum sein konnte. Am Sonntag ist er
gestorben.
Nach einer Lehre zum Offsetretuscheur war Butzmann an die Kunsthochschule
Weißensee gegangen, studierte dort Grafik bei Arno Mohr, Klaus Wittkugel
und Werner Klemke. Berlin verdankt ihm viele Abbilder seiner rauen Seele.
## Die inspirierende Kneipe
Wieder und wieder der Mauerstreifen vor und nach 89; Stadtlandschaften und
Häuserfronten ohne Zahl; beschädigte Schönheiten, zerbröselt, bemalt,
vergessen, aber noch nicht kaputt saniert. Und Butzmann konnte die Klappe
kaum halten. Schon Anfang der 1970er fing er an, auf eigene Kappe Plakate
zu drucken, was in der DDR an sich schon ein ziemliches Ding gewesen ist.
Mit [2][„Bürger schützt eure Steige“ ging es los]. Gedrucktes gegen
Umweltzerstörung und alles Militärische folgte: ein Einmischer, dieser
Butzmann, kein lauter, aber so einer, der natürlich berlinerte, was selbst
in Berlin manchem inzwischen als unfein gilt.
Butzmann nicht. Jahrzehntelang hockte er dienstags nicht nur zum
Skatspielen in der „Molle“, [3][einer Kneipe an der Nahtstelle von Ost und
West], und später im „BiB“. Immer wieder hat er das dortige Publikum
verewigt: eine junge Frau mit geflochtenem Zopf auf dem Hinterkopf, einer
Prinzessin gleich, die in Wirklichkeit ein „leichtes Mädchen“ war; oder das
Gesicht eines Mannes, der schon mehr als genug intus hatte.
Wer so lange zur gleichen Zeit an den gleichen Ort kam wie dieser Typ und
so frei nach Schnauze reden konnte, der durfte da auch zeichnen. Butzmann,
das ist beste „Berliner Schule“, sein künstlerischer Blick glitt über
Menschen und Stadt, sah einen „Schwarzen Giebel“, der sich roh auf der Wand
des Nachbarhauses abzeichnete, oder den „Anhalter Puff“, ein pervers pink
getünchtes Haus, während nebenan alles wegbrach.
## Unbequeme Fragen zur Polizeigewalt
Butzmann hat nie nur geguckt und gemalt, er saß wie andere Entschlossene,
Kirchenleute und bekannte Künstler im Untersuchungsausschuss zur
Polizeigewalt am 7./8. Oktober 1989 an der Gethsemanekirche. Ein unerhörter
Vorgang: Die amtierende Staatsmacht musste sich mutigen Bürgerfragen
stellen. Auch hat er Berlin immer wieder Abreibungen verpasst: Frottagen
von Ornamenten und Mustern in Fluren, auf dem Straßenpflaster, an Türen,
die er verewigte, damit davon so viel wie möglich erhalten bleibt.
Das Landesdenkmalamt dankte es ihm mit einer Auszeichnung, und die Akademie
der Künste verlieh ihm den Käthe-Kollwitz-Preis. Es gab auch weiche Linien
in seiner Kunst, Aquarelle, Landschaften in Moldawien und Mecklenburg,
Kopfweiden, Hügel, Felder. Und sein „Lupinenprojekt“: [4][da hat er 1990
einfach Lupinen auf dem einstigen Mauerstreifen ausgesät]. Sein Vater war
ja Gärtner.
Am 4. Januar ist Manfred Butzmann mit 83 Jahren gestorben. Berlin ohne ihn?
Nicht mehr ganz die Alte.
6 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /130-Jahre-Kino-in-der-Berliner-AdK/!6140385
(DIR) [2] https://www.bildindex.de/document/obj03187331?part=0&medium=dh4217053
(DIR) [3] https://www.kuk-nk.de/2019/10/31/zur-molle-zu-hause/
(DIR) [4] /Lupinen-statt-Minen/!1772442&s=lupinen&SuchRahmen=Print/
## AUTOREN
(DIR) Liane von Billerbeck
## TAGS
(DIR) Kunst Berlin
(DIR) Kunst im öffentlichen Raum
(DIR) Kunst
(DIR) Politische Kunst
(DIR) DDR
(DIR) Nachruf
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Ausstellung
(DIR) Tiere
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Todesstreifen soll Weltkulturerbe werden: Die Grenzerfahrung
Fast 1.400 Kilometer lang ist die ehemalige innerdeutsche Grenze. Nun soll
die einzigartige Grenzlandschaft des Grünen Bandes Welterbe der Unesco
werden.
(DIR) Drei Schauen zu DDR-Kunst in Cottbus: Keck mit Zigarette
Selbstbewusste Porträts stehen neben einem tastenden Umgang mit Identität
in drei Schauen zu DDR-Kunst im Museum Dieselkraftwerk Cottbus. Und Punks.
(DIR) Kolumne Teilnehmende Beobachtung: Die Freiheit der Grenzkaninchen
In mancherlei Hinsicht sind Tiere fortschrittlicher als Menschen. Was
Grenzen angeht, zum Beispiel, lassen sie sich nicht irritieren