# taz.de -- „The Clock“ von Christian Marclay: Aus der Zeit gefallen
       
       > „The Clock“ zieht viele in die Neue Nationalgalerie Berlin. Unserem Autor
       > erscheint die 24-stündige Videoarbeit Christian Marclays schlecht
       > gealtert.
       
 (IMG) Bild: Hegemoniale Bilder aus Hollywood: Ein Still aus Christian Marclays „The Clock“
       
       Auf einer der weißen Ikea-Couches sitzend, inmitten des schwarzen
       Stoff-Kubus, kommen mir nach wenigen Minuten erste Zweifel. Dabei hallen
       die vielversprechenden Testimonials auf der Website der Neuen
       Nationalgalerie Berlin noch in meinen Ohren: „Ein süchtig machendes
       Erlebnis“. Oder: der „vielleicht beste Film, den Sie je gesehen haben“.
       
       Tatsächlich fühlt sich [1][die 24-stündige Videoarbeit „The Clock“] des
       schweizerisch-britischen Künstlers Christian Marclay, die seit dem Gewinn
       des Goldenen Löwen in Venedig im Jahr 2011 ununterbrochen auf Tour durch
       die Museen dieser Welt ist, mit fortschreitender Spieldauer ziemlich leer
       an.
       
       Gezeigt im eigens dafür gebauten Kinosaal im Herzen der Mies-Glashalle,
       synchronisiert mit der lokalen Zeitzone, entspricht jede Filmminute der
       realen, gelebten Minute der Zuschauer:innen. Eine geschickte Montage in
       Echtzeit, die aus fragmentarischen Film- und Tonspuren hunderter von Filmen
       besteht. Diese Schnipsel illustrieren entweder wortwörtlich Zeit – anhand
       von Armbanduhren, Kirchtürmen, Digitaluhren und dergleichen – oder stellen
       die Idee von Zeit metaphorisch dar: schlafende Menschen, abfahrende Züge,
       Atmosphären des Zeitdrucks.
       
       So kann man sich, verführt von der Raffinesse der Ton- und Schnitttechnik
       und betäubt von der Schönheit nostalgischer Bilder, ins Unendliche treiben
       lassen. Bei genauerer Betrachtung jedoch erkennt man unschöne Muster.
       
       ## Stereotype Bilder aus Hollywood
       
       Da ist das Quellenmaterial, das stereotype Bilder Hollywoods reproduziert.
       Was wir sehen, sind hauptsächlich US-amerikanische Filme des 20.
       Jahrhunderts. Kein Bollywood, kein [2][südamerikanisches Kino], kaum
       japanische oder europäische Filme.
       
       Frauen, die immer perfekt frisiert sind, gekleidet in Nachthemden aus
       Satin, Seide und Spitze mit floralen Stickereien oder weiten, fließenden
       Ärmeln. Weiße Männer als Hauptdarsteller, die Helden mimen.
       Judeo-christliche Heilsversprechen. Eine Ikonographie also, die wir im
       kollektiven Gedächtnis verinnerlicht haben. Und das, obwohl keine
       Geschichte, keine Szene, kein Gespräch, keine Bewegung jemals zu Ende
       gebracht wird. Wir sehen nicht einmal ihren Anfang.
       
       Auf diese Schnittfrequenz ist auch zurückzuführen, dass sich nach drei bis
       vier Stunden ein unbefriedigendes Gefühl von Taubheit einschleicht. Die
       einst hypnotisierende Anziehungskraft der 1.000 Schnipsel lässt das von
       Tiktok und Instagram geschulte Auge kalt. Gewöhnt an Überstimulierung, geht
       man heute ins Museum, um einen Gang runterzuschalten, nicht um aufzudrehen.
       
       Im Juni 2025 erst hatte [3][Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen
       Nationalgalerie,] in einem [4][Interview mit dem Spiegel] selbstmitleidig
       die „verordnete Wokeness“ und „Kulturkampf-Tortour“ angeprangert, der er
       sich ausgesetzt fühle. Mit „The Clock“ scheint er dieser eine vermeintlich
       apolitische Kunst entgegensetzen zu wollen. Nur: Welche Antworten auf die
       Fragen unserer Zeit soll eine solche Ausstellungspraxis liefern? Kann sie
       das überhaupt?
       
       Gespeist aus dem westlichen Bewegtbild-Kanon des 20. Jahrhunderts, bedient
       „The Clock“ die perfide Sehnsucht nach einer geschlossenen Welt. Die
       Hauptdarsteller und ihre symbolischen Entsprechungen, beispielsweise als
       phallischer Big Ben – das häufigste Bildmotiv der Arbeit – werden als
       Subjekte ihrer Zeit dargestellt, während der Rest der Bevölkerung zum
       passiven Objekt degradiert wird: schlafend, wartend, zögernd, bangend. Zeit
       fungiert so als Kontrollmechanismus einer patriarchalen Weltordnung.
       
       Als Zeitzeugnis hat das einen Wert. Aber die Stärke von Readymades ist
       gleichzeitig auch ihre Schwäche: Sie spiegeln präzise ihre Umstände,
       formulieren aber nur selten eine eigene Vision. So nagt der Zahn der Zeit
       auch an einer vermeintlich zeitlosen Arbeit wie „The Clock“.
       
       13 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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