# taz.de -- Staatskrise Südkoreas 2024: Ein Ex-Präsident und sein irritierendes Lächeln
       
       > Südkoreas früherer Präsident Yoon Suk Yeol muss sich wegen der Verhängung
       > des Kriegsrechts vor Gericht verantworten. Ihm droht die Todesstrafe.
       
 (IMG) Bild: Korea, 16. Januar: am Bahnhof von Seoul wird der Prozesses gegen den ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Yoon Suk Yeol auf einem Bildschirm übertragen
       
       Seit Wochenbeginn befasst sich die südkoreanische Öffentlichkeit geradezu
       obsessiv mit diesem irritierenden Lächeln: Yoon Suk Yeol, der ehemalige
       Präsident des Landes, grinst wie ein Honigkuchenpferd auf der Anklagebank
       des zentralen Bezirksgerichts in der Hauptstadt Seoul. Dabei hatte die
       Staatsanwaltschaft gerade die Todesstrafe für den 65-Jährigen gefordert.
       
       Auch im „Korea Press Center“ in Seoul rätselt man über das mysteriöse
       Lachen des Ex-Staatsoberhaupts. „Das ist eben seine Art, mit der Situation
       umzugehen“, meint eine Dokumentarfilmerin. Ein anderer Kollege sagt
       schnippisch: „Yoon ist einfach total wahnhaft.“
       
       Bereits am Abend des 3. Dezember 2024 hatte der damalige Präsident ganz
       offensichtlich den Bezug zur Realität verloren. [1][Völlig überraschend
       verhängte der konservative Politiker damals das Kriegsrecht über Südkorea.]
       Während er Spezialkräfte des Militärs zum Parlament entsandte, wandte er
       sich in einer TV-Ansprache mit versteinerter Miene an das Volk: Die linke
       Opposition sei von Kommunisten mit Beziehungen nach China und Nordkorea
       unterwandert; nun müsse die freiheitliche Ordnung mithilfe von radikalen
       Maßnahmen geschützt werden.
       
       [2][Ein Sonderermittlungsteam der Staatsanwaltschaft] kommt jedoch zu einem
       ganz anderen Fazit: Yoon habe versucht, die unabhängige Justiz
       auszuschalten, um an der Macht zu bleiben. Seine Tat sei von langer Hand
       vorbereitet worden, und er habe während des gesamten Prozesses nicht auch
       nur einen Funken Reue gezeigt. Deshalb fordert die Staatsanwaltschaft nun
       die Todesstrafe.
       
       ## „Rückschritt für die Menschenrechte“
       
       Für eine Gesellschaft, die sich nach Jahrzehnten der Militärdiktatur zu
       einer weitgehend liberalen Demokratie gewandelt hat, mag das Strafmaß
       ungewohnt brutal wirken. Amnesty International hat die geforderte
       Todesstrafe einen „Rückschritt für die Menschenrechte“ in Südkorea genannt.
       
       Doch in den sozialen Medien hat die Nachricht über Yoons Prozess unter
       vielen Südkoreanern auch offenen Jubel ausgelöst. Etliche Millennials haben
       morbide Postings abgesetzt, in denen sie ankündigen, anlässlich der
       geforderten Todesstrafe feierlich essen gehen zu wollen. Dahinter steckt
       das Bedürfnis, dass der vermeintlichen Gerechtigkeit Genüge getan werden
       müsse – wenn auch nur symbolisch.
       
       Denn vollstreckt wird die Todesstrafe seit Ende der 1990er in Südkorea
       nicht mehr. Der damalige Präsident Kim Dae-jung (1924–2009) hatte einen
       inoffiziellen Hinrichtungsstopp eingeführt. Kim selbst entkam als
       politischer Gefangener seinem sprichwörtlichen Henker nur durch eine
       Begnadigung.
       
       Als in Südkorea noch Militärherrscher mit eiserner Hand regierten, wurden
       Todesurteile inflationär ausgesprochen. Nun argumentiert die
       Staatsanwaltschaft, dass sie die Höchststrafe fordert, um einen Rückfall in
       die autoritäre Vergangenheit des Landes zu verhindern.
       
       ## Erstes Urteil: 5 Jahre Haft
       
       Dass Todesurteile eine abschreckende Wirkung hätten, gilt allerdings als
       umstritten. „Im koreanischen Rechtssystem ist die vollstreckbare
       Höchststrafe lebenslange Haft“, argumentiert etwa Han In-seop, emeritierter
       Juraprofessor an der renommierten Seouler Nationaluniversität, in einem oft
       geteilten Facebook-Beitrag. Ein Todesurteil hätte also keine praktischen
       Auswirkungen, jedoch ungewollte Nebeneffekte: „Es kann die Anhänger
       mobilisieren und einen Märtyrereffekt erzeugen.“
       
       Unter Yoon Suk Yeols treuesten Loyalisten hofft man derweil darauf, dass
       US-Präsident Donald Trump seinem vermeintlichen Bruder im Geiste zu Hilfe
       kommt – und Druck auf die derzeitige Regierung unter dem linken Lee Jae
       Myung ausübt. Bislang zeigt Trump keinerlei Interesse an der Causa.
       
       [3][Am 16. Januar wurde Yoon Suk Yel in einem ersten Urteil wegen
       Behinderung der Justiz zu fünf Jahren Haft verurteilt.] Ob das Gericht auch
       der geforderten Todesstrafe entspricht, wird sich dann am 19. Februar
       zeigen.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Machtkaempfe-in-Seoul/!6050087
 (DIR) [2] /Staatskrise-in-Suedkorea/!6064780
 (DIR) [3] /Nach-Ausrufung-des-Kriegsrechts/!6146174
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Todesstrafe
 (DIR) Kolumne Stadtgespräch
 (DIR) Verurteilung
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Südkorea
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nach Ausrufung des Kriegsrechts: Südkoreas Ex-Präsident zu fünf Jahren Haft verurteilt
       
       Weil sich Yoon Suk Yeol seiner Verhaftung widersetzt hatte, wurde er zu nun
       einer Gefängnisstrafe verurteilt. Doch ihm droht ein noch härteres
       Strafmaß.
       
 (DIR) Jahrestag des überraschenden Notstands: Einmal Kriegsrecht und zurück
       
       Südkoreas Demokratie hat in den letzten zwölf Monaten ihre schwerste Krise
       überwunden. Doch die Spaltung der Gesellschaft ist tiefer denn je.
       
 (DIR) Staatskrise in Südkorea: Präsident Yoon endgültig des Amtes enthoben
       
       Südkoreas Staatschef hatte im Dezember überraschend das Kriegsrecht
       verhängt. Nun wurde er vom Verfassungsgericht endgültig des
       Präsidentenamtes enthoben.